Der Kritiker
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Der renommierte Kunstkenner Jerry Saltz berichtet für uns aus New York

Automaten, seltsame Götter: Kanye Wests Versuch "real" zu erscheinen

27.11.2013
Das neue Unheimliche: Kanye West und Kim Kardashian (Foto: dpa)
Das neue Unheimliche: Kanye West und Kim Kardashian (Foto: dpa)

Lou Reed hatte Kanye Wests letztes Album „Yeezus“ ganz richtig eingeschätzt. „Keiner kann ihm das Wasser reichen“, schrieb Reed in einer Rezension wenige Wochen vor seinem Tod. „Man lebt nicht mal auf dem selben Planeten ... Kanye West bringt einen ständig aus dem Gleichgewicht.“ Und zwar bis zum Umfallen, wie zum Beispiel letzte Woche, als er das Video für „Bound 2“ vorstellte.

Das Internet reagierte, wie es eben reagiert: mit Hass. Man hat das Video umstandslos als verpeilten Kitsch verlacht. Ich find’s aber gut. Es illustriert nämlich eine Art Bruch in der kollektiven Kultur, in einem Idiom, das man vielleicht „das Neue Unheimliche“ nennen könnte. 

Performer wie Kanye West, Kim Kardashian, Lady Gaga und - doch, doch - auch Jeff Koons und Marina Abramovic bemühen sich derzeit ausgiebig, ihre Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit auszustellen und zu vermitteln. Aber tatsächlich zeigen sie nur, wie sehr sie jeden Kontakt zu sich selbst, zu ihresgleichen, zu uns verloren haben. Sie sind eben nicht nur berühmte Performer, sondern auch Ruhmdarsteller. Mit ihrem hochtrabenden Ernst und ihrem Versuch „real“ zu erscheinen (West erklärt, seine „Leidenschaft gilt der ganzen Menschheit“ und in seiner Kunst gehe es ausschließlich um „Schönheit, Wahrheit und Überwältigung“) verwandeln sich diese Stars für ihr Publikum in fremdartige Objekte, Automaten, seltsame Götter. 

Wie durch eine bizarre chemische Reaktion springen sie aus dieser Position zurück in eine wahnsinnige Aufrichtigkeit und beiben dabei zugleich vollkommen fremd, anders, fern. Wie psychologische Quantenpartikel, die gleichzeitig in zwei physikalischen Zuständen existieren. Aufrichtigkeit und Ruhm verschmelzen und entziehen sich allen Alltagsregeln.

"Bound 2" offenbart dabei eine gespaltene Psychologie. Einerseits geben uns diese Stars genau das, was wir von ihnen erwarten – Einblick in ihre Persönlichkeit – und dann werden sie dafür verprügelt und verspottet. Sie sind heilige Kühe und Opferlämmer zugleich.  So wie man 1993 das Rodney-King-Video in die Whitney-Biennale aufnahm, müsste man eigentlich „Bound 2“ auf der anstehenden Biennale zeigen – als Beweis einer kulturellen Delle.  

Diese Gedanken habe ich letzte Woche gepostet und wurde umgehend dafür niedergemacht wie Discoplatten in den 70ern. Hatte ich mich womöglich wieder einmal von den Todesstrahlen aus Idolatrie, Idiotie und archaischer Kraft blenden lassen, die vom Ruhm ausgehen? (Siehe auch mein Tanz with Jay Z.) Taugt das Video etwas? Gelingt es West – wie er vorgibt – seinem Publikum „den Weg für echte Träume zu öffnen“, oder ist er einfach nur völlig durchgeknallt? Und ich mit ihm? 

“Bound 2” ist in der Tat ein Prachtexemplar – so bizarr verrückt und gespenstisch asexuell wie 1991 Jeff Koons’ hyperrealistische Bilder vom Sex mit seiner damaligen Frau Cicciolina, wie John Currins gemalte Werbegesichter aus der Shampoowerbung und Marina Abramovics Besucher-Anstarren vor drei Jahren im MoMA. Aber „Bound 2“ funktioniert anders: Als geistverwirrter Akt der Schöpfung und Zerstörung durch Aneignung. Protagonisten des Videos sind Kanye und seine Verlobte Kim Kardashian, aber um die beiden her sieht man auch galoppierende Wildpferde an Flussufern, Adler, die am Himmel schweben, Sonnenuntergänge, purpurne, majetätische Berglandschaften, Mammutbaumwälder und die Golfküste.

