Der Kritiker
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Der renommierte Kunstkenner Jerry Saltz berichtet für uns aus New York

Kunst auf Armlänge: Jerry Saltz über Selfies

03.02.2014
Parmigianino "Selbstporträt im konvexen Spiegel", 1523/24
Parmigianino "Selbstporträt im konvexen Spiegel", 1523/24

1. Die Definition einer neuen Form


Wir leben im Zeitalter des Selfies. Das schnelle Selbstporträt wird mit der Kamera des Smartphones aufgenommen und dann umgehend in die sozialen Netzwerke eingespeist, als unmittelbare visuelle Mitteilung, wo wir uns befinden, was wir gerade tun, wie wir uns sehen und wen wir als möglichen Betrachter vermuten. Das Selfie hat verschiedene Aspekte der sozialen Interaktion, der Körpersprache, des Selbstbewusstseins, des Privaten und des Humors beeinflusst und Zeitempfinden, Ironieverständnis und die öffentliche Selbstdarstellung verändert. Dabei hat es sich zu einem neuen visuellen Genre entwickelt – es unterscheidet sich wesentlich von allen historischen Formen des Selbstporträts. Das Selfie besitzt strukturelle Autonomie, was in der Kunst ein ziemliches Ereignis darstellt. 

Genres entstehen eher selten. Die Porträtkunst ist ein Genre, wie das Stillleben, die Landschaftsmalerei, die Tierdarstellung, das historische Gemälde. (Genres überlappen sich mitunter: Man kann jemanden zum Beispiel vor einer Seenlandschaft porträtieren.) Das Genre folgt einer eigenen formalen Logik, mit eigenen Erzählmustern und strukturellen Regeln, und es kann solange überleben, bis alle Aspekte der Fragestellung, die seine Enstehung begründet hat, abschließend verhandelt sind. (Vom Stil unterscheidet es sich durch dessen zeitliche Begrenzung: Es gibt expressionistische Porträts, kubistische Porträts, impressionistische Porträts, Norman Rockwell-Porträts. Stile stehen für die endlosen Variationen innerhalb von Genres.)

Selfies wiederum funktionieren anders als herkömmliche Selbstporträts. Abgesehen von den formalen Unterschieden von Komposition und Technik entsteht das traditionelle Selbstporträt wesentlich weniger spontan und beiläufig als das Selfie. Zudem dominieren in dem neuen Genre nicht die Künstler. Auf der anderen Seite entwickelten traditionelle Selbstporträts von Fotoamateuren keine distinkten Merkmale, sie waren weder visuell codiert, noch wurden sie zum Gegenstand des sozialen Dialoges oder allgemeiner Konversation. Man teilte solche Bilder normalerweise nicht mit Fremden, und sie wurden auch nicht in solchen Mengen und von derart vielen Menschen produziert. Vermutlich handelt es sich beim Selfie um das meistverbreitete populäre Genre aller Zeiten.

Einigen wir uns darauf, dass die meisten Selfies albern, normiert und langweilig sind. Jungs lassen ihre Muskeln spielen, Mädchen ziehen Schnuten („Duckface“), man kabbelt sich spielerisch mit anderen, signalisiert seine Gruppenzugehörigkeit oder posiert vor Denkmälern von Berühmtheiten. Trotzdem verfügt das neue Genre über klar umrissene Merkmale. Abgesehen von Aufnahmen in Spiegeln – eine Art Unterkategorie innerhalb des Selfie-Universums – sieht man die Objekte meistens ungefähr im Abstand einer Armlänge.

Daher unterscheiden sich auch Bildausschnitt und Aufbau so gründlich von allen Porträtvorläufern. Man sieht fast immer einen der Arme des Fotografen, üblicherweise den, der die Kamera hält. Ungünstige Kamerawinkel überwiegen, weil sich das Objekt meist außerhalb des Bildzentrums befindet.

