Der Kritiker
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Der renommierte Kunstkenner Jerry Saltz berichtet für uns aus New York

John Waters ist ein Nationalheiligtum

12.01.2015
John Waters bei seiner Ausstellungseröffnung in der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin (Foto: dpa)
John Waters bei seiner Ausstellungseröffnung in der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin (Foto: dpa)

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann und wo ich es gelesen habe, aber irgendwo hat der große Künstler, Filmemacher, ja Nationalheiligtum John Waters, einmal gesagt, dass ihn der nicht weniger große, 2003 verstorbene American-Fine-Arts-Galerist Colin de Land "vor dem Fluch des Ruhmes gerettet" habe.

Wenn sich, das meinte Waters wohl damit, eine Berühmtheit wie er als Künstler in die Kunstwelt wagt – James Franco, Jay-Z, Tilda Swinton – dann geht man dort sofort auf Abstand, beschimpft die Kunst und findet allein schon ihre Gegenwart schmutzig und abstoßend. Und es stimmt: Als Waters vor langer Zeit seine Arbeiten in de Lands legendärer Galerie zum ersten Mal gezeigt hat, blieb ihm diese Feuerprobe erspart. Das liegt wiederum nicht nur daran, dass er einer der besten amerikanischen Regisseure ist – Waters arbeitet auch als Künstler ausnehmend originell.

Mittlerweile kann er auf 50 Einzelausstellungen in der ganzen Welt zurückblicken, in denen er vergrießelte, vom Fernseher abfotografierte Aufnahmen in gangartigen Gruppen präsentiert. Man sieht anregend schmierige, lustige und anspielungsreiche Fotos, die sich ausgiebig mit seinen Lieblingsobsessionen Porno, Kacke, zwielichtigen Gestalten, Stars und Belanglosigkeiten beschäftigen.

Keiner hat die Schnittmenge von Showgeschäft und Fantum so gründlich begriffen wie Waters. Wenn man seine - sowohl psychologisch wie optisch - höchst außergewöhnlichen Typen und Gesichter auf sich wirken lässt, versteht man plötzlich, dass man sich als Fan umso spezieller und privater mit seinem Idol verbunden fühlt, je größer die Zahl der Menschen ist, mit denen man die Bewunderung teilt. Man könnte daher die tribalistischen Wurzeln seiner – und vielleicht aller – Kunst so beschreiben: Als leidenschaftliche Verehrung und rückhaltlose Hingabe, die einen näher zu sich selbst bringt. 

So wie jeder den Hamlet aufgrund dessen Vielschichtigkeit anders interpretiert, so sieht auch jeder, der sich auf "Pink Flamingos" einlässt, seine eigene Version des nicht weniger ausgefallenen – wenn auch reichlich irren – Werks. Waters zeigt auch tolle und erhellende Text-Arbeiten, kleine Karteikarten mit ausführlichen To-Do-Listen, deren zahlreiche Posten mit winziger, ordentlicher Schrift eingetragen und abgehakt sind – die Signatur eines überaus cleveren, umtriebigen, analfixierten, rastlosen und höchst durchgeknallten Künstlers.

Das gilt auch für den Regisseur. Der Filmkritiker David Thomson hat Waters "den klassischen, modernen homosexuellen Filmregisseur" genannt, "schlau, mutig, boshaft". Das war als Kompliment gemeint, obwohl wahrscheinlich niemand zum Beispiel Steven Spielberg einen "klassischen, amerikanischen heterosexuellen Regisseur" nennen würde. Jedenfalls erzählt Waters: "Ich bin früher immer in die Filme gerannt, von denen es in der katholischen Schule hieß, dass man dafür in die Hölle käme". Wie Thomson schreibt, ist Waters "gefährlich, versaut, dreckig und mittelalt." In jedem Fall ein speziell New Yorker Fall. (Nicht sauer sein, Baltimore.)

