Knechte des Digitalen: New Museum Triennale in New York

12.03.2015
DIS "The Island (KEN)" (Installation und Live-Performance in New York im Rahmen der Triennale des New Museum "Surround Audience", Foto: Heji Shin, © Dornbracht)
DIS "The Island (KEN)" (Installation und Live-Performance in New York im Rahmen der Triennale des New Museum "Surround Audience", Foto: Heji Shin, © Dornbracht)

Es gibt Innovationen, die sofort verstanden und beherrscht werden. Die ersten Maler, die sich der Ölfarbe zuwandten – Jan van Eyck und Rogier van der Weyden zum Beispiel – gehören noch immer zu den besten ihrer Zunft. Schon auf den frühen Aufnahmen mit elektrischen Gitarren erkennt man Les Paul, T-Bone Walker und Sister Rosetta Tharpe (und bald auch Jimi Hendrix) als Meister des Instruments, und viele Leute halten "Don Quichote" noch immer für einen Höhepunkt der Romankunst.

Beim Internet liegt der Fall anders. Auch nach 25 Jahren gibt es noch keinen van Eyck, van der Weyden, Hendrix oder Cervantes. Das liegt auch an der Flüchtigkeit des Netzes; Kommerz und Novelty bringen jedes Idol ins Wanken (auch die neuen); und jeder Link ist stets schon vom Verfall gezeichnet und wahrscheinlich bald unbrauchbar.  ... weiterlesen

Type 42: 9 unheimliche, erotische Polaroids von Hollywoodstars

30.01.2015
Type 42 (Anonymous) "Andra Martin", 1960s-1970s (Courtesy Galerie Susanne Zander/ Delmes & Zander)
Type 42 (Anonymous) "Andra Martin", 1960s-1970s (Courtesy Galerie Susanne Zander/ Delmes & Zander)

Es handelt sich hier um neblig unscharfe, schwarz-weiße Polaroidbilder von Filmstars und Femme Fatales, abfotografiert von kleinen Fernsehern in dunklen Räumen. Die Aufnahmen stammen von einem unbekannten Künstler, den man nach der Serienbezeichnung seines verwendeten Sofortbildmaterials Type 42 genannt hat. Die Bilder entstanden in den 60ern, aber aufgetaucht sind sie erst 2012. Ein Künstler war über die Sammlung gestolpert (Hallelujah!).

Auf den meisten findet man den Namen der Darstellerin notiert, auch mal ihre Maße, manchmal den Filmtitel. Die Handschrift wirkt umständlich und bemüht – die i-Punkte sitzen nicht direkt über dem Buchstaben, sondern sind nach rechts versetzt. Die Fotokünstlerin Cindy Sherman nennt sie in ihrem Beitrag zum Katalog der Ausstellung – sie lief in Berlin unter dem Titel „Fame is the Name of the Game“ kürzlich in Berlin – eine „ausführliche Abhandlung darüber, was es heißt, eine Frau zu sein.“  ... weiterlesen

John Waters ist ein Nationalheiligtum

12.01.2015
John Waters bei seiner Ausstellungseröffnung in der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin (Foto: dpa)
John Waters bei seiner Ausstellungseröffnung in der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin (Foto: dpa)

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann und wo ich es gelesen habe, aber irgendwo hat der große Künstler, Filmemacher, ja Nationalheiligtum John Waters, einmal gesagt, dass ihn der nicht weniger große, 2003 verstorbene American-Fine-Arts-Galerist Colin de Land "vor dem Fluch des Ruhmes gerettet" habe.

Wenn sich, das meinte Waters wohl damit, eine Berühmtheit wie er als Künstler in die Kunstwelt wagt – James Franco, Jay-Z, Tilda Swinton – dann geht man dort sofort auf Abstand, beschimpft die Kunst und findet allein schon ihre Gegenwart schmutzig und abstoßend. Und es stimmt: Als Waters vor langer Zeit seine Arbeiten in de Lands legendärer Galerie zum ersten Mal gezeigt hat, blieb ihm diese Feuerprobe erspart. Das liegt wiederum nicht nur daran, dass er einer der besten amerikanischen Regisseure ist – Waters arbeitet auch als Künstler ausnehmend originell.  ... weiterlesen