Das bei den meisten Handymodellen benutzte Weitwinkelobjektiv betont Nase und Kinn, der Arm, der die Kamera hält, wirkt oft riesig. (Mit der Zeit wurden diese Verzerrungen unauffälliger. Aber man muss sich nur an den verbeulten Look der frühen Handyschnappschüsse erinnern.) Sieht man beide Hände im Bild und wurde es ohne Spiegel aufgenommen, dann handelt es sich nicht um ein Selfie – sondern ein Porträt.

Selfies entstehen üblicherweise nebenbei, improvisiert und schnell; ihr Sinn liegt vor allem darin, dass man sofort, an diesem Ort, von anderen, oft unbekannten Leuten in sozialen Netzwerken gesehen wird. Sie entstehen nie zufällig: Sowohl die sorgfältig gestellten wie die Gelegentheitsbilder müssen zunächst vom Sender genehmigt sein, bevor sie in den Netzwerken gepostet werden können. Das setzt Kontrolle und performatives Bewusstsein voraus, auch eine gewisse Selbstkritik und Ironie. Man stellt sein Selfie im klaren Bewusstsein online, dass es zeitnah und unmittelbar betrachtet wird, und wir, die Betrachter, wissen das. (Und der Fotograf weiß, dass wir es wissen.)

Die Kritikerin Alicia Eler schreibt, dass „wir durch Selfies zu unseren größten Fans, zu einer Art Privatpaparazzi werden“, wobei sie andererseits den „Stars und Promis Gelegenheit geben, sich als ganz normale Menschen zu inszenieren und sich zu ihren eigenen PR-Maschinen zu machen.“ Wenn es allerdings nicht nur um PR geht, entsteht eine starke, unmittelbare, ironische Interaktion, intensiv, intim und ungewöhnlich. Auf gewisse Weise orientieren sich diese Selfies am alten griechischen Theaterkonzept der Methexis – ein Partizipationsmodell, in dem der Sprecher das Publikum direkt anspricht, ein wenig wie wenn Filmkomiker direkt in die Kamera grimassieren.

Schließlich und faszinierenderweise wurde das Genre nicht von Künstlern erfunden – sondern von uns allen. Man könnte das Selfie gewissermaßen als Folklore verstehen, und als solche hat es schon jetzt die Sprache und das Lexikon der Fotografie erweitert. Selfies dokumentieren das moderne Leben, wobei sowohl Akademie wie auch Kuratoren sie bisher weitgehend ignorieren. Das wird sich allerdings ändern: In hundert Jahren steht uns durch die gewaltige Menge von Selfies ein unglaubliches Archiv der kleinen Details des Alltags zur Verfügung. Man muss sich nur mal vorstellen, was es alles zu sehen gäbe, wenn man Millionen Selfies aus den Straßen des antiken Roms hätte.

2. Was bedeuten sie?
 
Ich habe Selfies geknipst. (Früher habe ich mich mit analogen Kameras fotografiert. Den Film habe ich zum Entwickeln eingeschickt und dann neben dem Briefkasten gewartet, weil sonst womöglich meine Eltern den Umschlag geöffnet und die brisanteren Bilder gefunden hätten. Im Gegensatz zu den Selfies waren meine Fotos nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.) Sie haben welche geknipst. Und im wesentlichen eigentlich alle Leute, die man so kennt. Selfies landen auf den Titelseiten und werden zum Thema von leidenschaftlichen und ausgiebigen Diskussionen, sie provozieren Skandale und Enthüllungen. Barack Obama musste erst kürzlich Prügel einstecken, weil er sich öffentlich mit anderen Regierungschefs geknipst hat. Kim Kardashian schießt Selfies von ihrem Hintern.Der Papst fotografiert Selfies.

Anthony Weiner war genauso dabei wie diese Frau auf dem Titel der „New York Post“, die vermutlich unbeabsichtigt Fotos gepostet hat, in deren Hintergrund ein Selbstmörder von der Brooklyn Bridge springt.

James Franco gilt als der „König des Selfies“.

