Der Kritiker
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Der renommierte Kunstkenner Jerry Saltz berichtet für uns aus New York

Guten Morgen, Berlin!

29.04.2014
Alle Fotos: Jerry Saltz
Alle Fotos: Jerry Saltz

Berlin! Ich liebe diesen Ort; noch immer. Immer mehr. Sonntag. Aufwachen. Ein leckerer Kaffee am Brandenburger Tor ... Ein kleiner Scherz. Im Hotelzimmer ein paar Stunden am Computer, schreiben. Auf diesem Foto sieht man unser Zimmer; die Computer stehen Rücken an Rücken; meine Frau und ich können uns bei der Arbeit in die Augen sehen und füßeln; seufz.

Lunch mit Freunden in Charlottenburg; lernen Jules Feiffer kennen. Super.

Dann in die Berliner Oper, viereinhalb Stunden Wagner, „Tannhäuser“; unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim. Jemand hat uns Karten für die erste Reihe, besorgt, in der Mitte. So nahe und direkt am Orchestersound zu sitzen ist einfach UMWERFEND. Die Eröffnungsszene der Oper am Venusberg, in der Hermann, der Star, im wesentlichen mit etwa hundert Sex-Swingern, die Sex miteinander haben, Amok läuft. Man sieht in der Szene ungefähr anderthalb Stunden lang nackte Tänzer rummachen. Wahnsinn! Möpse und Schniedel in Berlin. (Die Musik dieser Eröffnungssequenz ist göttlich.)

Viereinhalb Stunden vorgespult: Tumulte beim Vorhang. Das Publikum bejubelt Sänger, Chor, Musiker, Barenboim. Heftige Buhrufe, als Sasha Waltz, die Regisseurin, Szenenbildnerin und Choreographin, auf die Bühne kommt. Erstaunlich. Sie breitet die Arme wie zur Kreuzigung aus und steht so ungefähr drei Minuten da! (Als wollte sie sagen: „Steinigt mich; ich schlucke euren Hass. Ich LIEBE Berlin!) Muss allerdings dem Publikum rechtgeben; Ausstattung, Szenenbild und Choreographie sind ziemlich schlappe, post-minimalistische 70er-Pina-Bausch, Twyla Tharp, viel Robert Wilson – und wie so oft bei Kunst, die sich allzu sehr an den 60ern und 70ern orientiert, wirkte alles ziemlich abgedroschen und platt. Jedenfalls durften wir nachher noch hinter die Bühne! WOW! Wunderbar, den Opernsängern so nah zu kommen.

Danach Abendessen mit einem Berliner Freund. Zurück ins Hotel. Dann den ganzen Montag schreiben. (Die Kritik schläft nie.) Dienstag, Mittwoch und Donnerstag ziehen wir dann durch alle Museem und durch ungefähr 50 Galerien. Mammutprogramm. Aufwiedersehen!

Tags: Berlin

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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