Der Kritiker
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Der renommierte Kunstkenner Jerry Saltz berichtet für uns aus New York

Jerry Saltz' "Hit"-Liste mit Banksys (sogenannten) künstlerischen Arbeiten: Von abstoßend bis passabel

04.11.2013

Unser einmonatiger Schnarchmarathon ist vorüber. Der britische Selbstpromoter und Batman der Graffiti hat seine Tätigkeit als „Resident-Künstler in New York“, während der er ein Werk pro Tag gefertigt hat, beendet. Verabschieden wir uns also von den Touristen-Flashmobs, die von Bild zu Bild strömen und sich selbst fotografieren; von der leichten Beute für Boulevardblätter und lokale TV-Teams; von Frechheit mit dem Vorschlaghammer, von einer umwerfenden bildnerischen Banalität und wohlfeilen politischen Kommentaren auf unseren New Yorker Wänden. Es spielt keine Rolle, dass die Banksy-Fans auf dem Weg zum jeweils neuen Banksy an mindestens einem Dutzend viel aufregenderer Werke achtlos vorbeigerannt sind – es gibt keinen Graffitikünstler mit einer auch nur halbwegs vergleichbaren PR-Maschine. Man kann fast hören, wie er auf dem Weg zur – je nun - Bank in sich hineinlacht.

Einige Arbeiten sind mittlerweile schon wieder entfernt und die Besitzer rechnen vermutlich in fünf- bis sechsstelligen Beträgen. Schön für sie. Die Werke, die noch geblieben sind, wirken nun wiederum ohne den Glanz der hysterisierten Öffentlichkeit so trivial, genrehaft und langweilig, wie sie es ja tatsächlich auch sind.

Aber man hat mich um eine Hitliste der New Yorker Banksy-Werke dieses Monats gebeten. Hmmm. Wie soll man denn den Schattenriss eines Hundes, der an eine Wand pinkelt, bewerten? Ich habe kein Problem mit Graffiti. Und Banksy kann sich – wie viele britischen Künstler  - ausgesprochen gut in Szene setzen und Aufmerksamkeit erzeugen. Nur das eigentliche Werk ist schon erstaunlich unoriginell. Trotzdem bin ich natürlich Kunstkritiker und jeder Künstler hat seinen eigenen Rahmen, in dem man ihn beurteilen kann. Ob Sie es glauben oder nicht – ich mag tatsächlich einige seiner Arbeiten. Was, wenn ich es recht bedenke, gar nicht schlecht für einen Künstler ist – vor allem für einen so seichten und berechenbaren wie Banksy.

Hier also meine Werksliste, in aufsteigender Reihenfolge von den schlechtesten (abstoßend) zu den besten (passabel):

Platz 29: "New York Times"-Themenvorschlag für einen Gastkommentar (27. Oktober). Das ist natürlich kein Bild, aber es wirkt doch wie ein wesentlicher Hinweis auf Banksys New Yorker Projekt. Die "Times" hat seine selbstgerechte Eselei über das neue Gebäude am World Trade Center korrekterweise abgelehnt. Bezeichnenderweise trifft alles, was er darin zu maulen hat, genau auf ihn zu: ungefährlich, durchschnittlich, seelenlos, mittelmäßig und so weiter. Banksy, altes Spatzenhirn, keiner mag das Gebäude! Schon auf die ursprünglichen Türme musste man nicht unbedingt stolz sein. Aber es ist ein Wunder, dass es dieses neue Bauwerk überhaupt gibt, nach allem, was die Stadt durchgemacht hat. Wir sind hier in New York, Banksy. Wir wollen ein großes Gebäude. An diesem Ort. Jetzt. Du schreibst, es „unterstreicht, dass die Terroristen gewonnen haben“ und „dass die großen Zeiten New Yorks vorbei sind“ – wir bedauern natürlich sehr, dass New York Deinen hohen Maßstäben nicht gerecht wird. Nimm Deine Millionen und hau ab, Du Arsch!

Die Plätze 1 bis 28 finden Sie hier

Tags: Banksy

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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