Der Kundenbetreuer Benny Winfield, jr. aus Texas hat sich wiederum selbst zum König des Selfie-Movements ernannt.
 
Viele besorgte Menschen wollen in der Explosion der Selfies den Beweis eines ausgeprägten Narzissmus unserer Gesellschaft erkennen. Die „New York Post” kam anlässlich eines Selfies tatsächlich mit der abgestandenen These vom „Untergang der westlichen Zivilisation” daher, der “die ganze Welt in eine schwere Krise” stürze. Mal im Ernst: Der moralische Himmel wird uns schon nicht auf den Kopf fallen. Marina Galperina, die gemeinsam mit Kyle Chayka die National #Selfie Portrait Gallery kuratiert, findet völlig zurecht: „Selfies haben weniger mit Narzissmus zu tun – Narzissmus ist ein furchtbar einsamer Zustand! Vielmehr erfindet man sich damit als seinen eigenen digitalen Avatar.“ Chayka ergänzt: „Die Selbstporträts mit dem Smartphone entstehen aus dem gleichen Grund wie Selbstporträts bei Rembrandt: Man will sich selbst super aussehen lassen.“ Franco findet Selfies „eher Kommunikationsmedien als ein Zeichen von Eitelkeit ... Sie sind Mini-Ichs, die man in die Welt schickt, um anderen klarzumachen, wer man ist.“ Wir verschicken Selfies wie Briefe an die Welt, als kleine visuelle Tagebücher, die ein Ereignis aufblasen, straffen, dramatisieren – sie sagen: „Hier bin ich; schau mich an.“
 
Im Gegensatz zur traditionellen Porträtkunst brauchen Selfies keinen hochtrabenden Überbau. Sie gehen einen anderen Weg – oder gar keinen. Theoretiker wie Susan Sontag und Roland Barthes erkannten in allen Fotographien Zeichen von Melancholie und Tod. Aber Selfies sind nicht für die Ewigkeit gedacht. Sie erinnern an den Hund aus dem Cartoon, der auf die Frage nach der Uhrzeit immer „Now! Now! Now“ kläfft.
 
Adererseits lassen sich durchaus Bausteine einer kunsthistorischen und visuellen DNA finden, aus denen die Strukturen und Wurzeln der Selfies entstanden sind. So gibt es ja zum Beispiel auch alte analoge Fotos, auf denen Leute Kameras vor sich hinhalten, um sich selbst zu fotografieren. (Beliebt war das Motiv zum Beispiel, um das letzte Bild einer Filmrolle zu verknipsen, damit man den Film zum Entwickeln geben konnte.) Aber als Genre blieb diese Art des Porträts undefiniert, verschwommen und uncodiert.

Auf der Suche nach Spurenelementen findet man zum Beispiel starke Selfie-Echos in Van Goghs großartigen Selbstporträts — sie wirken ebenso eindringlich und direkt, und sie sprechen von einem ähnlichen Bedürfnis, der Welt einen lebensnahen, ausdrucksstarken Blick in sein Innerstes zu gewähren.

Vincent van Gogh "Selbstpoträt mir Strohhut", 1887 (Foto: art database)

Natürlich fällt einem auch Warhol ein mit seiner Feier der Gegenwart, seinem performativen Habitus und den schreienden Day-Glo-Farben. Warhol hat allerdings mit der Sofortbildkamera fotografiert oder seine Figuren in Fotoautomaten gesetzt, wo sie sich selbst für die Aufnahmen inszenieren sollten – wobei beide Apparaturen über mehr Objektive, Größenvarianten und Tiefenschärfe verfügten als ein Smartphone.

Auch Cindy Shermans Fotos wirken zunächst verwandt. Aber der Ansatz ihrer Bilder lässt sich nicht mit dem Selfie vergleichen, nicht zuletzt weil die Charaktere und Identitäten, die man auf ihren Selbstporträts sieht, immer ihrer grenzenlosen visuellen Fantasie entspringen. Sie selbst taucht nicht auf.

