Der Kritiker
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Der renommierte Kunstkenner Jerry Saltz berichtet für uns aus New York

Jerry Saltz in Carrie Stettheimers Puppenhaus

13.01.2014
Vorderansicht des Stettheimer Puppenhauses (Alles Fotos: Museum of the City of New York)
Vorderansicht des Stettheimer Puppenhauses (Alles Fotos: Museum of the City of New York)

Ein paar Tage nach Silvester begaben sich meine Frau und ich auf unsere traditionelle Neujahrswallfahrt: Zu Carrie Stettheimers mythomanem, zweistöckigen Zwölfzimmerpuppenhaus, einer der entzückendsten und fantasievollsten Dauerinstallationen, die man in einem New Yorker Museum sehen kann. Die wundervolle, bonbonfarbene innarchitektonische Miniatur entstand zwischen 1916 und 1935 und steht im Museum of the City of New York. Einmal im Jahr schickt sie uns auf eine Zeitreise in einen der wichtigsten, prachtvollsten und elegantesten Salons New Yorks. Leider hat man es im Flur des zweiten Stocks gemein platziert – es hätte einen eigenen Raum verdient – und es in eine komische Holzkiste mit Fenster gestellt. Dennoch erinnert es den winterlichen Stubenhocker daran, wieviel kreative Energie in dieser Stadt ständig um uns herumschwirrt.

Der Salon der deutsch-jüdischen Familie Stettheimer befand sich im Alwyn Court Building, Hausnummer 180 auf der 58. Straße – ganz in der Nähe des ähnlich legendären Salon Arensberg auf der 33. Er stand unter der matriarchalen Führung von Mutter Stettheimer als vorsitzender Königin, mit drei erstaunlich begabten, bis zum Schluss unverheirateten Töchtern als Thronfolgerinnen.

Florine war eine der wundervollsten und originellsten Malerinnen, die dieses Land im 20. Jahrhundert hervorgebracht hat, unter anderem hat sie das Bühnenbild für Gertrude Steins und Virgil Thompsons „Four Saints in Three Acts“ gestaltet; Ettie war Schriftstellerin. Über ihre Schwester schrieb sie, sie beschäftige sich leidenschaftlich mit „Lesen, Lernen und Plaudern“, was sie so beanspruche, dass sie kaum Zeit für die Arbeit am Puppenhaus habe. Zu den Stammgästen des Salons gehörten zahlreiche Künstler und Autoren der ersten Avantgarde-Generation der USA, unter anderen Marcel Duchamp, Man Ray, Marsden Hartley,  Carl Van Vechten, Gaston Lachaise, Alfred Stieglitz, Georgia O'Keeffe, Pavel Tchelitchew und Virgil Thomson.

Das Puppenhaus ist groß, fast anderthalb Meter lang und einen Meter hoch, und früher bevölkerte es die schillernde Prominenz des Salons als kleine Gipsfiguren. Die gibt es heute nicht mehr. Aber es lohnt sich, das Haus aus nächster Nähe zu betrachten; sogar in den Details kann man noch Details entdecken. Es spielt keine Rolle, wo Sie beginnen, das Haus zu umkreisen; nehmen Sie sich viel Zeit. Das Foyer ist eine herrliche architektonische Fantasie in angegrautem, blassem Gelb und Malachitgrün, worin silberne und goldene, akkurat gestutzte Büsche in weißen Töpfen stehen und mit kirschfarbenen Bänder geraffte Vorhäge aus Zellophan hängen. Habe ich den roten Samtteppich erwähnt? Oder den Aufzug mit seinen eleganten Blumengestecken? Das Kinderzimmer ist mit einer von Carries Collagen und einem Fries der Arche Noah tapeziert.

Wenn Sie die Küche mit ihren winzigen Töpfen und Pfannen unter die Lupe genommen haben, die Wäschekammer mit Leintüchern und Wolldecken und das Schlafzimmer mit Vasen aus Limoger Porzellan und blauen Taftdraperien, können Sie den auch als Galerie bekannten Ballsaal bewundern. Hier finden Sie – neben einem taubenblauen Klavier, einem neoklassizistischen offenen Kamin und gold-und-weißlackierten Holzböden – die großartigste Sammlung von Miniaturkunst, die man sich vorstellen kann. Marcel Duchamp malte eine perfekte fünf auf sieben Zentimeter große Reproduktion seines „Akt, eine Treppe herabsteigend“. (Der Beweis, dass man als New Yorker nicht unbedingt nach Philadelphia fahren muss, um diesen Meilenstein der Moderne zu sehen. Hier kriegt man eine – wenn auch winzige – Dosis seiner berauschenden Wirkung.)

Darüberhinaus entdeckt man in der Galerie sogar noch kleinere Akte von Marguerite Zorach und Alexander Archipenko. Es gibt ein kubistisches Mikroporträt von Albert Gleizes und daumengroße Nachbildungen von William Zorachs „Mother and Child“ in Bronze sowie einen Akt von Gaston Lachaise aus Alabaster. Angeblich kann man auch einen George Bellows irgendwo erspähen, aber ich habe ihn noch nicht gefunden. Vielleicht stehe ich einfach zu sehr im Bann des Gesamteindrucks.

Neulich habe ich über Andy Warhol und seine Factory nachgedacht und mir dabei ausgemalt, wie sehr ihm Stettheimers Salon gefallen hätte. Dann fand ich diese Notiz Warhols: „Florine Stettheimer war eine wohlhabende, primitive Malerin und Freundin Marcel Duchamps, die 1946 eine Einzelaustellung im Museum of Modern Art hatte. Ihre Schwester Carrie hat ein wundervolles Puppenhaus gestaltet, das mich im Museum of the City of New York begeistert hat.“

Ich habe Ihnen ja gesagt, dass es im Dickicht unserer Stadt viele tolle Sachen zu entdecken gibt. Ein schönes Neues Jahr.


Ballroom des Puppenhauses

Fassade

Foyer 

Gaston Lachaise (b. Paris, 1882–1935)
"Venus", c. 1925
Alabaster on marble base
Museum of the City of New York, 45.125.43

Carl Sprinchorn (b. Broby, Sweden, 1887–1971)
"Title unknown" [Dancers], c. 1925
Watercolor, gouache, oil, and graphite on paper
Museum of the City of New York, 45.125.30
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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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