Ikonoklasmus heute: "Charlie Hebdo" und die tödliche Macht der Bilder

09.01.2015
Solidaritätsbekundung in Cannes (Foto: dpa)
Solidaritätsbekundung in Cannes (Foto: dpa)

Wir alle sind entsetzt über die Terroristen, die mit dem Kampfschrei "Wir haben den Propheten Mohammed gerächt! Allahu akbar!" Menschen umbringen, weil sie Bilder des Propheten Mohammed gezeichnet und veröffentlicht haben. Aber nochmal – und ohne das Problem des ideologischen Fanatismus vereinfachen zu wollen oder damit anzufangen, wie arrogant, rotzig oder widerlich die Cartoons waren (in den USA wäre angesichts von regelmäßig erscheinenden rassistischen oder antisemitischen Cartoons die Hölle losgewesen; wobei Gewehre natürlich das Ende aller Differenzierung bedeuten): Diese gezielte und geplante Tat wurde wegen einer Zeichnung verübt.

Wegen Bildern zu morden hat dabei ebenso primitive Wurzeln und einen ebenso komplexen Hintergrund wie jemanden zu ermorden, weil er oder sie an den einen und nicht den anderen tatsächlichen oder fiktionalen Gott glaubt. Alle vier großen monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum, Islam und Zoroastrismus – beruhen auf dem alten Testament. Über das Bildschaffen steht im zweiten Gebot: "Du sollst dir kein Gottesbild machen ... Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott." Das bedeutet zweierlei: Zum einen gestattet Gott Abstraktion und unbehauenen Stein (neolithische Kreise und dergleichen) und verbietet realistische Bilder. "Verflucht sei, wer einen Götzen oder ein gegossenes Bild macht." Zum anderen weiß dieser Gott, dass es da draußen andere Götter gibt – in Griechenland, Rom oder Ägypten, zwischen Tigris und Euphrat, in den Steppen, in Nordafrika, dem subsaharischen Afrika, im Mittelmeerraum, auf dem indischen Subkontinent und im Fernen Osten. Das autoritäre Bildverbot steht auch im Koran.  ... weiterlesen

Das Imperium quasselt zurück: Stefan Simchowitz reagiert auf sein großes Porträt im "New York Times Magazine"

08.01.2015
Stefan Simchowitz (Bild: Getty Images)
Stefan Simchowitz (Bild: Getty Images)

Im ersten großen Artikel über Kunst in diesem Jahr geht es nicht um Kunst, sondern um Sex von Geld mit jungen Künstlern. Gerade hat das "New York Times Magazine" ein ausgewogenes, 5000 Wörter langes Porträt des selbsternannten "Sammlers/Händlers/Beraters" Stefan Simchowitz aus Los Angeles veröffentlicht. Die Überschrift lautet: "Mäzen Satan: Warum hasst die Kunstwelt Stefan Simchowitz?"

Zum Text sieht man ein Foto des massigen, nur mit schwarzen Unterhosen und Socken bekleideten Simchowitz. Er wird umringt von drei untätigen, aber angezogenen Frauen, die sich vor seiner maskulinen Blöße abwenden, während er – anzunehmen: geschäftlich – telefoniert. Die Szene erinnert an jene schmierigen Akademiegemälde des 19. Jahrhunderts, auf denen sich biegsame Damen räkeln und mittendrin regiert irgendein Sultan sein Reich. Das Fotomotiv sei seine Idee gewesen, sagt Simchowitz dazu. Es solle "als zugleich Karikatur und Performance zu einer theologischen Exegese darüber anregen, wie man sich einerseits vor der Kunstwelt auszieht und andererseits die Kunstwelt selbst auseinandernimmt." Je nun. Unmittelbar nachdem der Artikel Online stand, erschien ein lustiger Tweet des Künstlers Richard Prince, der meinte, dass er "Zuhälter, Sackgassen und hübsche Gemälde" gut fände und "diese Kibbuz-Geschichte im Reality-TV-Format" aus der New York Times als Drehbuch für einen Hollywoodfilm eingereicht habe, der entweder "Mäzen Blödmann" oder – als Anspielung auf Simchowitz’ Schiebermethode des billigen Ankaufs und teuren Verkaufs - "Wippe" heißen solle.