Das erste wichtige Prä-Selfie ist vermutlich M. C. Eschers Lithographie „Hand mit Kugel“ von 1935. Die eigenartige Komposition wird vom verzogenen Gesicht des Künstlers in einem konvexen Spiegel bestimmt, den er in der Hand eines seltsam perspektivisch verkürzten Armes hält. Das Bild erinnert von der Entfernung, der geringen Tiefe und dem merkwürdigen Ausschnitt her an die modernen Selfies. Auf einem anderen Escher-Bild, das man vielleicht als Allegorie auf das Selfie beschreiben könnte, sieht man eine Hand, die eine Hand zeichnet, die wiederum die erste Hand zeichnet – als frage es: „Was war zuerst da, Ich oder Selfie?“

Mein Lieblings-Proto-Selfie ist allerdings Parmigianinos „Selbstporträt im konvexen Spiegel“ (1523–24). Es zeigt alle Merkmale des Selfies: Das Gesicht des Porträtierten aus einer bizarren Perspektive, den verlängerten Arm, den knappen Abstand, die bildliche Verzerrung, die nachdrückliche Intimität. Der Dichter John Ashbery schrieb über das Gemälde (und, wie es scheint, über alle guten Selfies) „die rechte Hand / größer als der Kopf, stößt auf den Zuschauer zu / und weicht sacht aus, wie um zu schützen, was sie zeigt.“

Jeder hat seine eigene Vorstellung davon, wie ein gutes Selfie auszusehen hat. Mir gefallen jene, aus denen sozusagen Selfies-plus-Bild entstehen, die in unbeabsichtigten Zungen sprechen, die einen Bedeutungsmehrwert besitzen, der dem Fotografen nicht unbedingt bewusst war. Für Barthes produzierten solche Bilder einen „dritten, stumpfen Sinn“, der den Übergang von der Sprache zur Bedeutung markiert.

Ich rede hier nicht von harmlosen Widersprüchen, unfreiwilligen Parodien, von verrutschten BHs oder eingeklemmten Skrota. Vor solchen Peinlichkeiten ist niemand gefeit. Nein, ich spreche von weniger offensichtlichen, verwirrenderen Botschaften, die sich aus dem Bild in den Vordergrund schieben: Fiktionen, Paranoia, Fantasien, Voyeurismus, Exhibitionismus, Bekennertum – Motive, die uns so beschäftigen, dass wir zu Autoren von jeweils ganz anderen Erzählungen werden. Das ist spannend. Und so etwas ähnliches wie Kunst.
 
Nehmen wir zum Beispiel ein Foto, das John Quirke letzten Juli gepostet hat.

Das Bild an sich gibt nicht viel her; ein bulliger Mittzwanziger von unten, offenbar in einem Keller. Der Mund steht weit offen, die Augen sind aufgerissen. Er trägt Kopfhörer. Die Wucht des Bildes kommt von Quirkes Überschrift: „Selfie aus der Gaskammer von Auschwitz.“ Das Bild weist über sich selbst hinaus, überwölbt die Bedeutung, man kann es im Sinne Barthes’ „verorten, aber nicht beschreiben.“ Bild und Text verschmelzen auf eine Weise, die dem Ganzen einen mächtigen Schub gibt. Es gibt ähnliche Fotos von Menschen in Tschernobyl, vor Unfallautos, mit einem Selbstmörder im Hintergrund. Eines ist mit „Diese Fotos zeigen mich in Treblinka ...“ betitelt.

Solche Dinge kann man nicht einfach als Überschreiten von Tabugrenzen oder taktlose Aussetzer abtun. Atget hat Schauplätze von Verbrechen fotografiert. Kriegskorrespondenten schießen Bilder von Menschen, die von Bomben zerfetzt werden. Jede Menge Leute fotografieren Obdachlose, die Dealey Plaza in Dallas (wo John F. Kennedy erschossen wurde), elektrische Stühle, das Loch, wo das World Trade Center stand. Ich habe den Einsturz des zweiten Turms fotografiert. Der kleine Unterschied besteht darin, dass man auf dem Selfie selbst zu sehen ist. (Ich habe mich nicht mit dem Turm fotografiert.) Das ist oft geschmacklos, manchmal geht es nur ums Schockieren um des Schocks willen, aber solche Bilder zeigen eben auch Reaktionen auf Tod, Angst, Verstörung, Schrecken, Vernichtung.

