Der Kritiker
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Der renommierte Kunstkenner Jerry Saltz berichtet für uns aus New York

Knechte des Digitalen: New Museum Triennale in New York

12.03.2015
DIS "The Island (KEN)" (Installation und Live-Performance in New York im Rahmen der Triennale des New Museum "Surround Audience", Foto: Heji Shin, © Dornbracht)
DIS "The Island (KEN)" (Installation und Live-Performance in New York im Rahmen der Triennale des New Museum "Surround Audience", Foto: Heji Shin, © Dornbracht)

Es gibt Innovationen, die sofort verstanden und beherrscht werden. Die ersten Maler, die sich der Ölfarbe zuwandten – Jan van Eyck und Rogier van der Weyden zum Beispiel – gehören noch immer zu den besten ihrer Zunft. Schon auf den frühen Aufnahmen mit elektrischen Gitarren erkennt man Les Paul, T-Bone Walker und Sister Rosetta Tharpe (und bald auch Jimi Hendrix) als Meister des Instruments, und viele Leute halten "Don Quichote" noch immer für einen Höhepunkt der Romankunst.

Beim Internet liegt der Fall anders. Auch nach 25 Jahren gibt es noch keinen van Eyck, van der Weyden, Hendrix oder Cervantes. Das liegt auch an der Flüchtigkeit des Netzes; Kommerz und Novelty bringen jedes Idol ins Wanken (auch die neuen); und jeder Link ist stets schon vom Verfall gezeichnet und wahrscheinlich bald unbrauchbar.

Nicht zuletzt jedoch fehlen die neuen Meister, weil es sich bei der digitalen Technologie nicht einfach um eine Erfindung, ein Werkzeug oder Genre handelt. Sie schafft vielmehr eine ganz neue Landschaft, eine neue Biologie, die uns selbst ebenso verändert, wie wir sie verändern – und sie könnte eines Tages genausogut auf dem Mond wie in uns selbst existieren. In jedem Fall sind wir Knechte des Digitalen.

Und das schon eine ganze Weile. Weil sich alles verändert außer der Avantgarde reicht die Geschichte der Kunstausstellungen, die sich mit digitaler Technologie beschäftigen, mindestens bis 1968 zurück, als das Londoner Institute of Contemporary Art sich in "Cybernetic Serendipity" der sogenannten "Computer-Kunst" widmete. Die meisten Ausstellungen zum Thema inszenieren Spektakel aus interaktiven Tastaturen, knalligen Effekten, Hörstationen, kaum zu steuernden Webseiten, bei deren Berührung man sich höchstens eine Erkältung einfängt, dazu tragbare Helme, unter denen man verzerrte Cyberspace-Ansichten sieht.

Doch hier kommt die großzügig ausufernde, frustierende, aber bemerkenswerte 2015er Triennale "Surround Audience" im New Museum. In seinen Triennalen – dies ist die dritte – widmet sich das Museum Künstlern in einer "frühen Phase ihrer Karriere“ und verspricht daher, "den Blick nicht retrospektiv sondern nach vorne" zu richten. In diesem Jahr wiederum zeigt das gebäudefüllende Spektakel aktuelle Werke von neueren Künstlern, die sich mit den "sozialen und psychologischen Effekten digitaler Technologie" auseinandersetzen. Lauren Cornell vom New Museum hat die Ausstellung klug mitkuratiert und mir darüberhinaus mit ihrer Bemerkung "die Media Lounges haben nicht funktioniert" aus der Seele gesprochen – und noch mehr mit ihrem Geständnis, "Techno Gimmicks" zu hassen. Mit dem 34-jährigen Ryan Trecartin hat sie einen der besten Künstler seiner Generation als Ko-Kurator – er schrumpft in seinen Arbeiten den Raum zwischen Objekten, Bildern, digitaler Manipulation, kulturellem Narrativ, Millionen von Farben und Schichten aus Sound auf einen einzigen, hochverdichteten Spalt.

"Surround Audience" erkundet, so heißt es, "eine Welt, in der sich Technologie ... in unseren Körpern eingenistet hat und unsere Sicht der Welt verändert" sowie "visuelle Metaphern für Selbstwahrnehmung und Subjektivität". Bevor Sie sich jetzt aufregen – "Entschuldigung, das tut doch wohl jede Kunst" – man hat tatsächlich nicht nur auf Tastaturen, Computerplätze oder Webseiten verzichtet und benutzt auch nur einen Helm (Daniel Steegmann Mangranés wunderbar verführerische Darstellung eines vielschichtigen, linearen Raums); es gibt dankenswerterweise auch keine dunklen Räume mit dräuenden Videos, vor denen man sich fragt, ob Kuratoren eigentlich menschliche Wesen sind, denen klar ist, dass sie Umsummen dafür ausgeben, die Neugier, Geduld und Menschlichkeit ihres Publikums zu strapazieren. Das ist ein großer Schritt für die Kunstwelt.