Im Porträt erklärt Simchowitz, dass sein Unternehmen Simcor einem Künstler "Feuer" und "Momentum" verschaffe. Er erzählt, dass er "Bevollmächtigte" in jene Galerien schicke, die ihn auf ihrer "Schwarzen Liste" führten, meint, dass er in die "kulturelle Produktion investiert" und behauptet, die 1500 Werke seiner Sammlung hätten einen Wert von ungefähr 30 Millionen Dollar. Er nennt andere Händler und Berater "Parasiten", findet das Werk eines seiner Künstler "schwach" und instruiert daraufhin trotzdem einen Assistenten, "das ganze Studio zu kaufen, und zwar sofort, Signatur hinten drauf, Fotos – das volle Programm."

Nachdem im letzten März eine ähnliche Geschichte erschienen war, hatte ich einige Zitate zusammengestellt und einen skeptischen Kommentar gewagt, worin ich Simchowitz etwas paranoid-alarmistisch "einen Sith-Lord" nannte. Daraufhin zog er auf meiner persönlichen Facebook-Seite über mich und jeden her, der nicht seiner Meinung war, und er beschimpfte ausgezeichnete Händler wie Michele Macarrone und Gavin Brown. (Brown postete am nächsten Tag als Antwort einen abgeschlagenen Pferdekopf.) Die meisten verstanden Simchowitz’ Einlassungen nur als das übliche, aber wahnsinnig laute Kunstberatergerede, aus dem sich vor allem ablesen ließ, wie marktbezogen die Kunstwelt sich derzeit entwickelt. Simchowitz stand als Statussymptom und Statthalter für die tatsächliche und symbolische Rolle, die Geld und Machtgehabe heute in der Kunstwelt – oder, wie er sie nennt, der "Kulturindustrie" – spielen.

Diesmal beehrte er, noch vor dem Erscheinen des Times-Artikels, die Facebook-Seite der Kunstbloggerin Paddy Johnson. Mehr als 5000 Wörter lang ließ er sich über das Porträt aus, beschwerte sich, verteidigte und analysierte es. Zwei Tage später schrieb er nochmal 5000 Wörter auf die Facebook-Seite von Hrag Vartanian, der in seinem großartigen Blog "Hyperallergic" immer wieder Geldleute wie Simchowitz auseinandernimmt. (Beleidigt hatte ihn Vartanian, als er in seinem Blog fragte, ob "jemandem was zu dieser Simchowitz-Sache einfällt".) Und zuguterletzt veröffentlichte er auf seiner eigenen Facebook-Seite noch eine ebenso lange "GEGENDARSTELLUNG", in der er krähte: "Ich habe die Post-Internet-Kunst als Bewegung entdeckt; ich habe Marinettis Manifest und seine Kunsttheorie gelesen; ich bin keine Nachrichtenagentur, nur ein Exhibitionist...". Usw.

Der entscheidende (und für mich deprimierende) Unterschied bestand diesmal aber in den Antworten diverser Künstler auf seine Kommentare. Viele Künstler fühlen sich vom System ausgeschlossen und hoffen auf dessen Erneuerung. Immer mehr Künstler scheinen der zynischen Meinung, dass "die ganze Kunstwelt stinkt - und Simchowitz nicht mehr als der Rest." Viele halten Simchowitz für eine Art aufrechten Rebellen, der die böse und hermetische Welt der Galerien erobert und ihr Geld verteilt. Zahlreiche Künstler klicken "Gefällt mir" bei allem, was Simchowitz sagt. Sie finden ihn gut, weil er "die Ordnung des Systems bedroht... das nun zurückschlägt"; "die komplexe akademische, journalistische und institutionelle Infrastruktur herausfordert, die der Kunstwelt zur Preisabsprache dient"; "das insiderische, korrupte Netzwerk der etablierten Händler aufmischt"; "für einen frischen Wind steht, mit dem ich persönlich gerne zusammenarbeiten würde" (sic!). Der große Berater/ Kurator Kenny Schachter fasste es treffsicher zusammen: "Schieb dein Geld rüber, Simcho, es gehört alles dir."  ... weiterlesen

