Der Kritiker
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Der renommierte Kunstkenner Jerry Saltz berichtet für uns aus New York

Die Nacht ist die ideale Zeit, um durchs Metropolitan Museum zu schlendern

19.02.2014
Am besten am Abend: Metropolitan Museum of Art (Foto: dpa)
Am besten am Abend: Metropolitan Museum of Art (Foto: dpa)

Meine Frau und ich haben seit langem ein regelmäßiges Freitagabend-Rendezvous im Met. Freitags und samstags hat es bis neun Uhr abends auf und man erlebt um diese Zeit ein ganz anderes Museum. Die Touristen haben sich schon davon gemacht; die Stimmung am Abend wirkt wesentlich beschaulicher und erinnert an die Zeiten, als Museen noch eher geheimnisvolle als betriebsam wimmelnde Orte waren. Man begegnet anderen Stammgästen, grüßt sie lächelnd und fühlt sich ihnen im Wissen um die besondere Situation verbunden.

Zu unserem Ritual gehört auch der Besuch der Cafeteria im Untergeschoss, wo wir uns einen schwarz-weißen Cookie teilen. Manchmal schauen wir auch in der eleganten Balcony Bar in der Empfangshalle vorbei, wo an den Abenden ein Kammerensemble spielt. In die Livemusik mischt sich der Hall von schepperndem Geschirr, und man fühlt sich ein bisschen an die Piazza San Marco in Venedig erinnert.

Ähnlich wie in Venedig ist man abseits der zentralen Wege auch im Met fast sofort allein und schlendert fasziniert und staunend durch die Räume. Auch das Licht verändert sich nachts, es wirkt weicher; man kann sich ganz anders auf die Werke einlassen, fühlt sich nicht so bedrängt. Das Met ist riesig und sehr dicht bestückt. Natürlich kann man vorher eine Route planen, aber man kann auch einfach die Augen schweifen lassen und ihrer Lust und Laune nachgeben. Ich stolpere immer über etwas, das mir zuvor entgangen war, oder ich sehe etwas Wohlvertrautes in einem völlig neuen Licht. Daher gibt es hier nur einen sehr groben Routenvorschlag als Anregung.

Eigentlich wollte ich Sie zuerst nach Ägypten schicken, aber dann bin ich über eine halbe Stunde an den ersten Skulpturvitrinen am Eingang hängen geblieben – ein paar Steinäxte in der Galerie 101. Einige davon wurden vor über 30000 Jahren von den längst ausgestorbenen Proto-Menschen aus dem Neandertal gehauen.

Ich schlage vor, dass Sie von hier aus gleich nach links zu den Herrlichkeiten der alten Griechen und Römer gehen. Normalerweise ist dieser Flügel des Museums ziemlich überlaufen. Allerdings nicht nachts. Mir ist klar, dass ich wie eine Drama Queen klinge, aber auch hier war ich gleich an den ersten Vitrinen schon wieder ganz aus dem Häuschen: angesichts einer kopflosen, fußlosen, nackten Frauenfigur aus der Zeit zwischen 4500 und 4000 vor Christus. (Galerie 150). Sie markiert den Moment, in dem unsere Gattung das letzte neolithische Bewusstseinsstadium verlassen und sich in eine andere Richtung aufgemacht hat. Gewaltige Schenkel und Hintern, prächtige Speckrollen am Bauch, kleine Brüste, die Arme vor der Brust gefaltet – ein Wunder an minimaler Eleganz, bildhauerischer Technik, Schlichtheit. Es könnte sich dabei um ein Fruchtbarkeitssymbol, eine Puppe oder eine Gottheit handeln. Ich stelle mir gern vor, sie sei eine Figur von Frauen für Frauen.

