Der Kritiker
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Der renommierte Kunstkenner Jerry Saltz berichtet für uns aus New York

Bis an der Rand der Selbstverbrennung: Bjarne Melgaard in der Galerie Gavin Brown

15.10.2013

Ein paar schrecklich langweilige, todsichere künstlerische Klischees pressen derzeit das Leben aus dem Kunstbetrieb. Am schlimmsten wirken dabei die Bad-Boy-Installationen, Werke, die das Klischee des bösen Buben bedienen. Klischees schaden der Kunst immer, aber dieses ärgert mich besonders, weil es so maßlos und überfrachtet daherkommt: Es geht dabei um eine modische Vorliebe für rappelvoll gepackte, anarchische Installationen, in denen es um Sex, Drogen, Selbstzweifel, Selbstzerstörung, Motive seelischer Finsternis und andere weiße, männliche Nabelschau geht.

In Chelsea findet man auf Schritt und Tritt irgendeine riesige Galerie, die mit Schrott, Bühnenbildern, großen Objekten, Vitrinen oder surrealistischen, sündteuren Plastiken von Menschen mit Penissen überquellen. (Es gibt übrigens noch ein paar andere aktuell nervtötende Boulevardtrends: formalistisch-minimalistische Installationen aus säuberlich gestapelten Latten und Kisten, überladene Collagen aus Werbung und Pornografie sowie zaghaft abstrakte Malerei mit Spraymotiven, die mit kunsthistorischen Zitaten gespickt werden.) Das meiste davon zerstreut einen für den Moment und setzt auf den Kick eines staunenden: „Jesses, was mag das gekostet haben? Wie haben sie den ganzen Kram nur hier reingekriegt?“

Auf den ersten Blick könnte man auch die Arbeiten des aus Norwegen stammenden New Yorker Künstlers Bjarne Melgaard für solcherart faules Bad-Boy-Zeug halten. Er nennt sich selbst eine „45-jährige verbrauchte Tunte“ und seine Kunst hakt die ganze Stichwortliste ab: Haufen von Müll, ein Hauch von cleverer Transgression, eine gewisse selbstzerstörerische „Angst“. Aber Melgaard bricht das Genre auf und bringt es zum Leuchten. Ich weiß natürlich nicht, ob er dieses Level halten kann, oder sich nicht früher oder später mit dem Pack gleichmacht oder ausbrennt; aber im Moment gibt es keine bessere Umsetzung dieses überforderten, dabei rastlosen Zustands: „Ich kann nicht mehr. Ich mache weiter“.

Der Unterschied besteht darin, dass seine Werke nicht auf Größe setzen, keine riesigen Budgets voraussetzen und auf platte Symbolik, Hipster-Hieroglyphen oder postpubertäre Sexualität verzichten. Melgaard stoppelt nicht einfach mit vage punkiger Geste ein paar Gruftireferenzen zusammen, sondern sucht offenbar nach Motiven, die nicht so leicht zu identifizieren und zu benennen sind oder auf ein einverständiges Grinsen bauen. Er schickt sein Publikum nicht auf die augenzwinkernde Suche nach kleinbürgerlichen Anspielungen oder „anzüglichen Stellen“. Melgaards Kunst scheint eher auf ein grundsätzliches Verlangen zu zielen, als suche er nach etwas unglaublich Wichtigem – obwohl ihm dabei klar ist, dass dies in unserer vollends saturierten, abwehrend zynischen Zeit praktisch ausgeschlossen ist.

Normalerweise signalisieren solche Motive dem Fan: „Ich bin nicht so glamourös wie Jeff und Damien. Ich bin ein bisschen punkig und verkopft; ich habe echte Werte; Ihre Freunde werden Sie für seriös halten. Ich will mich integrieren.“ Zwischen intellektuellen Tapeten, anspruchsvollem Showbiz und Lämmern, die den Lämmern vorangehen, steht Melgaard auf eigenen Beinen. Im Pressetext zu seiner derzeitigen Ausstellung bei Gavin Brown’s Enterprise heißt es: „Melgaard kann nicht aufhören.“

Das erklärt vielleicht die Ernsthaftigkeit seiner Kunst, den enormen materiellen Druck und sein hoch entwickeltes Vokabular an Formen und Zeichen. Melgaard ornamentalisiert seine Bilder, bis sie wie Giftfrösche zucken; er bastelt Installationen aus Stäbchen und Bismutkristallen; baut Puppenhäuser, die wie Crackhäuser aussehen; zeigt pornografische Knetszenen, die offenbar von de Sade inszeniert wurden und muskelprotzende Fotos von großen Schwänzen und Bilder von nackten Frauen - „Melgaard kann nicht aufhören“, das bedeutet, dass seine mindestens sieben Einzel- oder Gruppenausstellungen in den letzten beiden Jahren wie begehbare Manifeste dessen wirken, was heute in der Kunst möglich ist, an Unkontrollierbarkeit und kreativer Energie bis an der Rand der Selbstverbrennung.