Die Kuratoren haben außerdem begriffen, dass so etwas wie "digitale Kunst" nicht exisitiert (und ganz sicher keine, die man anhand der ausgestellten oder verwendeten Maschinen definieren könnte), sondern nur Kunst, die vielleicht von einem entsprechenden Ethos geprägt wird. Und auch wenn man einen Tick zuviel bemüht-jugendliche, apokalyptische Dystopien sieht, fehlt zum Glück jedes nervige, New-Age-haft utopische Zeitgeist-Geblubber.
 
Noch wichtiger ist allerdings, dass sich die ausgestellten Künstler nicht an den Objekten des digitalen Zeitalters aufhalten, sondern stattdessen darüber nachdenken, wie seltsam es ist, in ihm zu leben; und dabei trotzdem erkennen, dass wir selbst diese Landschaft gestalten, ja, dass sie aus uns besteht; dass es kaum mehr einen Unterschied zwischen innen und außen gibt; und dass man sich mit digitaler Technologie auch jenseits von Computer, Maus und iPhone beschäftigen kann. Selbst William Gibson, der den Begriff des Cyberspace immerhin geprägt hat, meinte neulich: "Es ist noch nicht lange her, da war der Cyberspace ein spezifisches Anderswo ... Mittlerweile hat er sich umgestülpt, von innen nach außen gekehrt. Die physische Welt kolonisiert."

Von den 51 Künstlern und Kunstkollektiven, die hier ausstellen, kannte ich nur einen kleinen Teil - eine erfrischende Erfahrung, wo so viele Ausstellungen einander ähneln, als seien sie Produkte eines kuratorisch-industriellen Komplexes. Cornell und Trecartin verabschieden sich von dieser ebenso beliebten wie immergleichen und bewährten akademischen Praxis, also Installationen mit ein bisschen Text, dazu nach Möglichkeit Fotografie, Video, Booklets und Klang, sowie gefundene Objekte, die man willkürlich oder penibel in einer Vitrine oder auf einem Regal arrangiert. (Dieser kuratorische Ansatz ist international gültig und hat nicht nur die 2012er Triennale des New Museums geschwächt, sondern überhaupt die meisten Museumsaustellungen zeitgenössischer Kunst infiziert.)

Viele der hier präsentierten Künstlern stehen für eine Generation, die sich nicht nur mit der Technologie arrangiert hat, mit der sie schließlich von Kindheit an zu tun hatte, sondern auch damit, was es bedeutet, innerhalb eines Systems nach Veränderung zu suchen, nur um festzustellen, dass sich das System schon wieder geschlossen hat. Sie können Information problemlos neu konfigurieren und wollen sich nicht hinter altgediente romantische Begriffe wie Zeitlosigkeit oder Zynismus zurückziehen.  

Das erkennt man zum Beispiel in Josh Klines weitläufiger Installation im zweiten Stock, in der man nachgebaute Elemente des Zuccotti Parks (dem zentralen Ort der Occupy-Wall-Street-Proteste) sieht, Bänke, Teletubbies-Bereitschaftspolizsten, die Wache stehen, und Sendemasten, die suggerieren, dass alles Tag und Nacht kontrolliert und übertragen wird. Die Arbeit heißt "Freedom" und zeigt eins der weitgespanntesten Videos, das ich seit langem gesehen habe – man sieht einen digital manipulierten Barack Obama bei seiner ersten Rede zur Amtseinführung 2009, aber in einer neuen Version von Kline und David Meadvin, einem ehemaligen Redenschreiber der Obama-Administration. Nach den Worten, die man in dieser Fassung hört, haben sich zig Millionen Leute in den zwei Jahren vor Obamas Wahl 2008 gesehnt – Obama nimmt die Leugner des Klimawandels hart ins Gericht, fordert umgehendes Handeln, zieht in scharfen Worten die Multis für die Finanzkrise zur Verantwortung, geißelt zugleich jene Zyniker und Experten, die von der Panikmache profitieren und verurteilt Bigotterie, Homophobie, Rassismus und Sexismus. Ich hatte in der Wahlnacht 2008 darüber nachgedacht, wie staatliches Versagen und politischer Pragmatismus die angekündigte Politik "der Hoffnung und des Wandels" aushöhlen würden. Auf Facebook habe ich geschrieben: "Eine ganze Generation muss sich jetzt darauf vorbereiten, auf ganz neue Art enttäuscht zu werden." Aber es kam anders.

Josh Kline "Freedom" (Installationsansicht Triennale, New Museum 2015: 
"Surround Audience", Courtesy New Museum, New York, Foto: Benoit Pailley)
 