Auf der gegenüberliegenden Seite gibt es mit der Galerie 152 einen weiteren Raum mit griechischen Kunstgegenständen. Hier öffnet sich mit jedem Helm, jedem Wasserkrug, Mörser oder Trinkgefäß ein ganzes Universum. Wenn man allein durch diese Räume geht, kann man sich in homerischen Odyseen verlieren, ein Gefühl, das zunimmt, je weiter man geht. Bald steht man vor römischen Skulpturen, die, verkürzt gesagt, die griechischen Arbeiten um tolle, irrwitzige Facetten verfeinern. Hier sehen Sie die schönsten Hintern des ganzen Met.

Man könnte in diesen Räumen sein ganzes Leben verbringen. Aber Sie sollten trotzdem weiter in den weitläufigen Rockefellerflügel gehen. Ah, Moment noch - gleich am Eingang steht in einer winzigen Nische eins meiner Top-Ten-Werke des Met (Gallery 351): ein große, illuminierte Abschrift der Evangelien aus dem Äthiopien des späten vierzehnten oder frühen fünfzehnten Jahrhunderts. Holen Sie Atem und betreten Sie den Rockefellerflügel: Sie sollten darauf gefasst sein, dass Sie die Kunst aus Afrika, Ozeanien und Amerika umhaut. In der Galerie 350 steht eine verkrustete, monochrome Rinderfigur, die man „Boli“ genannt hat. Sie stammt aus Mali, ist aus Holz und „Opfermaterialien“ wie Hühnerblut gefertigt und strahlt eine umwerfende Kraft aus.

Linkerhand geht es in die Galerie 354 mit ozeanischer Kunst, wo man einige der besten, abstraktesten und sexiesten figürlichen Holzskulpturen der Welt findet. Hier sitzen oft Liebespärchen, was sich wohl mit den ganzen Vulvae und Penissen, die man hier sieht, erklären lässt. Wenn Sie sich wieder gefasst haben, schlendern Sie ein bisschen durch die anderen Räume des Flügels. Ich bin dabei auf eine nagelneue Vitrine mit prähistorischen Keramiken aus dem heutigen Südwesten der USA gestoßen. (Galerie 356). Bewundern Sie die fein bemalten Gefäße und Schüsseln mit ihren geometrischen Landschaften und Figuren. Üblicherweise legte man sie in Gesichtshöhe auf Gräber; achten Sie auf die Löcher in den Gegenständen, durch die die Seele entweichen sollte. Lassen Sie sich von zwei Männern bezaubern, die auf einen Baum klettern, auf dem ein Vogel sitzt, oder von einem Schwall Kaulquappen in einem Teich, dessen Umriss wie der Kopf eines Luchses aussieht.

Von hier aus sollten Sie sich in die vielen Räume mit moderner und zeitgenössischer Kunst aufmachen. Das Met präsentiert ungefähr 50 Jahrhunderte Kunst mit absoluter Perfektion - nur nicht das vergangene. Trotzdem sehen Sie hier wunderbare Arbeiten von einigen meiner Lieblingskünstlern des 20.Jahrhunderts, zum Beispiel von Georgia O’Keeffe und Alfred Stieglitz. Danach verlasse ich Sie – sie bleiben vermutlich allein – in einer Galerie (908) mit vier der weitsichtigsten Gemälde des Museums: Florine Stettheimers Serie “Cathedral”, in der sie das Shoppen, die Kunst, Künstler, Kunstkritiker und Henri Bendel verherrlicht. Direkt gegenüber hängen vier Bilder von Marsden Hartley, meinem Lieblingsmaler aus dem 20.Jahrhundert.

Von nun an sind Sie auf sich selbst gestellt. Ach nein, noch kurz: Übersehen Sie bloß nicht den Horace Pippin zwei Räume weiter in der Galerie 911.

Vielleicht sehen wir uns dann später in der Cafeteria. Wir vergleichen unsere Notizen, und Sie könnten mir empfehlen, was ich mir unbedingt anschauen muss.
 

Tags: Metropolitan Museum of Art

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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