Betrachtet man das trashige Chaos seiner Gavin-Brown-Ausstellung etwas genauer, bemerkt man plötzlich, wie obsessiv es arrangiert, gefertigt und durchdacht ist. In den ersten drei Galerieräumen begrüßt uns der psychedelisch bemalte Hintern eines vier Meter hohen Rosaroten Panthers aus Fiberglas, der eine Crystal-Meth-Pfeife raucht, ein Tier in der Balz, dass seinen Hintern zeigt, um Artgenossen anzulocken. Ich musste dabei an eine Beschreibung Nijinskys denken, die ich einmal gelesen habe: „Halb Schlange, halb Panther“. In jedem der drei Räume gibt es ein riesiges, fotorealistisches Mural, das jeweils eine Szene aus Michael Hanekes düster abgründigem Film „Amour“ darstellt. Das erste hat Melgaard mit den Worten „Manchmal bist du ein Monster“ überschrieben. Man ahnt dunkel, dass Melgaard hier mit sich selbst spricht – lebhaft prallen Todestrieb und Überlebenswille aufeinander.  

Im nächsten Raum herrscht eine undeutlich bedrohliche Atmosphäre. Zwischen Reihen von - zum Teil mit Salzkristallen gearbeiteten - Bildern, auf die Wand gemalten Haifischflossen und im Raum verteilten, gummiartigen Möbeln gibt es Inseln aus echten Bäumen, die mit Dschungelmoos und Sackleinen aufgebrezelt sind. Diese Szenerie wird von lebensgroßen, schmuckbehangenen Rosaroten Panthern bevölkert. Die Inszenierung beschreibt einen Sexclub für die Jäger der Nacht, Modeverrückte und Leute mit toxischem Blut oder Kitschsucht. Eine der Katzen hockt auf Rosenkristallen, wie beim Brüten. Das Ganze erinnert an Dantes Wald der Selbstmörder, in dem die Seelen der Toten als Sträucher und Bäume stehen und sprechen, wenn die Harpyien an ihren Ästen zerren. (Die Betrachter entsprechen den Harpyien.) Ein großes Puppenhaus und ein Filmset sehen aus, als seien sie von Francis Bacon, Sigmund Freud und Alfred Hitchcock ausgestattet worden.

In den Räumen tummeln sich Figuren, die Sex haben, herumhängen, sich zudröhnen oder schlafen. Im grusligen Keller steht ein elektrischer Stuhl. In einem Knetfiguren-Clip erwacht auf einem Nagelbett eine Gestalt, die an die alte Spielzeugfigur Mr. Potato Head erinnert. Sie wühlt sich ein bisschen durch Internet-Pornos und spuckt schließlich Kristalle, während sie von einem Rosaroten Panther anal vergewaltigt wird. Der Sinnspruch zum entsprechenden „Amour“-Mural lautet: „Angst essen nicht Seele auf, wenn man keine hat“. Nach der ersten Selbstermahnung hören wir hier nun das Stöhnen der Verdammten.

Zum letzten „Amour“-Bild liest man „Will dasselbe wie du“. Hier beschwört Melgaard Verlangen, Grausamkeit, Besessenheit, Scham, Schmerz, Angst und Liebe. Auf zwei großen Stoffbahnen sieht man Bilder von früh verstorbenen, schwulen Pornostars, einer davon ein Selbstmörder. Um Selbstmord geht es auch in weiteren Verweisen auf die Pornodarstellerin Shannon Wilsey alias Savannah sowie auf die Künstler Jeremy Blake und Theresa Duncan, die sich jeweils das Leben nahmen.

Mich bringt Melgaards animistisches Reich ins Schwärmen. Ich interpretiere seine Figuren zugleich als Statthalter des Künstlers selbst und als Geschöpfe, die sich der Vernichtung entgegenstemmen, dabei ihrem Begehren folgen und in den Zwischenräumen überleben. Sie erstrahlen in einer Art psychologischer Biolumineszenz, aus sich selbst heraus – ich habe das Gefühl, gleichsam ihr Wesen zu erkennen und ihr Treiben in der Dunkelheit. Sie mögen dieses lodernde, hydrothermische Babel bewohnen - aber sie leben. Und sie sind keine billigen Klischees.

(Übersetzung: Markus Schneider)

Bjarne Melgaard: Ignorant Transparencies, Gavin Brown’s Enterprise, bis 26. Oktober

Tags: Gavin Brown

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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