Manchmal weisen sie uns darauf hin, dass es Dinge gibt, die man gewissermaßen zer-sehen muss. Auf der Datingsite Grindr benutzen Leute Selfies als Avatare, die sie vor dem Holocaust-Denkmal in Berlin zeigen. Sie heißen “Aussie auf Urlaub :-) Amüsieren wir uns” und “Wie oft hast du abgespritzt.“ Wir wissen, dass der Sexualtrieb unser ständiger Begleiter ist. Aber es gibt noch einen anderen, gleichermaßen archaischen Aspekt: das Tabu. George Zimmermans Verteidiger Don West nahm, kurz nachdem er vor Gericht einen idiotischen Witz gerissen hatte, ein Selfie mit seiner Tochter auf, die an einer Eiswaffel leckt. Bei der Überschrift läuft es einem kalt den Rücken herunter: „Wir haben die Dummheit besiegt Zur Feier Waffeln“, gefolgt von Emoticons einer klingelnden Glocke, einem grinsenden Gesicht und dem Hashtag “#dadkilledit”. Angesichts solcher Selfies verdunkelt sich die Welt um uns her.


3. Was sie nicht sagen (aber zeigen)

Auf der bizarren Seite des Spiegels steht Kim Kardashian mit ihrem mittlerweile berühmten Selfie mit Hintern und seitlich entblößtem Busen.

Foto: Instagram 

Die Pose ist natürlich vollkommen banal; das Foto zeigt sie als eine von Millionen Leuten, die sich im Spiegel bewundern und einen Körperteil besonders vorteilhaft in Szene setzen wollen. Aber Kardashian geht noch einen Schritt weiter. Einerseits arrangiert sie ihre Vorzüge sehr sorgfältig, während sie das Ergebnis im Telefon bewundert, andererseits blitzt dabei ein dritter Sinn auf, der nichts mit ihrem Körper zu tun hat. Er ergibt sich vielmehr aus der seltsamen Inszenierung des Bildes. Man sieht ihren Körper ganz unverhüllt, aber die Einrichtung des Raumes bleibt sorgfältig von japanischen Paravents verdeckt. Sie stellt stolz ihre Pospalte zur Schau, aber sie will nicht, dass wir ihr Sofa sehen. Kim hat sogar vier Regeln für das perfekte Selfie formuliert: „Du musst das Telefon hochhalten (beim Fotografieren); Du musst deine beste Seite kennen; Du musst wissen, welches Licht Dich am besten zur Geltung bringt; und zieh keine Schnute.“

Es gab in jüngerer Zeit noch mehr solcher Promiselfies, aus denen ein ähnlich idiotischer stumpfer, dritter Sinn spricht. Ein Selfie des siebzigjährigen Geraldo Riveras zeigt ihn beim Bewundern seiner Bauchmuskeln im Badezimmerspiegel.

Er posiert nackt bis auf ein tief um die Hüfte gewundenes Handtuch. Anders als der dritte Sinn, der uns etwas Neues verrät, bestätigen solche Selfies nur, was wir schon wissen. (In diesem Fall, dass Geraldo ein selbstverliebter, publicitygeiler Fatzke ist.) Sie unterscheiden sich nicht von den Promipornos, die aus absichtlichem Versehen an die Öffentlichkeit geraten, entweder um Szenen nachzustellen oder aus reiner Soziopathie.

