Der Kritiker
Der Kritiker
Der renommierte Kunstkenner Jerry Saltz berichtet für uns aus New York

Zombies an den Wänden: Warum sieht derzeit so viel abstrakte Kunst gleich aus?

26.06.2014

Die Richtungswechsel in der Kunst der letzten 150 Jahre ergaben sich fast immer aus spannenden, aber nicht eben mysteriösen Zusammenhängen. Die jeweiligen Kunstbewegungen beruhten auf den Eingebungen einiger Ausnahmekünstler oder besonderer Künstlerkonstellationen, die zunächst eine gewisse Anhängerschaft fanden, zu sogenannten Schulen oder Bewegungen wurden und alles um sie herum beeinflussten, bis sie schließlich mit dem Aufkommen weniger talentierter Epigonen verwässert wurden. Jüngere Künstler begannen sich dagegen aufzulehnen, und die Bewegung verebbte. So ging es dem Impressionismus, dem Postimpressionismus und den Fauvisten, später auch dem abstrakten Expressionismus nach den 50ern. Aber am Anfang standen immer die jeweils originellsten Werke.

Diesmal ist allerdings irgendetwas mit dieser künstlerischen Morphologie furchtbar schiefgelaufen. Ihr Verlauf hat sich umgekehrt. In der aktuellen, extrem weitverzeigten Kunstwelt und ihrem entsprechenden Markt dominieren die Verwässerer. Eine ganze Flut aktueller Kunst wird allein vom Markt getrieben, insbesondere von nicht besonders gebildeten Spekulanten-Sammlern, die ihre reichen Freunde und deren reiche Freunde zum Kauf der immer gleichen Kunst drängen.

Die Künstler selbst sind dabei nur ein Teil des Problems. Viele davon handeln ja nach bestem Wissen und Gewissen – sie machen, worauf sie Lust haben, und verkaufen es. Einige Künstler verhalten sich jedoch durchaus komplizenhaft. Sie bedienen jene neue Schicht von hungrigen Käufern, die sich am Gewinn orientieren, aber das Risiko scheuen und nach einem Platz in dieser rasch wachsenden Nischenindustrie gieren. Der Kunstabklatsch, mit dem sie handeln, zeichnet sich dabei im Grunde vor allem dadurch aus, dass er wie andere Kunst aussieht.

"Zombie-Formalismus"

Umgangsgsprachlich nennt man sie Modest Abstraction (schlichte Abstraktion), Neo-Moderne, MFA-Abstraction (Diplom-Abstraktion) und Crapstraction (Kackstraktion). (Geschlechtsdifferenziert spricht man von Chickstraction und Dickstraction.) Rhonda Lieberman bringt es mit der „Kunst des oberen einen Prozents“ und „ästhetisiertem Zaster“ auf den Punkt. Mir gefällt „Abdeckplanenabstraktion“ und vor allem der „Zombie-Formalismus“, den sich der Künstler-Kritiker Walter Robinson ausgedacht hat.

Die Galerien quellen über vor Bildern solcher Markenzeichen-Reduktion, die alle irgendwie hübsch, harmlos und angeblich metakritisch sind oder schlicht „neu“ oder „abenteuerlich“ genug aussehen, um niemanden in seiner Vorstellung von „neu“ oder „abenteuerlich“ zu verstören. Dabei bleiben sie stets unpersönlich und arbeiten sich an einem standardisierten Set von Einflüssen ab. (Übrigens handelt es sich um ein globales Phänomen: Auch in Berlin habe ich neulich jede Menge solcher Werke gesehen, und die Kunstmessen werden davon überschwemmt.)

Die Künstler wirken wie fleißige, postmoderne Nachwuchsbienen, die sich in den Kanon der guten alten Zeiten der Abstraktion wühlen oder ihn kopieren wollen, wozu sie sich bei Ideen des Suprematismus, der Farbfeldmalerei, des Minimalismus, des Postminimalismus, der italienischen Arte povera, des japanischen Mono-ha, der Prozesskunst und des modifizierten Action-painting bedienen und auf Leute wie Polke, Richter, Warhol, Wool, Prince, Kippenberger, Albert Oehlen, Wade Guyton, Rudolf Stingel, Sergej Jensen und Michael Krebber beziehen. Ich habe in diesem Jahr bestimmt Hunderte davon in Galerien und auf Kunstmessen fotografiert. Eine Auswahl finden Sie auf dieser Seite.

Visuelle Fahrstuhlmusik

Die Werke sind dekorativ und eignen sich besonders gut für moderne Wohnungen oder Häuser. Weil sie „intellektuell“ und hip wirken, schmeicheln sie den Sammlern, auch wenn sie keinerlei irgendwie neue Einsichten vermitteln. Das alles geschieht in verhärmten Grauschattierungen und fantasieloser Gestaltung, in der digitale Medien oder irgendwas Altbackenes oder Runtergekommenes nachgeahmt wird. Dazu gibt es jede Menge laue Kommentare zur Kunst, zu Recycling, Nachhaltigkeit, Abstraktionsprozessen oder der Natur, im stets ähnlichen Vokabular aus Klecksen, Spritzern, Flecken, Tropfen, Schmierspuren, quasimonochromen Feldern, Sprühfarbe, Siebdruck oder Schablonen.

Vorschrift sind geometrische, biomorphe oder Kante-an-Kante-Kompositionen, aber auch Raster, Gitter und Moiré-Muster, ovulare Formen und Streifen, vielleicht mit ein wenig Collagentechnik aufgepeppt. Oft spielen Rahmenleisten eine Rolle. Sie sollen uns sagen: „Schau, ich weiß, ich bin ein Bild – und ich bin nicht so schrill wie die Sachen von Takashi Murakami oder Jeff Koons.“ Die Produkte wirken oft, als spielten die Maler Tonleitern, wie Fingerübungen, denen es an Geist oder harmonischem Kontext fehlt, aus denen Musik erst entstehen kann - visuelle Fahrstuhlmusik, die nicht weiter auffällt.

