Porträt

Ein Mann will nach oben

Tomás Saraceno entwirft schwebende Städte. Seine Gehilfen: Spinnen und Seifenblasen. Seine Disziplinen: Architektur, Wissenschaft und Kunst. Alles darf bei der Entwicklung der Konstruktionen eine Rolle spielen – außer das Wort Utopie

von Silke Hohmann
01.01.2010

Ausgerechnet seidener Faden und Luftblase. In Sprachbildern verwendet, bedeutet das Vorsicht, Gefahr und Illusion. Doch genau diese fragilen Materialien sind Vorbild für eines der ambitioniertesten Projekte der Gegenwartskunst: Der Architekt und Künstler Tomás Saraceno plant fliegende Siedlungen. Dabei orientiert er sich an den Strukturen von Seifenblasen und erforscht die ungeheure Stärke und Feinheit von Spinnweben.
Sein raumfüllendes Spinnennetz war eines der ikonischen Werke der vergangenen Biennale in Venedig. „Galaxy Forming along Filaments, like Droplets along the Strands of a Spider’s Web“ enttäuschte trotzdem ein wenig, zumindest diejenigen, die schon von Saraceno wussten. Denn wo, wenn nicht auf dieser Weltschau, hätte man erwartet, dass der Mann endlich eine seiner wirklich großen Ideen realisiert? Eine begehbare, schwebende, sich selbst versorgende Wohneinheit. Eine Installation, die weiter geht als ein naturwissenschaftliches Derivat und die mehr darstellt als ein utopisches Modell, von denen es so viele gab auf dieser Biennale.
In Kopenhagen lässt sich Saracenos Kosmos nun betreten. Mit einem Dutzend solcher Ballonmodule, die gehalten werden von netzartigen Seilkonstruktionen, ist die Installation im Statens Museum seine bislang riesigste. Sie gleicht einer gigantischen Larvenapparatur, erdacht von den fröhlichen Geschwistern des Alien-Erfinders H. R. Giger.

Menschen, die durch eine Schleuse in die größte der transparenten Kugeln geschlüpft sind, wirken von außen wie Beute, doch innen wartet ein faszinierender Ersatz für den festen Boden unter den Füßen: das Rundum-gehalten-Werden in einem Kokon aus durchsichtiger PVC-Folie, sanft, beweglich, vielleicht urvertraut, doch es kommt kein wohliger, pränataler Dämmerzustand auf. Saracenos Lufthäuser schärfen die Wahrnehmung. In einer pneumatischen Mulde auf dem Rücken liegend, denkt man: Das also kann auch Kunst sein, eine Idee, die für heute noch als zu groß erscheint. Saraceno, der zwei Monate lang aufgebaut hat und jetzt, 20 Minuten vor der Eröffnung, kurz Zeit hat, blickt freundlich aus seiner eigenen Kuhle herüber und wäre jetzt für Fragen bereit. Aber es gibt in diesem Moment keine.

Das Gespräch findet zwei Wochen später in einem Atelierhaus zwischen der Frankfurter Messe und dem Hauptbahnhof statt, früher war es mal ein Polizeipräsidium. Messingtürknauf, geschwungene 50er-Jahre-Handläufe, glatter Steinboden, dessen Maserung an Bierschinken erinnert.
Der Aufzug ist kaputt, das Atelier liegt ganz oben, und bereits ein Stockwerk darunter hört man den Künstler, der den Korridor entlangläuft und am Telefon einen Wissenschaftler beschwichtigen muss. Es geht um ein Projekt mit der Nasa. Im Flur hängen geometrische Netze an der Wand, streng und zerbrechlich wie schwarze Schneekristalle. An der Tür kleben neonfarbene Zettel: „Miami-Transport!“.

Saracenos Studio besteht aus mehreren Amtsstuben mit Blick auf den rauen Teil der Stadt. Nebenan entsteht gerade wieder irgendein neuer Wolkenkratzer. Material­proben, Solarfolie und Verpackungen liegen auf Fensterbänken. Ein paar freundliche Assistenten winken hinter ihren Laptops. Einer fragt, ob wir nicht die Spinnen in ihren Plexiglashäusern, jedes eine Nachbildung des italienischen Pavillons in Venedig, betrachten wollten.