Dann gibt es noch eine Unterkategorie, die ich Erhabenheitsselfie nenne: Es zeigt einen besonderen Moment so, dass man auch die Überraschung des Fotografen spürt. Ein Beispiel dafür ist das Selfie des Astronauten Aki Hoshide, wie er im Weltall schwebt, hinter dem silbernen Helm erkennt man sein Gesicht nicht, im Hintergrund sieht man die Sonne, im Visier spiegelt sich die Erde.

© NASA

Dazu gibt es das Gegenstück, das Selfie des erhabenen Schreckens, in dem man nicht Schönheit, sondern Schmerz erkennt. Am 11. Dezember fotografierte sich Ferdinand Puentes im schönen, blauen Ozean vor Molokai auf Hawaii, kurz nachdem seine kleine Passagiermaschine abgestürzt war und zu sinken begann. Sein Gesichtsausdruck wirkt gespenstisch, erschrocken, ekstatisch, unheimlich, schwindelerregend.

Ferdinand Puentes

Hier fotografiert sich jemand im Moment höchster Verlorenheit und Gefahr, er hält seine möglicherweise letzten Momente fest und schickt sie in die Welt. Nach der Rettung meinte Puentes, alle im Flugzeug hätten „genau gewusst, was los war“, als die Sirenen und Glocken losgingen und das Wasser schnell zu steigen begann. Auf das Selfie angesprochen sagte er mehrmals: „Es ist ein enorm schmerzhafter Moment“. Das wissen wir aus seiner Selfieaufnahme.

Bald fing man in den Weiten des digitalen Universums an, Puentes’ Selfies mit Aufnahmen zu vergleichen, die Spieleravatare in Grand Theft Auto inmitten von Katastrophen zeigen. Dabei erfinden sich die Spieler fiktionale Figuren, die menschliches Handeln imitieren, und erstaunlicherweise findet man die Kennzeichen des Genres auch in den Selbstbildnissen der Avatare: die verräterisch hochgezogenen Schultern, die verkürzte Perspektive, der unvorteilhafte Kameraausschnitt, der starre Blick.
 
Das berühmteste Selfie des letzten Jahres konnte man in der wirklichen Welt indes nirgendwo sehen. Das Gruppen-Selfie von Präsident Obama, dem britischen Premier David Cameron und der dänischen Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt bei Nelson Mandelas Trauerfeier gab es nur auf dem Foto von Roberto Schmidt, das die drei beim Fotografieren zeigt. Es war eine Art Las Meninas-Selfie – nach dem großartigen Hofporträt-mit-Selbstporträt von Velazquez, das zwischen den Porträtierten hin und her zu prallen scheint, wer hier wen aus welcher Perspektive betrachtet, verschiebt sich ständig. Viele Leute haben sich über Obamas Unverschämtheit und Wichtigtuerei aufgeregt. Aber die dritte Bedeutung des Bildes ist eher prosaisch und sehr menschlich. Eine unsichtbare Gedankenblase über den Köpfen sagt: „Ist es nicht total irre – selbst für uns – dass wir wir sind. Oder dass wir wir sind und hier sind.“ Es stellt drei berühmte Menschen dar, die in bildlichen Begriffen denken – Hegels religiöse „Vorstellung“ – oder eben in Selfies.

Natürlich gibt es haufenweise Scherzselfies; die meisten sind banal, humorige Deppen-Nummern wie aus TV-Comedies. Obwohl es auch hier die eine oder andere Merkwürdigkeit zu sehen gibt, wie zum Beispiel den Mann, der heimlich auf eine Toilettenkabine klettert und sich mit der arglosen Person auf dem Klo fotografiert. Man findet groteske Bilder von zum Beispiel jemandem, der einen Kopfstand in einem Aquarium macht oder auf einem Spülbecken Breakdance tanzt.

Viele der Quasi-Performance-Art-Selfies sind besser als ihre Entsprechungen in der sogenannten ernsthaften Kunst. Menschen werfen Computer in die Luft, die per Timer auf irgendetwas programmiert sind – sie werden hell, explodieren, irgendwas – und fotografieren sich, wenn es passiert, oder sie halten einen riesigen Kopierer vor einen Spiegel. Es gibt ein Selfie-plus-1 von einem Mann mit Hund, das – Sie ahnen es – vom Hund ausgelöst wurde!