Die 14 besten Museums-Ausstellungen 2014 in New York

30.12.2014

1. "Henri Matisse: The Cut-Outs" im MoMA

Bis zum Letzten ring ich mit dir ..., dem Hass zu liebe spei' ich meine letzte Kritik nach dir, hoffend, dass Du Dir nicht länger dabei im Weg stehst, vernünftige Räume für die temporären Ausstellungen und doppelt soviel Platz für die feste Sammlung einzurichten (anstatt, wie Du es angekündigt hast, den Platz für nutzlose Event- und andere Wechselausstellungen zu verdoppeln). Mit meiner MoMA-Verachtung stehe ich ja nicht allein. Während der letzten zehn Jahre habe ich keinen Menschen getroffen, der nicht total enttäuscht vom MoMA gewesen wäre, und nicht mit ihm haderte – obwohl ich vermutlich der einzige bin, der das Museum verfolgt wie Käptn Ahab.   ... weiterlesen

Holy Shit, so lebendig kann Malerei sein: Chris Ofili setzt New York unter Starkstrom

29.12.2014
Chris Ofili "Night and Day" (Installationsansicht, Courtesy New Museum, New York, Foto: Benoit Pailley)
Chris Ofili "Night and Day" (Installationsansicht, Courtesy New Museum, New York, Foto: Benoit Pailley)

"Wenn dieses Bild zensiert wird, sage ich die Ausstellung ab", zürnte Charles Saatchi am Morgen des 18. September 1999. Wir unterhielten uns gerade während des Aufbaus der "Sensation"-Schau im Brooklyn Museum, wo der englische Megasammler rund 40 junge britische Künstler aus seiner Kollektion präsentieren wollte. Ein paar Tage zuvor hatten die New Yorker "Daily News" mit der Schlagzeile "Brooklyn-Galerie des Schreckens. Eine schauderhafte Ausstellung sorgt für Streit" aufgemacht.

Der "Streit" drehte sich um ein einziges Werk: Chris Ofilis Darstellung einer schwarzen, in Himmelblau gehüllten Frau von 1996. Ihr wellig umrissenes Gesicht scheint aus Licht produzierenden Mikroorganismen zu bestehen, und um sie herum sieht man leuchtende Punkte aus Lackfarbe sowie aus Fotos ausgeschnittene Körperteile. Die rechte Brust ist aus Elefantenkot geformt und mit schwarzen Pins verziert. Das Gemälde steht auf zwei Kugeln aus Dung, auf denen man die mit Nadeln gesteckten Wörter "Virgin" und "Mary" liest. Ohne das Bild gesehen zu haben, befand es der damalige Bürgermeister Rudolph Giuliani für "krank" und schwor, dem Museum Millionen Dollar zu streichen.

Doch jetzt wird der Fluch endlich gebrochen: mit einer atemberaubenden Ofili-Werkschau, die das ganze New Museum in New York füllt. "Night and Day", so ihr Titel, stellt für mich einiges klar: zuallererst, dass Ofili einer der besten englischen Maler der vergangenen 60 Jahre ist. Seine Ideen sind denen von Lucian Freud oder Francis Bacon weit voraus. Bei ihm zeigt sich, wie unerschöpflich die Malerei ist.  ... weiterlesen

Die 19 besten Ausstellungen des Jahres

25.12.2014
Studentin Emma Sulkowicz protestiert gegen den Umgang der Columbia-Universität mit ihren Vergewaltigungsvorwürfen (Foto: Youtube/Columbia Spectator)
Studentin Emma Sulkowicz protestiert gegen den Umgang der Columbia-Universität mit ihren Vergewaltigungsvorwürfen (Foto: Youtube/Columbia Spectator)

