Rückkehr zur Armory-Show von 1913

28.02.2013

Alles Gute zum Geburtstag, Du modernes Amerika! Wie es aussieht, bist Du in diesem Monat vor hundert Jahren geboren. Nach dem 17. Februar 1913 – da eröffnete eine Ausstellung, die man heute allgemein als Armory-Show kennt – warst Du nicht mehr dasselbe. Gott sei Dank!

Eigentlich hieß die Armory „Internationale Austellung Moderner Kunst“. Sie zeigte rund 1200 Arbeiten von mehr als dreihundert Künstlern, wovon zwei Drittel aus den USA stammten. Im Zeughaus des 69. Regiments an der Ecke Lexington Avenue und 25. Straße, bekamen die USA den ersten tieferen Einblick in die Kunst von Picasso, Braque, Duchamp und vielen anderen. (Die heutige jährliche Armory-Kunstmesse an den West Side Piers hat damit nichts zu tun.) Bis zu ihrem Ende am 15. März strömten 70500 Leute durch die Ausstellung, angeblich kamen allein am letzten Tag 10000. In Chicago, der nächsten Etappe, zählte man sogar 188000 Besucher.  ... weiterlesen

Das New Museum zeigt "NYC 1993". Über ein bedeutendes Jahr für die Kunst

22.02.2013
Saltz neben Charles Rays "Family Romance" von 1993, zu sehen in der Ausstellung "NYC 1993" im New Museum
Saltz neben Charles Rays "Family Romance" von 1993, zu sehen in der Ausstellung "NYC 1993" im New Museum

1993 kam es auf der Biennale des Whitney Museums zu Kurzschlüssen und Erdbewegungen. Schnell etikettierte man die Ausstellung als die „politisch korrekte“ oder „multikulturelle“ Biennale. Malerei, in den Jahren zuvor tonangebend, gab es nur wenig. Stattdessen sah man reichlich Installationen (wie Charles Rays 1:1-Nachbildung eines grellroten Spielzeug-Feuerwehrautos; Coco Fusco in einem Käfig im Hof, als Native American kostümiert), standortbezogene Skulpturen sowie Videos (Matthew Barney als geschlechtsloser Satyr). Darüberhinaus stammte die meiste Kunst von Unbekannten: Das Video- und Filmprogramm nicht gezählt, stellten ungefähr 30 der 43 Künstler zum ersten Mal in dem Museum aus. Mehr als 40 Prozent der Kunst kam von Frauen, etliche Künstler waren nicht-weiß und ein stattlicher Teil der Werke beschäftigte sich mit offen gelebter Homosexualität. Auf einem der von dem Künstler Daniel J. Martinez gestalteten Einlassbuttons stand: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich jemals weiß sein möchte.“

Die Leute regten sich irrsinnig auf, meist lag Verachtung im Tonfall. Robert Hughes fand stalinistische Momente. Peter Plagens schnupperte den „Geruch kultureller Reparationsleistungen“. Mit Blick auf die einzige afroamerikanische Kuratorin der Biennale zischte Hilton Kramer, „es liegt eine gewisse fürchterliche Logik darin, dass Thelma Golden im Kuratoren-Team sitzt.“ Michael Kimmelman, Chefkritiker der "New York Times", schrieb, „ich hasse die Ausstellung“ und fühlte sich durch Herablassung geohrfeigt; sie behandle „Kunst, als sei Vergnügen Sünde.“ Ach Gott. Zu dieser Genusspolizei stieß auch Peter Schjeldahl, dessen Kritik in der "Village Voice" so überschrieben war: „Kunst + Politik = Biennale. Die Unbekannte: Das Lustprinzip.” Als bemerkenswerte Ausnahme nannte Roberta Smith von der "Times" die Ausstellung einen „Wendepunkt“. Roberta und ich hatten acht Monate zuvor geheiratet.  ... weiterlesen

George W. Bush ist ein guter Maler!

13.02.2013

Oh mein Gott, Wunder geschehen: Ich mag etwas an George W. Bush! Sehr sogar. Nachdem ich mehr als ein Jahrzehnt damit verbracht habe, jedes Mal, wenn ich ihn sah, fast körperlich-chemische Reaktionen zu bekommen, und wann immer er sprach, Angstzustände zu entwickeln. Nachdem ich ihn von Anfang an für einen Fehlerteufel an Amerikas Schwingen gehalten hatte. Und jetzt mag ich tatsächlich die Gemälde von George W. Bush.

Ein Hacker hat vermutlich Familienfotos von Bush und drei von W.’s eigenen „noch im Werden befindlichen“ Gemälden veröffentlicht. Auf mich wirken sie alle fertig. Man wusste, dass Winston Churchill ein Maler war. Aber George W. Bush? Unser W.! Ich war nicht einmal davon ausgegangen, dass er ein Seelenleben hat, schon gar nicht eine Muse, die ihn zur Kunst ruft! Die Internetseite Gawker nennt die Bilder „unbeholfen“ und „einfach“. Gawker liegt falsch – ganz falsch.  ... weiterlesen

Richard Artschwager, 1923 - 2013

12.02.2013

Nur ein Künstler, der so außergewöhnlich scharfsinnig und erstklassig, eigenartig visionär und einfach nur eigenartig ist, wie Richard Artschwager es war, ist in der Lage, den gesamten Verlauf der menschlichen Evolution darzulegen, sie sogar irgendwie sinnvoll und gleichzeitig als umwerfende Erkenntnis erscheinen zu lassen. „Wir sind Tiere“, beginnt er. Ein bisschen wie „Pflanzen – nur schneller“. Wir begannen „mit einem gewissen Maß an Bewegung ohne bestimmtes Ziel“, dann kam „Erinnerung“ hinzu, was eine „Form der virtuellen Bewegung ist“, was laut Artschwager zu „einem ganzen Universum des Konjunktivs“ führt.

