Der Kritiker
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Der renommierte Kunstkenner Jerry Saltz berichtet für uns aus New York

Type 42: 9 unheimliche, erotische Polaroids von Hollywoodstars

30.01.2015
Type 42 (Anonymous) "Andra Martin", 1960s-1970s (Courtesy Galerie Susanne Zander/ Delmes & Zander)
Type 42 (Anonymous) "Andra Martin", 1960s-1970s (Courtesy Galerie Susanne Zander/ Delmes & Zander)

Es handelt sich hier um neblig unscharfe, schwarz-weiße Polaroidbilder von Filmstars und Femme Fatales, abfotografiert von kleinen Fernsehern in dunklen Räumen. Die Aufnahmen stammen von einem unbekannten Künstler, den man nach der Serienbezeichnung seines verwendeten Sofortbildmaterials Type 42 genannt hat. Die Bilder entstanden in den 60ern, aber aufgetaucht sind sie erst 2012. Ein Künstler war über die Sammlung gestolpert (Hallelujah!).

Auf den meisten findet man den Namen der Darstellerin notiert, auch mal ihre Maße, manchmal den Filmtitel. Die Handschrift wirkt umständlich und bemüht – die i-Punkte sitzen nicht direkt über dem Buchstaben, sondern sind nach rechts versetzt. Die Fotokünstlerin Cindy Sherman nennt sie in ihrem Beitrag zum Katalog der Ausstellung – sie lief in Berlin unter dem Titel „Fame is the Name of the Game“ kürzlich in Berlin – eine „ausführliche Abhandlung darüber, was es heißt, eine Frau zu sein.“

Sie schreibt weiter: „Man könnte den Fotografen für einen Mann halten, weil man fast nur Frauen sieht. Aber sie könnten auch von einer Frau fotografiert worden sein, die ihre Rollenvorbilder verstehen wollte.“ Vor allem jedoch erkenne man „jemanden, der viel ferngesehen hat, jede Menge Polaroid-Material hatte und ziemlich obsessiv unterwegs war.“

Das stimmt. Wer auch immer diese Frauen betrachtet - er oder sie schaut sehr genau hin. Anita Ekberg, die ihre Brust hebt; Kim Novak in der Badewanne; Jane Fonda in einem schillernden BH, dazu die Maße „34-22-34“. Man spürt hier überall und ständig ein undeutliches Begehren und verborgene Wünsche, und wirft einen Blick in die Zeit, als es noch keine Videorekorder gab und jeder erotische TV-Moment erinnert werden wollte.

Aber für Type 42 sollten diese Bilder sofort für immer bleiben, stets zur Hand und verfügbar, wenn man sich eingehend mit ihnen beschäftigen wollte. Dass es sich dabei um Polaroids handelt, deutet darauf hin, dass er oder sie gewissermaßen heimlich zu Werke ging, sein Schaffen als etwas verstand, dass man verbergen und lieber niemandem zum Entwickeln geben sollte.

Wie jede gute Kunst offenbaren die Bilder Geheimnisse, die sich im Licht verbergen.
 

Type 42 (Anonymous) "Sophia Loren", 1960s-1970s 
(Courtesy Galerie Susanne Zander/ Delmes & Zander)

Type 42 (Anonymous) "Claudine Auger", 1960s-1970s 
(Courtesy Galerie Susanne Zander/ Delmes & Zander)

Type 42 (Anonymous) "Kim Novak", 1960s-1970s 
(Courtesy Galerie Susanne Zander/ Delmes & Zander)

Type 42 (Anonymous) "Brigite Bardot", 1960s-1970s 
(Courtesy Galerie Susanne Zander/ Delmes & Zander)

Type 42 (Anonymous) "Jane Fonda", 1960s-1970s 
(Courtesy Galerie Susanne Zander/ Delmes & Zander)

Type 42 (Anonymous) "Ursula Andress", 1960s-1970s 
(Courtesy Galerie Susanne Zander/ Delmes & Zander)

Type 42 (Anonymous) "Star Trek", 1960s-1970s 
(Courtesy Galerie Susanne Zander/ Delmes & Zander)

Type 42 (Anonymous) "Romy Schneider", 1960s-1970s
(Courtesy Galerie Susanne Zander/ Delmes & Zander)
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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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