1. Emma Sulkowicz "Carry That Weight", Columbia University

Kunst entsteht aus vielerlei Gründen, zum Beispiel aus Empörung, messianischer Wut und dem Drang nach Gerechtigkeit. Das alles findet man in Emma Sulkowicz’ starker Performance "Carry That Weight" ebenso wie die große Tradition aktivistischer Kunst. Dabei geht es der Künstlerin hier nicht nur um ihre eigene traumatische Erfahrung, sondern auch um das Wegschauen der Columbia University. Sulkowicz’ Haltung ist klar, treffsicher, stur, unerbittlich. Seit September zieht sie mit einer 20 Kilo schweren Matratze über den Campus – einer Matratze wie die, auf der sie ihrer Schilderung nach vergewaltigt wurde. Mehr muss man dazu nicht wissen. Die Welt hat zugehört, aber die Columbia schaut immer noch weg; Sulkowicz performt weiter. Ob "Carry That Weight" zu gerechteren Zuständen führen wird, kann man nicht sagen. Ganz sicher jedoch müssen sich die Universitäten jetzt der Frage stellen, ob sie auch weiterhin die Augen vor der Situation von Frauen auf dem Campus verschließen wollen. Ein Werk reiner, radikaler Verletzlichkeit.



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Gibt es gute Kunst auf Instagram?

11.12.2014
Der Künstler Richard Prince druckt Instagram-Posts aus - und stellt Fotos von diesen Ausdrucken wieder auf Instagram (Foto via Instagram)
Der Künstler Richard Prince druckt Instagram-Posts aus - und stellt Fotos von diesen Ausdrucken wieder auf Instagram (Foto via Instagram)

Instagram wirkt auf mich wie ein Reich der Mitternachstsonne, ein weites, offenes Terrain, in dem es niemals dunkel wird. Es quillt über vor Visionen und Bildern, unbekannten Menschen und aufstrebenden Stars, schrägen Vögeln und berühmten Künstlern, die von überall her ihre Bilder posten. Gemeinsam erschaffen sie dieses dichte, abstrakte Kommunikationsgeflecht oder Bilderrätsel, das sich scheinbar nur an mich wendet, den neugierigen Kurator meines eigenen, ewig hellen Instagramlandes. Das Seltsamste in diesem seltsamen Land sind die 126000 Leute, die "mir" derzeit darin folgen, also der Vorstellung, die sie von mir haben: Vom Kunstkritiker des "New York Magazines", der sich online in Bildern austobt.  

Ich bin auf Instagram, um zu suchen. Wonach?  ... weiterlesen

Wie konnte die Kunstwelt nur so konservativ werden?

03.12.2014
Jerry Saltz stellt dutzendweise drastischere Bilder von mittelalterlichen Manuskripten in die sozialen Netzwerke (Foto: Screenshot Facebook-Seite Saltz)
Jerry Saltz stellt dutzendweise drastischere Bilder von mittelalterlichen Manuskripten in die sozialen Netzwerke (Foto: Screenshot Facebook-Seite Saltz)

Nichts bestimmt das Selbstbild der Kunstwelt so sehr, wie der Wunsch nach Freiheit für alle ihre Bewohner. Genau diese enormen Offenheit verleiht der Kunst ihre Flexibilität und reaktionssichere Handlungsfähigkeit - oder besser: verlieh.

Beweglichkeit bedeutet Leben, aber mir drängt sich in letzter Zeit immer stärker der Eindruck auf, dass sich die Kunstwelt zunehmend verhärtet und die Freiheit, die mir stets als grundlegendes Merkmal erschien – Freiheit, die Freakflagge zu schwenken und sich, und sei es noch so bizarr, auszudrücken – merklich eingeschränkt wird. Das passiert derart rasant, dass man sich fragen muss, ob die Kunstwelt nicht mittlerweile zu den eher disziplinären Bereichen der zeitgenössischen Kultur gehört. Wieso hat sich unser Lebensraum in ein derart abgeschottetes, tribalistisches Gebiet verwandelt? Woher kommen all die ungeschriebenen Gesetze und rigiden Moralvorstellungen – die bestimmen, wer Freund und wer Feind ist, was man sagen darf, und was man lieber für sich behalten sollte – die, meist anonym, in den sozialen Medien und online durch Beleidigungen und Tadel durchgesetzt werden? Wann genau wurde aus den einstigen Rumtreibern und rückhaltlosen Radikalen ein derart konservativer Haufen?  ... weiterlesen

ÜBER DEN BLOG
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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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