Natürlich gibt es auch Selfies, die Menschen beim Oralsex zeigen. Ich mag besonders Balzac-artige Selfies, Bilder, auf denen man komische Sachen im Hintergrund sieht – Bücher auf einem Couchtisch, Gegenstände auf Regalen, Poster an Wänden, schmutziges Geschirr in der Küche. Auf mich wirkt das, als dürfte ich einen heimlichen Blick in das Privatleben der jeweiligen Person werfen. Eine wahre Fundgrube dafür bieten die weniger PR-lastigen (unkardashianhaften) Promi-Posts auf Instagram und Twitter. Weil uns diese Privatsphären normalerweise verborgen bleiben, werden die kleinen Details besonders aufschlussreich. Allerdings kann man natürlich nicht wissen, wie gestellt solche Bilder tatsächlich sind.

 

4. Kunstgeschichte, Zukunft der Kunst

Ich bin bei weitem nicht der Erste, der das Selfie für eine signifikante Gattung hält. Schon 2010 schrieb der Künstler und Kritiker David Colman in der „New York Times“, das Selfie sei mittlerweile „so allgemein verbreitet, dass es die Fotografie als solche verändert.“ Colman zitierte dabei seinerseits den Kunsthistoriker Geoffrey Batchen, für den sich im Selfie zeige, „wie sich die Fotografie von einem Medium der Erinnerung zu einem Kommunikationsmittel wandelt”. Mir wiederum gefällt am Selfie vor allem, dass wir nach dem Fotografieren noch etwas anderes damit anfangen: wir veröffentlichen es. Was wiederum ebenfalls so etwas Ähnliches wie Kunst ist.

Übrigens befindet sich das Genre - unabhängig davon, wie man zu den Selfies steht – schon im Neolithikum. Es hat sich bereits mindestens einmal erneuert. Der Künstler John Monteith hat tausende anonymer Selfies aus der frühen digitalen Zeit – er nennt sie den „Wilden Westen des Selfies“ – gesammelt. Es sind Selbstporträts mit primitiven frühen Webcams, in komischen Farben, mit Blitzreflexen und bizarrer Auflösung. Sie tauchen seit ungefähr 1999 online auf, und haben sich seither in den Weiten des digitalen Universums verstreut. Die „Ästhetik“ dieser frühen Selfie-Visitenkarten und -Anmachen unterscheidet sich auffällig von den aktuellen, weil die Kameras auf Tischen standen und am Computer hingen. Entsprechend wirken die Situationen eher privat, die Posen verschwiemelter, sexuell aufgeladen. Die Leute führen erste kleine Macken vor: Frauen zeigen ihre neuen Zungenpiercings, halbnackte Männer posieren mit Nunchakus. Die Bilder wirken so in der Zeit verloren wie Fotografien aus dem Paris des 19. Jahrhunderts.

Man kann gefahrlos prophezeien, dass man eines Tages, bei nur minimalem technologischen Fortschritt und neuen Plattformen, wahre Meister der Gattung erleben wird. Es wird Selfies von Schmerzen, Abenteuern, Familiendramen, Krankheit und Tod geben. Es wird lebensgroße, animierte Selfie-Holographien geben (Ich bin total gespannt, was die Pornografie mit der Technik anstellt!), pädagogische und Kurzgeschichtenselfies. Vielleicht gibt es einen Selfie-Kafka.

Wir werden also aller Wahrscheinlichkeit nach wundervolle, großartige Selfies zu sehen bekommen – nur ganz bestimmt nicht unter diesem dümmlichen, verniedlichenden und kindischen Namen. Es tut mir jedesmal weh, wenn ich ihn höre, lese oder auch nur denke. Ein Rembrandt der Selfies bleibt undenkbar, solange sie Selfies heißen.

 

Tags: Selfie

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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