Was immer das alles bedeutet – er mutmaßte, dass „das genug war, um Kunst in Gang zu bringen“ und zu „der Geburt des Axioms“ führte, das den Anfang von ... Vernunft ... markiert und den sozialen Raum proklamiert“, was - Ta da! – „der natürliche Lebensraum für Kunst ist“. Wer hätte das geahnt? Wir sind Kunst machende Pflanzen.

Artschwagers Kunst involviert immer die genaue Betrachtung der Oberflächen und hinterfragt das Wesen eines Objekts. Sie will, dass man den Namen des Dings vergisst, das man betrachtet, damit es in der Vorstellung zu etwas wuchern kann, das unerwartete Unendlichkeiten auslöst. Er machte raue, verwirbelte Kohlezeichnungen auf holprigen Brettern, übergroße und seltsam geformte Skulpturen aus Resopal- und Sperrholzplatten. Diese sehen aus wie Möbel, die so wirken, als wenn sie sich in eine unlebendige Lebensform entwickeln könnten. Sie bringen einen aus der Fassung, unterbrechen die Wahrnehmung, stehen der Vernunft im Weg, um tieferes Nachdenken, weitere Betrachtung und unermessliche Dinge auszulösen. Im vergangenen Jahr schrieb ich über Artschwager – nach langer Verwirrung angesichts seiner Kunst hatte er mich für sich gewonnen. Man wird diese Pflanze vermissen. (Übersetzung: Carola Torti)
 

Logik und Wahnsinn: Trisha Donnelly schwirrt in New York durch viele Welten

12.02.2013

Nur selten gehe ich zu Rundgängen mit Kuratoren oder Künstlern. Ich erkunde lieber alles mit meinen eigenen Augen. Doch Trisha Donnellys Tour durch die von ihr kuratierte Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art konnte ich mir nicht entgehen lassen. Ich verehre ihr Werk so sehr, dass ich noch nie mit ihr geredet habe – aus Angst, wie ein fanboy dazustehen. In Trisha verliebt habe ich mich am 5. April 2002 um 19 Uhr, als sie wie ein napoleonischer Bote auf einem Schimmel in Casey Kaplans Galerie, damals an der 14th Street, geritten kam. Die Besucher erstarrten, während sie eine Rede mit dem Satz beendete: „Der Kaiser ist gestürzt und übergibt seine Macht an euch und mich, und deshalb stehe ich unter Strom.“

Eine Woche nachdem Donnelly ihre Wohnung und etliche ihrer Werke an Hurrikan Sandy verloren hatte, erklärte sie im MoMA einer Gruppe, warum sie welche Arbeiten aus der Sammlung des Museums ausgewählt hatte. Gesucht habe sie „kraftvolle Stimmen, die mich nicht mehr losgelassen haben, in denen man die Wege von Begegnungen und den Aufbau poetischer Strukturen verfolgen kann“.  ... weiterlesen

Warum es so etwas wie "Außenseiter"-Kunst nicht gibt

11.02.2013
Der Stand der Andrew Edlin Gallery auf der Outsider Art Fair
Der Stand der Andrew Edlin Gallery auf der Outsider Art Fair

Die Outsider Art Fair ist erfreulich wiederbelebt worden und war vom 31. Januar bis 3. Februar in den faszinierenden Räumen des früheren Dia Buildings in der 548 West 22nd Street in New York zu sehen. 1993 ins Leben gerufen hatte die Messe viele glückliche Jahre im Puck Building ihr Zuhause. Während dieser Zeit waren brillante Visionäre zum ersten Mal zu sehen: Künstler wie James Castle, Morton Bartlett, George Widener, Melvin Way, Judith Scott und A.G. Rizzoli - alle heute Teil des „Außenseiter“-Kanons. Dann blieb die Messe vor rund acht Jahren auf einem Niveau stehen und war schließlich in einem abgelegenen Büro-Hochhaus nur noch langweilig. Im vergangenen Jahr dachte ich noch, das Ende einer großartigen Sache sei gekommen.

Der Chelsea-Händler Andrew Edlin stellt zeitgenössische Künstler aus und vertritt die Nachlässe der genialen Künstler Henry Darger und Ralph Fasanella. Im vergangenen Jahr kaufte Edlin die Messe, trennte sich von weniger guten Händlern, brachte neue ins Boot und zog die Ausstellung in diese schönen Räume um. Allein für diesen mutigen Schritt verdient er die Ehrenbürgerschaft der Stadt. Die Ausstellung sieht hier großartig aus. Es gibt mehr Platz, breitere Gänge, besseres Licht, weniger Schrott, mehr Energie. An allen Ständen bestand eine gute Chance, etwas lohnendes Neues zu finden. Und nicht überteuert. Vielleicht werden ein paar dieser Entdeckungen auch ins „Außenseiter“-Pantheon einziehen.  ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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