Der Kritiker
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Der renommierte Kunstkenner Jerry Saltz berichtet für uns aus New York

Jerry Saltz: Meine letzten Worte zum Frauenproblem am MoMA

21.11.2013
Das MoMA tut sich schwer mit Kunst von Frauen. Hier eine Performance von Tilda Swinton (Foto: dpa)
Das MoMA tut sich schwer mit Kunst von Frauen. Hier eine Performance von Tilda Swinton (Foto: dpa)

In dieser Woche vor neun Jahren hat das MoMA sein nagelneues, glamouröses, 750 Millionen Dollar teures Gebäude eingeweiht. Seit dieser Garten der Moderne wiedereröffnet wurde, habe ich immer wieder darüber gegrummelt, wie wenig weibliche Künstler das Museum in seiner enorm wichtigen, ständigen Gemälde- und Skulpturensammlung im vierten und fünften Stock ausstellt. Im MoMA als dem Mutterschiff der Moderne ist es von besonderer Bedeutung, wie deren Geschichte dargestellt wird. Die Zahlen sind erschreckend.

Zur Gala-Eröffnung 2004 sah man im vierten und fünften Stock 415 Kunstwerke. Davon stammten nicht einmal 20 von Frauen. Weniger als fünf Prozent. 2006 gab es 19, ein Jahr später nur 14.

Was uns zur Gegenwart bringt. Man kann sicher sagen, dass sich die Lage gebessert hat: Heute gibt es dort, nach meiner Zählung, 367 Stücke, 29 davon von Frauen. Das wären knapp acht Prozent – nicht ganz so schlimm also. Aber immer noch unverzeihlich.

Es wäre jedoch ganz falsch, nun mit dem Finger auf Ann Tempkin, die verantwortliche Kuratorin für Malerei und Bildhauerei, zu zeigen. Seit sie 2008 ihren Job antrat, hat sie sich unermüdlich gegen die aktuell unzureichende, unerfreuliche und beengte Platzlage gestemmt, war ständig bemüht, das Ganze zu öffnen, mehr Frauen auszustellen und nicht immer nur die Mega-Meisterwerke zu zeigen. Tempkin muss natürlich die zahlreichen ikonischen Werke des Museums präsentieren, damit sich das Publikum nicht um seine 25 Eintrittsdollar geprellt fühlt. Aber die weiblichen Künstler werden dadurch wesentlich böser geprellt: Nämlich um ihr Geburtsrecht.

Tempkin strampelt noch immer gegen die schwierigen Bedingungen an. Allein deshalb respektiere ich, wie sie – und vielleicht auch das Museum – versucht, das auch durch die räumliche Situation bedingte Problem in den Griff zu bekommen. Trotzdem wünsche ich mir manchmal, das MoMA würde sein Meisternarrativ einfach fünf Jahre lang vergessen. Picasso, Matisse, Mondrian, Monet, Duchamp und die anderen wichtigsten Männer könnten ja bleiben.

Aber stellen wir uns für einen Moment vor, die Kuratoren würden folgendes Schild an den Eingang stellen: “Wir bitten den Zustand des Museums zu entschuldigen. Wir müssen uns derzeit den Stock aus dem Hintern ziehen, unsere atavistische, lineare Vorstellung von Kunst revidieren und ihre Geschichte aus einer offeneren Perspektive neu erzählen.“ So hätte Tempkin freie Hand, die Ausstellung nach ihren weiter angelegten Vorstellungen zusammenzustellen. Und dabei eben viele Frauen zu besetzen.

Natürlich betrifft das Problem nicht nur den Tempel der Moderne. Der Missstand liegt im System, weshalb man in der Kunstwelt auch überall darüber stolpert. Paul Teasdale, Chef vom Dienst beim Kunstmagazin Frieze, meint dazu: „Angeblich haben wir die Misogynie abgeschafft, aber tatsächlich findet man sie derzeit in der jungen Generation verstärkt wieder.“ Die großartige Berliner Nationalgalerie hat kürzlich eine weit angelegte Ausstellung mit zeitgenössischer Kunst gezeigt – ausschließlich von Männern. In diesem Herbst konnte man auf einer Ausstellung in einer der großzügigen Londoner Gagosian-Filialen bei 35 Künstlern 34 Männer zählen. Auch viele New Yorker Ausstellungen sind testosterongetränkt. Dabei will natürlich auch kein intelligenter Mensch Kunst ausschließlich durch eine binäre Geschlechterbrille betrachten oder in Schubladen wie „Kunst von Frauen“ packen. Wie soll es also weitergehen?

Ich habe es schon oft gesagt, und ich bin es leid, mich zu beschweren. Auch meine Praxis stinkt zum Himmel. Ich bin ein steinewerfendes Glashaus. Kuratoren, Händler, Museen, Redakteure: Wir alle sind Teil des Problems. Es wäre schön, wenn andere Kritiker in mein Gegacker einstimmten – und sei es nur, um Aufmerksamkeit zu schaffen und über ihre eigenen Erfahrungen zu schreiben. Beim MoMA stehen gerade wieder Bauarbeiten an, es entstehen neue Räume für die Dauerausstellung. Innerhalb der gegeben Grenzen hat Tempkin getan, was möglich war. Vielleicht öffnen sich ja mit dem neuen Gebäude endlich die Tore. Wir können es nur hoffen.

Bis dahin: Alles Gute zum Geburtstag, MoMA.
 

Tags: MoMA

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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