Klines Video ist ein Höhepunkt der Ausstellung. Nicht entgehen lassen sollte man sich jedoch auch Lawrence Abu Hamdan, der Kairoer Scheiche zu Predigten über die Lärmbelästigung veranlassen konnte - ganz großartig, wie hier die schädlichen Auswirkungen von Lärm mithilfe religiöser Dogmen aus dem Koran erklärt werden. (Eins der Subthemen der Ausstellung ist die Offenheit des Internet-Organismus für alte Systeme und Filter.) Großartig auch Lena Henkes große, dreidimensionalen Jpegs, die verdeutlichen, wie Künstler sich althergebrachter Techniken bedienen, um die neuen gründlicher zu verstehen. Henke hat sehr erhellend ein Stahlgerüst mit einem transparenten Foto umhüllt, wodurch sich das klobige Ding in ein dimensionsfreies Objekt verwandelt. Casey Jane Ellison benutzt die alte Form der Stand-Up Comedy oder Talk Show, um unsere Hyper-Sichtbarkeit in den sozialen Medien zu untersuchen und die gründlich gescheiterten Kommunikationsversuche zu betrachten; Frank Benson zeigt eine hyperreale Skulptur des Trans-Körpers von Juliana Huxtable, einer seiner "Surround Audience"-Kolleginnen, mit Brüsten und Penis. Es liegt eine radikale Verletzbarkeit darin, zwei Körper zugleich zu sein und ihre Rätsel und Schönheit zu offenbaren, wohingegen die skulpturale Persona – hergestellt aus Scans und wahrscheinlich 3D-Druck – das physische Objekt auf anschaulich paradoxe Weise ent-materialisiert. Und wo wir schon dabei sind, sollten Sie auch Steve Roggenbucks wunderbar poetische Videowanderungen anschauen, deren Ich gleichzeitig nach außen und in sich hinein blickt.

Frank Benson "Juliana" (Installationsansicht Triennale, New Museum 2015: "Surround Audience", 
Courtesy New Museum, New York, Foto: Benoit Pailley)

Juliana Huxtable "UNIVERSAL CROP TOPS FOR ALL THE SELF CANONIZED SAINTS OF BECOMING", 2015
(Courtesy the artist)

So tief diese und andere Arbeiten hier schürfen, will ich die Ausstellung aber nicht ohne eine ernsthafte Warnung und Beschwerde empfehlen. Wie schon die letzte Triennale gibt es auch in "Surround Audience" viel zuviele längliche Texttafeln, in denen Kontext und Hintergründe erläutert werden, historisch, wissenschaftlich, rational, philosophisch, narrativ, mythologisch, kunstgeschichtlich und persönlich. Solcherart Texte an den Wänden der Museen nehmen mittlerweile epidemische Ausmaße an.

Das Problem ist nicht das Lesen. Vielmehr hat der "Inhalt", um den es laut Text in den Werken angeblich geht, selten etwas mit dem Werk zu tun; er existiert nur auf den Wandtafeln und in den wackligen Gedanken der Künstler und Kuratoren. Das Schild neben Velázquez’ "Las Meninas" ist nur einen Bruchteil so lang wie die Texte zu einem Großteil zeitgenössischer Kunst in den Museen. Mit diesen langen Schrifttafeln triumphiert die Pädagogik über das Objekt, sie stehen für den Vertrauensbruch zwischen Kunst und Betrachter. Und darüberhinaus unterstreichen sie, wie sich Institutionen und Künstler mit einer lächerlich dumpfen, unversöhnlichen Sprache bewaffnen, um die Oberflächlichkeit, Selbstbezogenheit, Faulheit und Banalität ihrer Ideen zu verschleiern.  

Das gilt nicht nur für die Texttafeln. Die gesamte Kunstwelt steht im Bann von Werken, die irgendeinen Hintergrund – intellektuell, biografisch, materiell oder als Einfluss – verbergen, mit denen sie nur auf Nachfrage, im Gespräch mit dem Galeristen, Kurator oder Kunstschaffenden selbst herausrücken. Eine rein elitäre Sache. Wenn man dann das Geheimnis erfährt, soll einen ein Schauer der Erkenntnis überlaufen ("Verstehe. Die Mutter wurde gekidnappt."), auch wenn die Geschichte nicht besonders viel hergibt oder irgendwie im Werk auftaucht.

Das Phänomen ist zwar nicht ganz neu, aber es passt zur Logik und Sprache des Internets, die ja wiederum Thema der Triennale sind. Denn das Internet schätzt geheimes und verborgenes Wissen – Links, die keiner kennt, Kulte, die man zuhause allein im Bett verfolgt – obwohl es alle Information zugänglich macht, jedoch ohne in die Tiefe zu gehen. Das Internet egalisiert vielleicht wirklich die Wissenshierarchien, aber es zieht auch kleine tribalistische Gräben um bestimmte Ideen. Vor allem erkennt es auch keine der Paradoxien oder Widersprüchlichkeiten dieses Ansatzes. (Vergleiche hierzu die meisten Werke des Zombie- Formalismus und der oben erwähnten neo-konzeptuellen Praxis.) So gut die Ausstellung streckenweise ist, habe ich sie doch mit der klaren Überzeugung verlassen, dass Museumstexte nicht länger als zehn Zentimeter sein sollten.

Daher: Lesen Sie nur die letzten beiden Zeilen der Texte, freuen Sie sich über Kuratoren, die das Digitale als eine neue Landschaft verstehen, schöpfen sie aktivistische Kraft aus der Enttäuschung. Und versäumen Sie "Surround Audience" nicht.

Tags: New Museum, Triennale New Museum 2015, Josh Kline, Lawrence Abu Hamdan, Lena Henke, Jane Ellison, Frank Benson, Juliana Huxtable, Steve Roggenbuck, Surround Audience

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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