Hier treffen sich die Liebesfantasien aus Teenieschlafzimmern mit den Cowboy-Fotografien von Richard Prince, der amerikanischen Romantik, den Kinderbildern von den Celestial Seasoning-Teepackungen, Shampoowerbung, iranischen Musikvideos, Thomas Kinkade, Bierreklamen, Jeff Koons, Satirezeitschriften, Lars von Trier, Fendi Casa und Jeffrey Deitchs wiederum unheimlicher Prophezeiung von 1992, wonach sich „das Freudsche Persönlichkeitsmodell auflöst“ und „von der persönlichen Vergangenheit befreit wird.“ Das Neue Unheimliche ist ein Nicht-Selbstbewusstsein, gefiltert durch ein Hyper-Selbstbewusstsein, reine Absurdität, pompöse Lust und ein grandios übersteigertes Selbstwertgefühl. 

Wer „Bound 2“ als schreienden Kitsch kritisiert, folgt nur der herkömmlichen Geschmackshierarchie, in der Leute wie West oft nicht stattfinden. Dabei wird unterstellt, West wisse nicht, woher er seine Ideen nimmt oder wie er mit seinen Einflüssen umgehen soll. Aber als wichtige Inspirationen für sein letztes Album führte er zum Beispiel Pariser Corbusier-Häuser und eine Corbusier-Ausstellung im Louvre an. Er hat auch schon früher mit etablierten Künstlern wie Vanessa Beecroft und Marco Brambilla zusammengearbeitet. (Lady Gaga übrigens kann man bald in einem Robert-Wilson-Video im Louvre sehen.) Man unterschätzt Wests künstlerische Intelligenz. Wie er selbst rappt: „Ihr bewerft mich mit Verträgen/ aber ihr wisst, dass Niggah nicht lesen können.“ West unterstreicht, gleichsam als Verlängerung von Deitchs Idee der neuen Persönlichkeitstruktur, dass Kunst derzeit komplett und sozusagen viral in ihrer Umgebung aufgeht - dass immer mehr Leute gern ein bisschen Kunst um sich her hätten. Egal aus welchen Gründen.

Für mich zeigt sich in “Bound 2”, wie sich empirische Beobachtung, obsessive Nabelschau, Kreativität, Hemmung, Ego und Es auf neue, unheimliche Weise verbinden; und wie dabei ein merkwürdiges soziales Milieu entsteht, das über die Mittel verfügt, sich diesem totalen Ineinander-Aufgehen der Sphären fröhlich hinzugeben. In „Bound 2“ kann man das Neue Unheimliche gebündelt erleben. Im Video fahren, ungefähr bei Minute 2:20, Kanye und Kim auf einem Motorad durch Arizona, oder vielleicht auch durch den Krebsnebel, ein Videospiel oder die Mad-Max-Donnerkuppel. Er ist gekleidet wie ein schottischer Höhlenmensch. Sie sieht aus wie die – natürlich barbusige – zurückgelehnte Frauensilhouette auf einem Lkw-Schmutzfänger. Offenbar vögeln sie auf dem fahrenden, sacht vor sich hin schaukelnden Motorrad. Dann sieht man groß Kims massiven Vorbau wogen, der Schwerkraft enthoben wie zwei große Kanonenkugeln. Aber die Brüste haben keine Nippel.

Hier blüht Meret Oppenheims Version des Neuen Unheimlichen von 1936 wieder auf – sie bestand aus einem pelzbesetzten Teegedeck aus Tasse, Untertasse und Löffel, und sie hat nichts von ihrer Wirkung verloren. Ich will immer ein paar Haarknäuel ausspucken, wenn ich das Ding irgendwo sehe. So geht es mir auch mit Kims Brüsten: Ich weiß nicht, ob sie mich anmachen, abturnen, erschrecken oder nur erstaunen.  Den Berühmten müssen diese nie dagewesenen Ebenen des Ruhmes ungefähr vorkommen wie Kims nippellose Möpse. Sie sind der Ausdruck der Kultur, halten sich dabei von ihr fern und verkörpern sie zugleich. Kim und Kanye entledigen sich mit größter Geste jedes Schleiers, aller Zurückhaltung und Hemmung. Wie sie das tun verhüllt allerdings ihr Inneres mehr als es zu offenbaren. Das ist das Neue Unheimliche. “Bound 2” sieht genau aus, wie der Kitsch, den heute jedermann zu Hause auf dem Computer fabrizieren kann. Auch das meint West, wenn er „den Weg für echte Träume öffnen“ will.

(Übersetzung: Markus Schneider)

Tags: Kanye West

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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