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Künstler, die uns aufgefallen sind

Watchlist: Britta Thie

Als Matthew Barney in New York den ersten „Cremaster“-Film plante, war Britta Thie Schülerin in Minden, Westfalen, und lauerte täglich auf das Fernsehprogramm.

von Kirsa Geiser
31.05.2015

Ihre Eltern unterstützten ihre Leidenschaft durch den Kauf einer Videokamera, mit der sie fortan Sendungen wie "Vivasion", "Schreinemakers Live" oder "Wetten, dass..?" nachinszenierte. Hauptakteurin und Regisseurin: die sechsjährige Britta.

Später landete Thie an der Berliner Universität der Künste in der Klasse der Medienkünstlerin Hito Steyerl. Dort perfektionierte sie die Technik, sich in verschiedenen Welten gleichzeitig zu bewegen, mit sich selbst als Mittlerin. Etwa in der Arbeit "Liquify" von 2010, für die sie ein im Renaissance-Stil fotografiertes Doppelselbstbildnis mit dem gleichnamigen Photoshop-Tool bis zur Unkenntlichkeit verwischte.

Das Gesicht der Künstlerin lässt tatsächlich an eine Figur aus einem Matthew-Barney-Film denken. Der transparente Hautton, die rötlich blonden Haare und viktorianischen Zügen würden perfekt in seine "Cremaster"-Fantasien passen.

Schon als Jugendliche, damals noch schlicht in Jeans und Sweatshirt gekleidet, fiel Britta Thie auf. Sie sehe aus wie ein "Alien", wurde ihr gesagt. Mit 15 begann sie, die Zuschreibungen der anderen aufzugreifen. Seitdem präsentiert sie sich mit auffälligen Outfits, Make-ups und Frisuren, im Alltag genauso wie auf den Bühnen der Kunst. Das sei gar nicht so einfach, meint Thie. Exponiertheit entspreche nicht ihrem Naturell, sie sei eher zurückhaltend. Ist für sie Styling Teil ihrer künstlerischen Arbeit? "Ja, irgendwie schon. Vielleicht Performance ohne Label."

Nicht selten stiften ihre Auftritte Verwirrung. In New York, wo sie ein Jahr bei Sharon Hayes an der Cooper Union studierte, trug sie im Baby Grand, einem angesagten Club für Mittzwanziger, ein schwarzes Kleid, auf das sie das Logo "PS4" gedruckt hatte. Umstehende Nerds gerieten in Aufregung und wollten von ihr wissen, wann und wo die ersehnte vierte PlayStation-Spielkonsole denn endlich "released“ würde. Im Internet, wo die Party per Videostream verfolgt werden konnte, fand Thies Auftritt in Social Media und Blogs viele Kommentare.

"Mich interessiert bei solchen Aktionen die Vermischung zwischen Kunst, Pose und Marketing, die derzeit überall stattfindet", sagt Thie. Die Wirtschaft regt die Produktion von Kreativen an, während die Kunstbranche auf PR-Methoden zurückgreift. In Begriffen wie "Launching", "Release“ oder "Preview" treffen sich Marketing- und Kunstjargon längst.

So wie bei ihren Arbeiten nie ganz klar ist, wo die Performance beginnt, lässt Britta Thie auch bei der Präsentation die klassische Ausstellung gelegentlich hinter sich. Zum Beispiel bei "Shooting": Das Video, das die Künstlerin 2010 auf das Portal Vimeo geladen hat, erreichte über Mode- und Kunstblogs wie Dismagazine.com oder Vvork.com ein großes Publikum und wurde bisher fast 75 000-mal angeschaut. Thie imitiert darin in Doppelbesetzung die Fotografin und das Model eines Werbeshootings. Die eine Britta folgt beim Posen konzentriert den zackigen Anweisungen der anderen.

Thie versteht die Arbeit als Metapher für die Bereitschaft zur chamäleonartigen Anpassung und den Selbstverkaufsdruck, die sich Künstler ihrer Generation auferlegen, "wobei Slogans und User-Oberflächen der Werbung nicht nur in die bildende Kunst eindringen, sondern in alle Bereiche menschlicher Beziehungen“.

Mit Annika Kuhlmann hat Thie vor Kurzem die Agentur Special Service gegründet, die Kunst und Modeln verbinden soll – für einen ersten Beitrag, der im Laufe des Jahres im "Bullett Magazine" erscheinen wird, kooperieren die beiden mit dem Fashion-Label New Ultra Group. Als Model hat die Künstlerin Erfahrung. Sie wurde beispielsweise für Vodafone-Kampagnen gecastet und zum Dreh des Louis-Vuitton-Spots mit David Bowie gebucht – dem Popstar, der lange vor Britta Thie vom Himmel fiel.  

Die Website der Künstlerin: brittathie.tv

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 02/2014.

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