Waters hat Klassiker gedreht wie "Pink Flamingos", "Mondo Trasho" und "Female Trouble", dazu "Hairspray", "Polyester" und "Pecker". Mit 17 hat er angefangen Filme zu machen, nachdem ihm seine Großmutter eine 8mm-Brownie-Kamera zum Geburtstag geschenkt hatte. Zu einem Wendepunkt in seiner Karriere – und der USA – wurde seine Begegnung mit der Drag Queen Glenn Milstead, die er als "Divine" in etlichen Filmen besetzte. Der Rest ist berüchtigte Geschichte und reinste Kunst.

Waters filmte in der Gosse, in zweilichtigen Ecken und in Waschsalons (wegen des Neonlichts), und machte sich damit einen Namen bei den Freunden der Spätvorstellungen von Baltimore, Provincetown, San Francisco, L.A. und schließlich New York. Das Publikum seiner Filme beschrieb er so: "Niemand sprach von guten Filmen, und sie liefen auch nie in richtigen Kinos. Aber die Leute waren total dabei. Der komplette Saal war auf Drogen, die Leute in den Filmen waren auf Drogen, und ich war auf Drogen, als ich sie mir ausgedacht habe. Die Kinobetreiber haben Sägespäne im Saal gestreut, weil soviel gekotzt wurde." Einem Künstler leuchtet so eine wilde Begeisterung ein, er kann sie verstehen. Und weil sich auch jeder Zuschauer gleichsam als Protagonist der Filme fühlt, entsteht der seltsame, tribalistische Zusammenhalt, der eng zu Waters’ Kunst gehört.

Damit hat man die Eckpfeiler eines außergewöhnlichen Lebens in der Kunst. Waters taucht als Cameo in "The Simpsons", "My Name Is Earl", "Hairspray", "Seed of Chucky" und "Homicide: Life on the Street" auf.

Seine jährlichen Film-Top-Ten für "Artforum" sind fantastisch, auch seine Bücher sind klasse. Das Foto, das ihn als Tramper mit einem Schild "zum Teufel" zeigt, könnte so etwas wie die Mona Lisa des modernen Amerikas sein. Mir und allen Freunden der Kunst wurde dabei ganz warm ums Herz. Dabei folgt er einem strengen Arbeitsrhythmus: Jeden Tag von Punkt acht bis Punkt fünf. Man könnte endlos weitermachen und zum Beispiel erzählen, dass er seit dem 19. Geburtstag jeden Tag seinen Schnurrbart mit einem Maybelline Augenbrauen-Mascara nachzieht, dass er Film- und Schreibseminare im Gefängnis abhielt, dass er von Neuigkeiten und Kultur besessen ist und fünf Tageszeitungen pro Tag und über hundert Magazine im Monat liest. Außerdem ist er ein Fan von Justin Bieber.

Es gefällt mir sehr, dass er sich in Gotham genauso zu Hause fühlt wie in seiner Heimat Baltimore. Er hat einmal eklärt: "Ich frage mich immer: Worauf habe ich dieses Wochenende Lust? Vielleicht auf meine Lieblings-Redneck-Biker-Bar in Baltimore, wo man mich total akzeptiert, aber sonst eigentlich jeden, der nicht dazugehört, verprügelt? Oder vielleicht doch lieber auf eine Vernissage in New York? Das macht mir genausoviel Spaß ... Ich vermeide nur die Ebenen dazwischen. Das sehe ich als meinen eigentlichen Erfolg: Ich muss mich nie mit dem Durchschnitt arrangieren. Ich muss mich nie mit Arschlöchern abgeben." (Ich hatte bisher immer Angst davor, mich Waters vorzustellen, weil ich befürchte, eins der Arschlöcher zu sein.)

Ich finde es toll, dass Waters einer von uns ist, eine der Berühmtheiten, denen man auf der Straße begegnen und dann ein bisschen stolz sein kann, an diesem coolen Ort zu leben. Ich muss nur das Gesicht dieses dekadent-lüsternen Gentleman-Dandys mit seinen wachen Knopfaugen sehen, und schon spüre ich die Gegenwart eines wahren Bohème-Prinzen unserer Stadt.

"John Waters: Beverly Hills John", Marianne Boesky Gallery, New York, bis 14. Februar

Tags: John Waters

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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