Der Kritiker
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Der renommierte Kunstkenner Jerry Saltz berichtet für uns aus New York

Jerry Saltz über Kara Walkers Zucker-Sphinx in New York

06.06.2014
Kara Walker "A Subtlety", 2014 (Foto: Jason Wyche, Courtesy Creative Time
Kara Walker "A Subtlety", 2014 (Foto: Jason Wyche, Courtesy Creative Time

Ungefähr zur Halbzeit meines Besuchs in der heruntergekommenen Domino-Zuckerraffinerie stand ich staunend vor Kara Walkers großartigem, knalligem Monstrum, einer gewaltigen, nackten Sphinx mit Kopftuch und den Zügen einer schwarzen Mammy. Und hatte eine Art Vision. So nämlich wirkt in ihren besten Werken Walkers irrwitzige, komische Kraft. Vor allem von diesem Werk mit dem so elliptischen wie archaischen Titel "A Subtlety" – eine feine Raffinesse – "oder Das wundervolle Sugar Baby, eine Hommage an die unbezahlten und überarbeiteten Kunsthandwerker, die unseren Sinn für Süßes von den Zuckerrohrfeldern bis in die Küchen der Neuen Welt verfeinert haben, zum Abriss der Domino Zuckerraffinerie."

Den Koloss – er erinnert halb an einen von Cecil B. Demille ausgestatteten Festzugswagen und halb an ein Alien – begleitet eine Entourage aus lebensgroßen, entstellten schwarzen Figuren, kleine Jungen, die Bananen oder Körbe mit den Körperteilen anderer Kinder tragen, alles hergestellt aus Sirup und braunem Zucker.

Ich sah also im Geist dieses irre, szenische 35-Tonnen-Ding, wie es – mit seinen zwölf Metern Höhe und 25 Metern Länge, aus weißem Zucker auf Styroporblöcken – von einer Schar missgestalteter, brauner Diener durch die USA gezogen würde. Ich malte mir aus, wie es dabei die Zuschauer mit seiner anarchischen Vieldeutigkeit, seiner schieren Fremdheit in seinen Bann zöge.

Es kam mir vor wie ein amerikanisches Geisterschiff, das nie je zur Ruhe kommt, bis es ... ja, was? Ich weiß es nicht. Ich dachte an eine neue Version es amerikanischen Walfängerfischs "Pequod", ein Melvillesches Symbol für die Erbsünde der Sklaverei und die beunruhigendweise anhaltende Überheblichkeit, die uns erst Irak und dann Abu Ghraib beschert hat – Dinge, welche die USA ihre Menschlichkeit kosten. Walker hat "A Subtlety" als "Sphinx für die Neue Welt“ bezeichnet und erklärt, es gehe in dem Werk "um den Versuch, die Geschichte in den Griff zu bekommen ... sie ist wie eine Falle ... der fleischige, unstillbare, schmutzige Blutdurst in den Gesprächen über 'Rasse', die sich am Ende immer so ergebnislos anfühlen.“

Diese Falle verbirgt sich in der unglaublichen Skulptur, für die Creative Time in dieser baufälligen Raffinerie einen erstklassigen Ausstellungsraum gefunden hat. In diesen feuchten Gemäuern, in denen man braunen Zucker geweißt hat und der Sirup der Geschichte in dichten Schichten an den Wänden klebt, vervielfachen sich die versteckten Bedeutungen des Werkes.

Dies nicht zuletzt, weil es niemanden gibt, der das unterschwellige Verhältnis von Sex und Macht so zeigen kann wie diese begnadete Künstlerin. Sex taucht in ihren Arbeiten sowohl offen wie in Anspielungen auf, und direkt unter der Oberfläche erkennt man stets die bitteren Demütigungen der Sklaverei und ihre langen Nachwehen. (Walkers Gesamtwerk wirkt wie ein Amoklauf aus Mammys, Negerbabys und Sambos, die von Sklavenhaltern und Südstaatenschönheiten vergewaltigt, geprügelt oder verführt werden.) Man fühlt sich unwillkürlich an Goyas Darstellungen des Bösen erinnert.

Walker meldete sich 1992 erstmals mit Nachdruck in der Kunstszene, als sie mit der angeblich "niederen Kunst" des Scherenschnitts – in weitläufigen, wandfüllenden Panoramen – erschreckende, brutale und sexualisierte Szenen aus den Südstaaten vor dem Bürgerkrieg zeigte. Ich bin zum ersten Mal auf sie aufmerksam geworden, als sie noch an der Rhode Island School of Design studiert und diese spezielle Technik noch nicht benutzt hat, in der die Welt monochrom erscheint und die, wie sie einmal sagte, "mich gerettet hat".

Aber schon damals konnte ich gleichsam – in einer großformatigen Zeichnung afroamerikanischer Mädchen mit schokoladenfarbenen Umrissen – einen neuen, barbarischen Aufschrei durch Amerika hallen hören. Seit damals und erst recht seit sie 1997 mit 27 den MacArthur-Preis erhielt, ist sie immer besser geworden, böser, abgefahrener.

"A Subtlety" zeigt eine afroamerikanische Frau mit einem enormen, geschwungenen und entblößten Hintern, von hinten betrachtet sieht man die Schwellung der Vulva, wie als Einladung zu sexuellen Vergnügungen. Sie kauert bäuchlings auf den Knien, die Brüste sichtbar, die linke Hand hat sie geballt und steckt dabei den Daumen zwischen Zeige- und drittem Finger zur sogenanntem "Feige" heraus, der volkstümlich-derben Geste für Sex.

Walker hat noch nie vergleichbar dreidimensional gearbeitet. Vielleicht hat das auch sonst noch nie jemand getan. Man ahnt in dieser massiven Götzenskulptur – das ganze Weiß mitten in der toten Fabrik mit ihrer braunkaramelisierten Zuckerkruste – geheime Ursachen und Wirkungen, kosmische Verwünschungen, Bedrohung, grausame Freuden und rätselhafte Abgründe. Ich stellte mir vor, wie Raubvögel darüber kreisen. Bosheit, Fatalimus und Prunk fallen ineinander.

In einem Essay für das Magazin "Esquire" von 1960 schrieb James Baldwin über weiße Amerikaner, in deren Erinnerung die Sklaverei zu "einer Art Garten von Eden wird, wo er Schwarze geliebt hat und sie ihn ... Alles steht ihm offen, außer der Liebe, an die er sich erinnert und die er sich ewig zurückwünscht." Baldwin vermutet darin eine der bösartigen Ursachen für die "Hysterie" des Rassimus. Oder in den knapperen Worten Walkers: "Dieser Zucker hat Blut an den Händen."

Während mir diese Gedanken durch den Kopf gingen, musste ich an die "Pequod" denken. Etwas Dunkleres, Universelleres, weniger Fassbares nahm Gestalt an. Die Skulptur verwandelt sich in ein Double des weißen Wals selbst. Der seelische Boden bricht weg. Ich musste an D.H. Lawrences großartige Analyse von "Moby Dick" denken: "Verflucht! Verflucht! Verflucht! Scheint es durch die tiefdunklen Bäume Amerikas zu wispern. Verflucht! ... Fluch über unsre weißen Zeiten ... und der Fluch legt sich über Amerika. Der Fluch unserer weißen Zeit." Hier endete die Vision.
 
"A Subtlety, Or the Marvelous Sugar Baby", Domino Sugar Refinery, Williamsburg, bis 6. Juli

(Foto: dpa)

Kara Walker (© Sari Goodfriend Photography)

Tags: Kara Walker

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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