Das Wissen über diese Tiere sei immer noch überraschend gering, erzählt Saraceno, als wir an seinem Arbeitsplatz sitzen. Er hat es mit den Spinnen wie mit allem gemacht, das ihn interessiert: informieren, beschaffen, ein bisschen herumspielen und beobachten. „Ihr Lebendfutter gibt es nur in einem Laden an der Konstablerwache. Ich musste die Fliegen immer unter der Jacke durch die Stadt tragen, damit sie nicht erfrieren.“
Er ist nicht der Erste, den das Potenzial der Spinnen interessiert. In Oxford werden seit 25 Jahren ihre Spuren aufgezeichnet. „Aber ich konnte es einfach nicht glauben, dass bisher noch niemandem ein Scan eines dreidimensionalen Netzes gelungen war.“ Saraceno und sein Team nahmen einen ihrer Spinnenpavillons, fuhren abends in die Uniklinik und baten darum, eine Computertomografie machen zu dürfen. Sie durften, aber es funktionierte nicht. Die 0,0004 Millimeter Durchmesser der Seide überschritten die technischen Möglichkeiten um ein Vielfaches.
Also mussten sie umdenken. Und hatten irgendwann die Idee, das Netz bei Dunkelheit mit einem Scheibenlaser Millimeter für Millimeter abzutasten. „Er machte winzige Punkte an den Knoten. Eine Sternennacht schien sich vor uns aufzutun!“ Saraceno kommt mit seinen unorthodoxen Methoden inzwischen weiter als manche Experten.

Er knüpft selbst seine Fäden zwischen dem unendlich Großen und dem mikros­kopisch Kleinen. Die Aneinanderreihung von Galaxien, „wie Tautropfen in einem Spinnennetz“, ist gerade sein zentrales Thema. Vor wenigen Jahren erst setzte sich in der Wissenschaft dieses Erklärungsmodell für die Beschaffenheit des Universums durch. Der Beweis allerdings, es lasse sich exakt mit Spinnweben vergleichen, steht noch aus. Tomás Saraceno will ihn demnächst in der Kunsthalle Bonniers in Stockholm erbringen. Dort wird er als Erster die vergrößerte Nachbildung eines dreidimensionalen Spinnennetzes zeigen. Worum es ihm aber vor allem geht: beide Extreme, das Größte und das Kleinste, auf ein menschliches Maß zu bringen, sichtbar zu machen und am Ende benutzbar.
Schon als Student in Buenos Aires legte man ihm vorsichtig nahe, sich doch eine Akademie zu suchen, die ein bisschen freier mit dem Begriff Architektur umgeht. Also schrieb er sich zum Postgraduiertenstudium an der Städelschule in Frankfurt am Main bei Peter Cook ein, dem Pionier der Gruppe Archigram. Außerdem traf er auf Thomas Bayrle (siehe Porträt in Monopol 4/2009), den bedingungslosen Ermutiger seiner Studenten.

Während dieser Zeit ging Saraceno das erste Mal in die Luft – mit einem selbst gebauten Ballon aus schwarzer Plastikplane, der ausschließlich durch Sonnenwärme aufstieg. Dessen Inneres wurde heißer als die Außentemperatur, dieses physikalische Gesetz verstehen schon Grundschüler. Zudem brauchte man bloß noch eine Menge Klebeband und einen Plan, den der Künstler nach Open-Source-Prinzip im Internet zum Download anbot. Seine Konzepte, darauf legt er Wert, passen nicht zum Schlagwort Utopie. Sie gehen immer von einer Machbarkeit für alle aus.

Schau mal!“ Saraceno wendet mit Begeisterung ein Stückchen Solarfolie in den Händen, das in allen Farben schimmert wie ein Ölfilm auf dem Wasser. Wir stehen auf dem riesigen Dachboden, Werkstatt, Labor und Lagerraum für unzählbare Kisten mit Rollen, Seilen, Werkstoffen, undefinierbarem Kram. Im Hintergrund beschichten zwei Spezialisten eine Glasfläche mit schillernder, transparenter Folie, in der Ecke steht ein Bilderrahmen gleichen Formats und ein Feld mit Solarzellen.

Zusammengesetzt soll die Arbeit heute noch nach Florida zur Art Basel/Miami Beach geschickt werden. Saraceno, mit dessen Kunst man zuallerletzt gerahmte Bilder in Verbindung bringen würde, schiebt grinsend ein seitliches Fach am Rahmen auf. „Hier kann man sein Mobiltelefon aufladen.“ Schön wie ein Anselm Reyle, aber nützlicher, auch über der Wohnzimmercouch. Ein ziemlich guter Beitrag für die Messe, die sich nach den Jahren des Glitzkriegs wieder besonnen gibt.
Die Solarfolie ist so leicht, dass sie sogar für die Wohnballons infrage kommt. Aber wozu dient die schimmernde Beschichtung auf den Rezeptoren? Saraceno zuckt mit den Schultern. „Sieht besser aus.“ Stimmt. Seine These: Solarenergieanlagen haben immer noch eine geringe Verbreitung, weil sie hässlich sind. Hinter seiner Idee, die Folie mit opalisierendem Glanz zu versehen, sind jetzt jedenfalls Konzerne her. Doch Saraceno hat das Patent. Und er verkauft nicht. „Ich will, dass jeder es kopieren darf.“

Tomás Saraceno weiß, die Schönheit ist sein wichtigster Verbündeter, wenn es um die Verbreitung seiner Vorstellungen geht. Und viele seiner Aktionen in aller Welt, sei es an Geysiren in Island oder im Hochland der Anden, dienen der Erzeugung guter Bilder. Zum Beispiel von Menschen, die vor winterklarem Himmel auf riesigen, durchsichtigen Luftkissen herumspringen.

