Interpol

Ausstellung mit Berliner Meisterschülern

Du musst nie wieder in die Schule gehen

Kunsthochschule vorbei - wie jetzt weiter? Die Berliner Galerie Arndt zeigt zehn Meisterschüler unmittelbar nach ihrem Abschluss

von Stefanie Schneider
12.09.2014
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Als die Deutschen damals in Bern schon nach acht Minuten mit 0:2 hinten lagen, haben sie vermutlich jeden Regentropfen, der vom Himmel kam, innerlich liebkost. Der Grund dafür ist ganz einfach: Während die altmodischen Stiefel der favorisierten Ungarn immer schwerer wurden, tänzelten die Deutschen mit den ersten Stollenschuhen regelrecht durch den Regen. Der Rest ist Geschichte. "Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus!", schrie der Kommentator damals endorphingeschwängert in die Welt. Und tönt dem Besucher heute beim Eintritt der "Berlin Masters"- Ausstellung in der Galerie Arndt entgegen.

Humorvoll macht die Soundarbeit des jungen Künstlers Paul Darius auf das aufmerksam, was jetzt kommt. "Das Spiel ist aus" führt in eine Werkschau von zehn Meisterschülern aus der Universität der Künste und der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, die die Ausbildung erfolgreich und mit Meistertitel in der Tasche abgeschlossen haben. Und was kommt jetzt?

Bevor sich der Besucher umschauen kann, werden Füße und Kopf gereinigt. Über einen weißen Teppich im Eingangsbereich geht er mit gesäubertem Schuh auf eine Maschine zu, die an irgendetwas zwischen Kopierer und Zementmaschine erinnert. Eine im regelmäßigen Rhythmus öffnende und schließende Klappe inhaliert die Galerieluft, reinigt sie durch ultraviolettes Licht und pumpt sie in die Wand. Das, was in der Kunstbetrachtung oftmals passiert, will Marc von der Hocht damit eliminieren: Der inhaltsschwere Blick, der mehr sieht als tatsächlich ist. Nüchtern statt hochtrabend und aufgequollen. Keine Mythen, keine Geschichten, kein Fußball, kein Meister. Es zählt das Jetzt und was darauf folgt.

Die gebürtige Koreanerin Jeewi Lee zeigt den Status quo, indem sie die Spuren ihrer Vergangenheit nicht abbildet, sondern ganz konkret ausstellt. Gegenstand ihrer Arbeit "Fundament" ist der originale Universitätsboden der Udk, über den sie sieben Jahre schritt und aus dem sie nun ein Stück herausschnitt. Auf den ersten Blick wirkt er wie abstrakte Malerei, nahezu monochrom. Aber – ist das nicht Kaugummi? Und da ein erkennbarer Schuhabdruck? "Jeewi war in der Malereiklasse", erzählt Lydia Korndörfer, eine der beiden Kuratorinnen, die diese Ausstellung mit dem Galeriebesitzer Matthias Arndt zum zweiten Mal konzipierten, "sich so frei zu entfalten, wäre früher gar nicht möglich gewesen. Wenn du in der Malereiklasse warst, hast du eben gemalt. Heute ist das anders."

Dass die Malerei trotzdem noch einen großen Stellenwert hat, zeigen die Arbeiten von Thea Drechsel, die im Spiel zwischen Abstraktion und Figuration den Betrachter bewusst herausfordern. "Beim Betrachten der Bilder stellt sich eine landschaftliche Assoziation sofort ein, auf die Ferne wird das aber immer ins Abstrakte gebrochen. Das Kippen dieser beiden Pole, das interessiert mich", meint Drechsel, für die es, wie bei den meisten, die erste Galerieausstellung ist: "Es fühlt sich an wie ein Sprung, raus aus dem behüteten Kosmos, der einen die letzten Jahre umgab."

Und ein Sprungbrett soll die "Berlin Masters"-Ausstellung auch sein. Schon im letzten Jahr habe sich gezeigt, dass der Name "Arndt" bei Atelierbewerbungen ungemein helfe. "Der Kreis, in dem die Künstler bekannt sind, hat sich durch diese Ausstellung um einiges erweitert. Das ist notwendig, um die Karriere voranzutreiben", meint Korndörfer. Mit dem Abschluss des Studiums fallen für die Künstler die Materialien und das Atelier weg, essentielle Dinge, die bis dato von der Ausbildungsstätte zur Verfügung gestellt wurden. Dazu kommt der spürbare Druck des Kunstmarktes. Gerade in Berlin ist es schwierig, Fuß zu fassen. Die Konkurrenz ist riesig, der Druck ist groß, alle wollen von der Kunst leben, "aber nicht jedem gelingt es", meint Kuratorin Lisa Polten, "wie in jedem anderen Beruf zählen Disziplin, Selbstmanagement und Leidenschaft."

Die Ausstellung gleicht einer Erzählung, in der sich mit der Zeit immer deutlichere inhaltliche Verflechtungen aufdecken lassen. Das Motiv der Spur ist eines davon. Während es bei Lee um die konkrete Fußspur, den Boden als Vermächtnis der Vergangenheit geht, schließt die künstlerische Erzählung mit einem Werk, das zugleich öffnet. Einer Soundinstallation, die mithilfe von akustischen Spuren versucht, das Unvorhersehbare zu bestimmen. Damit könnte die Ausstellung nicht passender enden.

"Berlin Masters 2014", Galerie Arndt, bis zum 13.09., Infos hier

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