Der Zombie-Formalismus kommt meist hochkant daher, damit er umstandslos digital vertrieben und als JPEG auf den entsprechenden Gerätschaften betrachtet werden kann. Er sieht in echt ziemlich genau so aus wie auf dem iPhone, dem iPad, auf Twitter, Tumblr, Pinterest und Instagram. Ein Sammler muss sich die Arbeiten nicht erst in einer Austellung ansehen, weil sie fast keine visuelle oder materielle Angriffsfläche bieten. Innere Spannung gibt es kaum, und man erfasst den bildnerischen Raum auf den ersten Blick. Man sieht und versteht alles sofort – und auf diesen ersten Eindruck folgt auch nichts mehr. Man wird selten überrascht und muss hier weder komplexe Strukturen erfassen noch spezielle Ikonografien oder bildliche Eigenarten entziffern, an denen man hängen bliebe. Alles funktioniert reibungslos und glatt, als reine Handelsware. Kunst als Bitcoin.

Malen als Masturbation

Fast alle Vertreter dieser Malerei kommen von der Kunstakademie. Daher beziehen sich die Werke auf jene Kunstepoche, die man an den Hochschulen vergöttert, die angeblich noch unverbrauchten 60er und 70er, in denen die Professoren und Dozenten ihren Kunstbegriff gelernt haben. Lehrer und Schüler sind auf die gleiche Kunstepoche geeicht; und innerhalb dieser Epoche wiederum nur auf eine Richtung; und aus der nur auf bestimmte Künstler. Das führt zu einem kunsthistorischen Kahlschlag, einer ästhetischen Monokultur ohne ästhetische Biodiversität. Das Ergebnis ist nicht Malerei, sondern semantische „Painterbation“, Malen als Masturbation – oder eben, wie neulich in einem schleimigen Auktionskatalog zu lesen stand, eine „etablierte postmoderne Praxis“.

Ihre Apologeten verteidigen diese Kunst mit verworrenen Argumenten und behaupten, dass einige Kandidaten sich deutlich vom großen Rest absetzen. Lucien Smith nimmt für seine kleinen Tropfen Feuerlöscher; Dan Colen M&Ms; Adam McEwen setzt auf Kaugummi; Parker Ito malt Felder aus verschwommenen, farbigen Punkten. Viele der Künstler lassen ihre handgemachten Werke wie Drucke aussehen. Man erzählt uns, dass ein Bild aus Cut-ups anderer Bilder entstand, dass es eine Weile im Freien stand oder in einem verschmutzten See lag, dass es mit der Post verschickt wurde oder vom Tahrir-Platz kommt. Wir erfahren, dass ein Künstler die Konsumgesellschaft „kommentiert“, den Klimawandel, die soziale Unterdrückung, die Kunstgeschichte.

Der Fall Oscar Murillo

Ein sehr bekannter Kurator hat neulich versucht, die missverstandenen Julian­-Schnabel-Joe-Bradley-Jean-Michel-Basquiat-Spritzereien Oscar Murillos - der begehrteste Künstler dieses Schlags - zu rechtfertigen, indem er dessen abdeck- oder zeltplanenartige Unterlagen mit Menschen in Verbindung brachte, die in Murillos Heimat Kolumbien in Notlagern aus solchen Zelten leben. Dass Murillo wesentlich in England aufwuchs und ausgebildet wurde, interessiert dabei nicht. Allerdings scheint sich der ganz offensichtlich talentierte 28-Jährige noch in der Studienphase zu befinden und könnte vielleicht ein Großer werden.

Aber egal – jede Menge Käufer und Händler investieren bereits massiv in Murillo, und daher versucht jeder, seine Position abzusichern. Auf der Kunstmesse Frieze letzten Monat sprachen mich innerhalb eines Tages gleich drei wichtige Kunsthändler an, um einerseits die Flut an „Crapstraction“ zu bestätigen und mir andererseits zu versichern, ihr neuer Mann sei „das einzig Wahre“. Ich habe ihnen dann jeweils gesagt, was der andere mir erzählt hatte – und dass sie jeder einen anderen heißen Künstler gehypt hatten.

Ich gebe übrigens zu, dass ich nicht alle dieser Arbeiten hasse. Ein paar davon mag ich sogar. Mit der betrüblichste Aspekt dieses Trends liegt darin, dass auch die besseren Künstler des Stils in der Schwemme mittelmäßiger Trittbrettfahrer und automatischer Kunst untergehen. Wenn man derzeit durch die Galerien läuft, fühlt man sich nicht mehr wie in abenteuerlichen, individuellen Welten, sondern wie in der Filiale einer Ladenkette, wo alles vertraut wirkt. Sollte jedoch, so meine Meinung, das Geld dereinst wieder vom Kunstmarkt verschwinden, dann stürzt dieses Genre-Dogma ins Bodenlose. Alle werden sofort die Produktion solcher Kunst einstellen, die auf eine Frage antwortet, von der alle vergessen haben, dass sie je gestellt wurde – und man wird nie wieder darüber reden.
 

Versenden | Bookmarken | Drucken
Vorheriger Eintrag Jerry Saltz über Kara Walkers Zucker-Sphinx in New York | Blog Home | Nächster Eintrag Fantastisch, fürchterlich: Jeff Koons' Retrospektive in New York
comments powered by Disqus
ÜBER DEN BLOG
RSS Feed
Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
TAGS
ANZEIGE
KALENDER

ANZEIGE