Der spektakulärste Ort, den er wohl jemals aufgesucht hat, ist ein ausgetrockneter Salzsee in Bolivien, der Salar de Uyuni. Nach der Regenzeit stehen ein paar Zentimeter Wasser auf den krustigen Salzplatten – ein unendlicher, vollkommen unbewegter Spiegel des Himmels, und nirgendwo Land in Sicht. Viele Wochen verbrachten Saraceno und seine Mannschaft dort, bis sie selbst ganz verkrustet waren, und schossen eine fantastische Panoramaaufnahme. Nachts, erzählt er, habe man die Milchstraße zugleich über und unter sich, mit einer Fußbewegung ließe sich das gesamte Firmament zum Schwingen bringen.
Man kann mit Tomás Saraceno leicht einen weiten Bogen um das Wort Utopie schlagen. Es traf eigentlich schon für Richard Buckminster Fuller nicht richtig zu, den Universalisten unter den Architekten und Vordenker des „Raumschiffs Erde“, Saraceno hat ihn studiert und verehrt. Genau wie er stand Fuller zwischen allen Disziplinen: Ökologie, Architektur, Soziologie, Astrophysik. Oder eher: darüber.

Fullers grundsätzliche Gedanken lagern jedoch heute im kulturellen Gedächtnis, in jener sehr selten benutzten Ablage „Utopie“. Und von dort hat es noch keiner wieder zurück in die Gegenwart geschafft, auch wenn das in vielen Fällen nicht nur berechtigt, sondern notwendig wäre. Viel lieber als über Visionen also will man mit Saraceno über Konkretes reden, etwa: Knotentechnik, Pflanzen im Weltraum, Elevation – diese winzigen Hürden, die es noch zu überwinden gilt.
Er sucht ein blaues Fass, findet es unter Bauplanen, und wir tragen es hinunter in sein Büro. „Guck.“ Erfreut streut er Pulver auf ein Blatt Druckerpapier. Die extrem weißen Kristalle scheinen von innen zu leuchten und unscharfe Konturen zu haben, gleich einer geheimnisvollen Droge. „Aerogel, hat 15 Weltrekorde“, sagt Saraceno wie ein „Yps“-Leser vor dem Nobelpreiskomitee. Unter anderem sei es der leichteste und dabei stabilste Stoff der Welt.
Er klopft mit dem Finger auf dem kleinen Berg herum, bis das Material fein zerbröselt, und lässt ein paar Tropfen aus der Wasserflasche darauf fallen. Sofort umschließt das Pulver die Tropfen, und wie Quecksilber rollt die Flüssigkeit über das Blatt, liquid und doch nicht zerfließend. „Ich habe mit den Leuten aus der Herstellung telefoniert, die damit schon lange arbeiten. Aber von dem Effekt wussten sie noch gar nichts.“

Wenn man das Wasser in den Tropfen wieder zum Verdunsten bringe, überlegt Saraceno, bleibe eine ultradünne, harte Kugelschicht übrig – so etwas könnte ein weiterer bedeutender Baustein der fliegenden Siedlung werden. „Ich habe Aerogel schon von vielen Orten aus, je nachdem wo ich Projekte gemacht habe, bestellt. Erst neulich realisierte ich, es kommt aus Frankfurt.“

Frankfurt meint für ihn vor allem einen Ort mit riesigem Flughafen. Standorte interessieren Saraceno nicht sehr, seine globalen Luftstädte haben auch eine bio­grafische Dimension. Während der Militärdiktatur in Argentinien lebten seine Eltern mit ihm in Italien, als Zehnjähriger sollte er „zurück in die Heimat“ und fand die Vorstellung absurd. Seine Frau kommt aus Serbien, in seinem Atelier arbeiten Leute unterschiedlichster Nationalitäten, alle sprechen Englisch. Seine Galerie Andersen’s Contemporary hätte ihn gern in Berlin. „Aber wenn wir umziehen“, meint er, „müsste es schon in ein schwebendes Studio sein.“

Aktuelle Ausstellungen: „Life Forms“, Gruppenschau, Bonnierskonsthall, Stockholm, bis 10. Januar. Andersen’s Contemporary, Kopenhagen, bis 10. Januar. „Rethink Relations“, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen, bis 5. April

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