Der Kritiker
Der Kritiker
Der renommierte Kunstkenner Jerry Saltz berichtet für uns aus New York

Über die MoMA-Pläne, das Folk Art Museum abzureißen: Recht so! Baut lieber einen Raum für Kunst

16.04.2013
Das American Folk Art Museum in New York (Foto: David Shankbone,  Creative Commons)
Das American Folk Art Museum in New York (Foto: David Shankbone, Creative Commons)

Es ist schon traurig. Vor kaum zwölf Jahren hat man das ehemalige American Folk Art Museum, in der 53. Straße, gleich beim MoMA, gebaut. Jetzt lässt es sein neuer Besitzer wieder abreißen: Das MoMA. Traurig stimmt einen dabei weniger, dass der Bau gehen muss; sondern dass er trotz des nahezu einhelligen Jubels der Architekturkritik von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Wer das von Tod Williams und Billie Tsien entworfene Gebäude vor allem als Museum verstand, konnte schon bei der Eröffnung erkennen, dass sich die Innenräume überhaupt nicht für Kunstausstellungen eigneten. Die Galerien wirkten viel zu eng und überall gab es Treppen, die zu manchmal korridorartigen Schläuchen oder unvorteilhaften Nischen für die Kunstwerke führten.

Als das Museum vor zwei Jahren die Rückkehr in die dunklen Lobbyräume vor seinem desaströsen Umzug bekanntgab, habe ich vorgeschlagen, das MoMA solle – obwohl es sich ja beim Bau von Ausstellungsräumen selbst nicht immer überzeugend anstellt - das Gebäude abreißen und ein neues bauen. Vergangene Woche kündigte das Museum jetzt genau dies an, worauf ein Sturm der Entrüstung losbrach. Aufgebrachte Fans des Gebäudes wandten sich an die Kommentarseiten der "New York Times" und prangerten die „bestürzend falsche Entscheidung der Museumsdirektoren“ an.

Mein guter Freund Justin Davidson - hochgeschätzter Architekturkritiker des "New York Magazines" - warf den Architekten des MoMA in einem Artikel vor, es fehle „ihnen schlicht an Fantasie, wenn sie mit den vielen klugen Räumen von Williams und Tsien nichts anfangen“ könnten. Das Metropolitan zum Beispiel verwende die alten Whitney-Räume für Ausstellungen, anstatt sie einzureißen. Das stimmt. Aber das Met hat die Whitney-Räume nur gemietet. Zudem kann man dort eben auch Kunst zeigen. Die Abrissgegner schlagen vor, das MoMA könne ja Werke zeigen, die für die Räumlichkeiten geeignet seien – kleine Arbeiten wie Zeichnungen, Fotografien, Skizzen. Aber es geht hier nicht ums Format: Man kann im American Folk Art Museum einfach keine Kunst ausstellen - weder große noch kleine, weder flache noch dreidimensionale.

Die Erhaltung des Gebäudes würde auch nichts an der eigentlichen Tragödie des MoMA ändern, dass man nämlich trotz der milliardenschweren Renovierung nicht ausreichend Platz für seine berühmte Sammlung von Gemälden und Skulpturen schaffen konnte. Dieses planerische Versagen lähmt das Museum und beschädigt seinen Ruf seit der Wiedereröffnung 2004. Was das MoMA mehr als alles andere braucht, sind vernünftig aufgeteilte, zusammenhängende Räumlichkeiten für diese einzigartige Sammlung - und damit kann das verschachtelte Gebäude von William und Tsien leider nicht dienen. Der Fehler lag von Beginn an darin, es nicht als einen Ort für Kunst, sondern als reine Idee eines Museums zu begreifen. Dass man nicht auf direktem Weg vom MoMA in das andere Gebäude käme, um sich etwas anzuschauen, könnte man dabei noch akzeptieren. Aber man muss sich einfach versuchsweise vorstellen, wo dort, abgesehen vom steinernen Foyer, eine beliebige Galerie voll MoMA-Stücken – sagen wir die acht Pollock-Gemälde oder Monets „Seerosen“, die im MoMA jetzt schon recht armselig daherkommen – hängen sollte. Jedes MoMA-Kunstwerk in diesem Gebäude wäre zum Tode verurteilt.

Und zeitgenössische Kunst funktioniert dort sowieso nicht. Selbst wenn man die Williams-Tsien-Fassade für einzigartig hält (ich habe sie einmal mit einer Kleenex-Schachtel verglichen) – seine Fürsprecher bewundern das Haus als abstraktes Ideal eines Kunstraums, als kontextfreien platonischen Gegenstand, als Fetisch. Für mich ist es eins der traurigsten Kapitel der New Yorker Museumsarchitektur. Man sieht sich in einer derart schmerzhaften Angelegenheit wirklich nicht gern bestätigt. Ich verstehe auch durchaus, warum das Abrissvorhaben die Architekten und Architekturkritiker so verbittert. Aber sie sollten zur Kenntnis nehmen, dass praktisch die gesamte Kunstwelt das Gebäude für einen fürchterlichen Ausstellungsort hält – und dass es nur ein weiteres Beispiel in der Flut neuer Museen seit Frank Gehrys Guggenheim in Bilbao darstellt, wo die Architektur mehr zählt als die Kunst. Architekten! Wenn ihr ein Kunstmuseum entwerft, macht mit der Fassade, was ihr wollt. Aber bitte – sorgt für gutproportionierte Räume, in denen man Kunst anschauen kann. Die Kunst geht immer vor; alles andere ergibt sich dann.

(Übersetzung: Markus Schneider)

 

Tags: MoMA

Versenden | Bookmarken | Drucken
Vorheriger Eintrag Tod der Galerieausstellung | Blog Home | Nächster Eintrag „Impressionism, Fashion, and Modernity" im Metropolitan Museum New York
comments powered by Disqus
ÜBER DEN BLOG
RSS Feed
Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
TAGS
ANZEIGE
KALENDER

ANZEIGE