Der Kritiker
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Der renommierte Kunstkenner Jerry Saltz berichtet für uns aus New York

Jerry Saltz über radikale Verwundbarkeit

01.11.2013

Ich habe schon gelegentlich über etwas geschrieben und gesprochen, das ich „radikale Verwundbarkeit“ nenne. Zum ersten Mal ist mir der Begriff in einem Essay der Theoretikerin Gayatri Spivak begegnet. Nicht dass ich mir wirklich sicher wäre, was sie damit meint, aber für mich bedeutet der Begriff, in meiner Arbeit so verwundbar zu bleiben wie ein Künstler in seiner Arbeit. Das bedeutet, nicht auf wohlfeile Opfer und Schwächere zu schießen; es bedeutet, nicht einfach das Unvermeidbare gut zu finden; es bedeutet, wenn es nur irgendwie möglich ist, die wirkliche, wahre eigene Meinung zu vertreten – auch wenn ich Sachen denke, die ich gar nicht denken will.

Es bedeutet, sich klar zu machen, wie vielfältig und komplex die Erfahrungen und das Wissen der Leute konstruiert sind. Es bedeutet, dass ich mir die Aufmerksamkeit gegenüber den Dingen bewahre, die mir so tief gehen, dass sie meine Wirklichkit verändern. Gerade hat die  Lektüre von Richard Ellmanns außerordentlicher Oscar-Wilde-Biografie meinen inneren Kompass neu geeicht.



Ich hätte mir nie vorstellen können, dass es Leute gibt, die mehr seelische Schmerzen ertragen mussten als Prousts Figuren mit ihren endlosen Quälereien und fixen Ideen. Keiner hat Eifersucht je so drastisch hinterhältig und erschreckend charakterisiert wie Proust. Doch gegen Ellmanns bestürzende Schilderung der brutalen psychischen und physischen Brutalität, mit der England auf Oscar Wilde losging, wirken Prousts Beschreibungen fast zahm. Der Staat brachte Wilde mehrfach wegen „unsittlichen Verhaltens“ vor Gericht, er wurde öffentlich gedemütigt und gezüchtigt, und schließlich steckte man ihn für zwei bleierne Jahre Zwangsarbeit in drei verschiedene Gefängnisse, von denen eins übler und barbarischer war als das andere.

Während der Gefangenschaft durfte Wilde – ungefähr der redseligste Mensch der Welt – kein Wort sprechen. Nie. Zwei Jahre lang. Durch die permanente Auszehrung und Mangelernährung blieb seine Nahrungsverwertung dauerhaft gestört und er litt unter ständiger Ruhr und Durchfall. Die englischen Gefängnisse verfügten über keinerlei Sanitäreinrichtungen, weil die Verantwortlichen befürchteten, die Insassen könnten sich per Klopfzeichen an den Rohren verständigen. Daher bekam jeder Gefangene nur eine Blechschüssel und musste neben seinen eigenen Fäkalien schlafen. Als Bett diente ein schmales, schiefes Holzbrett, das keine fünf Zentimeter über dem kalten Boden aufgestellt war. Es gab weder eine Matratze noch Decken, weshalb Wilde als zusätzliche Folter auch noch dauernden Schlafentzug ertragen musste.

Füller, Bleistift, Tinte und Papier waren verboten. Seine Gefängnisnummer war C.3.3. Die Gefangenen durften ihre Einzelzellen nur einmal die Woche für 15 Minuten verlassen und ins Freie – einen Innenhof aus Backstein, in dem sie eine Viertelstunde im Kreis gehen mussten. Einmal sprach ein Mitgefangener Wilde an und sagte, „einen wie dich“ dürfe man einer solchen Strafe nicht aussetzen. Es war das erste Mal nach mehr als einem Jahr, dass ihm jemand Mitgefühl entgegenbrachte. Er brach in Tränen aus und sagte: „Möge Gott dir gnädig sein“. Dafür wurde er sofort bestraft.

Als er das Gefängnis verließ, war er ein gebrochener, alter Mann. Er hatte jeden einzelnen Tag seiner Strafe abgesessen. Zwei Jahre später starb er, mit gerade 46 Jahren.

Die „radikale Verwundbarkeit“ beim Lesen hat mir klar gemacht, dass eine Gesellschaft, die jemanden im Gefängnis brechen muss, selbst zerstört ist. Ich denke seither ganz anders über Gefängnisstrafen oder das Leben im Gefängis – und natürlich auch über das amerikanische Gefängnissystem. Ellmann vermittelt nur einen kleinen Eindruck von Wildes fundamentaler menschlicher Verletztlichkeit. Aber das hat genügt, um etwas in mir zu knacken und mich mitten ins Herz zu treffen – und zwar über alles Mitleid, über Schmerz und Wut hinaus. Es geht auch nicht nur um eine philosophische, abstrakte oder ideologische Erkenntnis. Ich bin bis ins Mark erschüttert. Es hat mich verändert.
 
 

Tags: Oscar Wilde, Kunstkritik

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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