Der Kritiker
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Der renommierte Kunstkenner Jerry Saltz berichtet für uns aus New York

Mein (sehr kurzer) Star-Moment in "Girls"

27.02.2014
Jerry Saltz und Lena Dunham am Set von "Girls"
Jerry Saltz und Lena Dunham am Set von "Girls"

Ich spreche einen Satz in der neuen Staffel von „Girls“. Die Rolle verdanke ich reinem Nepotismus und ich platze fast vor Stolz.

Ich bin der Pate von Lena Dunham, der Erfinderin, Produzentin und Hauptdarstellerin der Serie. Seit der ersten Staffel schickt sie mir jedesmal vor Drehbeginn eine Mail und fragt, ob ich vielleicht mitmachen würde. Ich antworte immer insgeheim aufgewühlt, aber äußerlich gelassen: „Schreib mir einen Part, und ich bin dabei.“ In den ersten beiden Staffeln hat sie nichts für mich geschrieben, was mich nicht weiter ins Grübeln gebracht hat. (Jedenfalls nicht sehr.) Aber jetzt hat es geklappt. Ich war durchaus schon öfter im Fernsehen, es geht hier nur um eine einzige Szene und ich bin mir nicht ganz sicher, ob mein Text tatsächlich zu hören ist. Aber ich glaube, ich bin ziemlich super.

Der Dreh fand am 26. Juni statt, in einem kleinen Büro im Gebäude 1619 am Broadway – im sogenannten Brill Building, wo Carole King, Leiber and Stoller, Burt Bacharach und zahllose andere Songwriter und Musiker in den 60ern ihre Stücke einspielten. Als ich im zehnten Stock aus dem Aufzug kam, stand ich in einer Flucht kleiner „Broadway Danny Rose“-Büros, durch die unzählige junge Leute wimmelten und Kameras schoben, Scheinwerfer einrichteten und endlos Kabel verlegten. Einer davon hat mir meine drei Sätze in die Hand gedrückt. (Von denen später zwei rausgeschnitten wurden.)

Die meiste Zeit habe ich Lena dabei beobachtet, wie sie über Mikros mit allen möglichen Leuten in anderen Räumen sprach, vom Regisseur an die Leiter runter. Ich habe mich in alle verliebt, in die Show, in die Energie und in Lena. Als ich den Set zwischendurch für eine schnelle Besorgung verließ, war ich so aufgeregt, dass ich mich - und das ist mir noch nie passiert – am Times Square verirrt habe und anrufen musste, damit man mich zum Set zurücklotsen konnte. Unfassbarerweise hatte ich sogar einen eigenen Wohnwagen; Lena schaute vorbei, sprach mit mir und beruhigte mich. Schon erstaunlich, wenn man von einer erwachsenen Frau beruhigt wird, die man schon kannte, als sie mit acht in Tränen ausbrach, weil sie eine Ameise umgebracht hatte. (Wir haben sie ordentlich beerdigt.)

Dann hat man mich für meine Szene zum Set geholt. Meine drei Sätze wurden ständig umgeschrieben. Lena rannte raus und rein und kam ständig mit neuen Ideen wie zum Beispiel: „Nein, ich trage auf keinen Fall ein Barett.“

Mein Dialog läuft zwar übers Handy, aber ich saß dabei Adam Driver gegenüber und konnte ihm bei der Arbeit zusehen. Für jeden neuen Take fiel ihm eine neue kleine Nuance ein, was ich ziemlich toll fand. Einmal hat er beim Aufstehen einen Stuhl umgeworfen; ein andermal hat er komische, gutturale Geräusche gemacht; ein paar Mal ist er aufgesprungen, um mir die Hand zu schütteln. Zwischen den Takes unterhielt sich Lena mit dem Regisseur und Driver.

Ich habe sie schon früher einmal auf einem Dreh erlebt und dieser hat meinen Eindruck von damals bestätigt: Dass nämlich jedes winzige Detail, das man in ihrer Arbeit sieht, von ihr ganz genau so geplant ist. Sie hat die völlige Kontrolle und bündelt dabei auch noch die Energie der ganzen Crew. Eine Schauspielerin aus unserer Szene meinte zu mir: „Ich habe noch nie einen so amüsanten, offenen, gut gelaunten und improvisationsfreudigen Set erlebt.“

Der Dreh für unsere 30 Sekunden hat drei Stunden gedauert. Danach habe ich mich verabschiedet und bin wie in Trance heimgegangen. Es war einer der prickelndsten Tage meines Lebens.

 

 

Tags: Girls, Lena Dunham

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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