Der Kritiker
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Der renommierte Kunstkenner Jerry Saltz berichtet für uns aus New York

Die unglaubliche Skulptur des Boxers von Quirinal im Metropolitan Museum of Art

08.07.2013

Ich habe beim schockierenden Ablick des ruhenden „Boxer von Quirinal“ völlig die Fassung verloren. Sehen kann man dieses erstaunliche Meisterwerk des Hellenismus (323-31 v. Chr.) nur noch bis zum 18. Juli in der langen Eingangshalle zum griechischen und römischen Flügel des Metropolitan. Ich stand wie vom Donner gerührt. Mir versagte alle psychische Abwehr, und die Skulptur eroberte sich widerstandslos einen Platz in meinem geistigen Museum. Sie gehört zu den großartigsten Werken der abendländischen Kunst, die ich je gesehen habe. Ein Meisterwerk voll unglaublichem Pathos, voller Tiefe, Menschlichkeit und Fremdheit; es vermischen sich darin wortlose Geheimnisse von Material und Ich. Ich erkenne dunkle, innere Tiefen, etwas Brutales, Brütendes, Schönes, Gewaltiges - eine in sich geschlossene Insel im Werden. Einen knotigen, muskelbepackten und geschundenen Berg, wie ein Minotaurus. Mir war, als hörte ich ein barbarisches Geheul.

Die Pose: Er ist ein gewaltiger Mann, nackt bis auf die ledernen Boxerbandagen um Handknöchel und Unterarm. Er sitzt auf einem Fels und wendet sich rechts nach hinten um, als errege etwas seine Aufmerksamkeit. Vielleicht ahnt er aber auch, dass man einer solchen fast animalischen Erscheinung nicht in die Augen blicken kann - eine Momentaufnahme, aber zugleich wirkt die Skulptur zeitenthoben und elementar. Verdammt.

Das Gesicht: Seine Brauen sind dicht, der Bart voll, der Hals wie ein Pfeiler. Seine Physis wirkt herkuleisch. Er atmet durch den offenen Mund, als hätte er Blutpfropfen in der eingedrückten, offenbar gebrochenen Nase. Die deformierten Blumenkohlohren sehen aus wie Fleischklumpen. Um die Augenpartie und im Gesicht sieht man blutende Platzwunden.

Das Blut: Auf der rechten Körperseite und am Arm findet man Blutstropfen aus großartigen Kupferintarsien. Unter dem rechten Auge liegt eine Wunde, die aus einer auffällig unterschiedlichen Metalllegierung gestaltet ist.

Die Genitalien: Sein Penis ist an der Vorhaut vernäht, um Erektion wie Ejakulation zu verhindern. Das war bei Sklaven und Athleten dieser Zeit üblich, aber es galt auch als keusches, körperliches Ornament. Mit ihrer beklemmenden Enge verstärkt diese Genitalverstümmelung die naturhafte Energie und Menschlichkeit der Skulptur.

Die Hände: Die Haltung seiner Hände ist erstaunlich entspannt und locker, aber auch sanft. Sie öffnet den Blick hinter die Schläge, die er einstecken musste und ausgeteilt hat, und man ahnt zugleich Anmut und das Streben, sich zu schützen, auch die Andeutung einer lindernden Berührung. Die Morphogenese des Schmerzes.

Die Weitsicht: Mir fällt als nächster bildlicher Verwandter dieser Figur der „Koloss“ aus Goyas gleichnamiger fantastischer Aquatinta ein, eine einsam hockende, humanoide Gestalt, die sich uns vor einer weiten, mondbeschienenen Nachtlandschaft zukehrt. Zwischen der Welt des Boxers und der unseren steht eine noch größere Kluft. Außer bei Velasquez und Goya habe ich eine derartige shakespearsche Menschlichkeit noch nie gesehen. Und niemals in einer Skulptur.

(Übersetzung: Markus Schneider)

Tags: Metropolitan Museum of Art

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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