Tilda Swinton in einer Kiste und Lebendkunst als das Crystal Meth des MoMA

26.03.2013

Auf das Museum of Modern Art scheinen lebende Kunstwerke im luftigen Atrium mittlerweile wie Crystal Meth zu wirken. Das Museum hängt an der Droge, seit Marina Abramovic - selbsternannte mystische Meisterin im Starren und darin, die Leute mit diesem Blick in die Augen zum Weinen zu bringen - monatelang in der Eingangshalle saß, während das Publikum Schlange stand, um ihr einen Moment gegenüber zu sitzen und sich als Teil eines Kunstwerks zu fühlen. Es war ein abgedrehter, nekromantischer Zirkus. Weiter oben wanderten ihre Fans zwischen nackten Männern und Frauen in Türrahmen ("sein Penis hat meinen Arm gestreift") oder begafften eine Frau, die hoch über ihnen auf einem Fahrradsitz hockte ("autsch"). Es gibt sogar einen Film, der auf den monatelangen Festlichkeiten basiert. Nach derselben Strategie produzierte man noch ein paar Fortsetzungen.

So organisierte die Künstlerin Martha Rosler einen Flohmarkt im Museum. (Wobei die Preise und Gäste eher nach High Society als Vorstadt aussahen.) Für den Zuschauer bestand der "Wert" oder das "Erlebnis" dieses Werks im Kontakt zur ausführenden Künstlerin -  der Künstler als Medium und Magier, live im Museum. Es war ein ziemlicher Hit und äffte dabei noch die traditionelle Kunst nach, indem es die Leute allein durch Roslers Anwesenheit so aufheizte, dass sie allen möglichen Kram zu Fantasiepreisen kauften. Aber so funktioniert eben die althergebrachte Chemie einer sauber verpackten, theatralisierten, theoretisierten, monetarisierten - und nicht zuletzt simplifizierten Kunst.  ... weiterlesen

Die Messewoche ist gar nicht so schlimm

09.03.2013

Um halb drei mittags stand ich zur Eröffnung der diesjährigen Armory Kunstmesse an den Piers. Um Viertel vor Neun bin ich wieder gegangen. Da ich ja meinen schicken goldenen VIP-Pass auf meinen Namen dabei hatte, war ich davon ausgegangen, erstmal ein paar Stunden in einem überschaubar besuchten Raum zu verbringen. Von wegen! Drinnen war es rammelvoll und am Einlass kamen mir schon erste kleine Rudel von Kunstwelt-Machern auf dem Heimweg entgegen. Pech gehabt. 

Einige Leser wissen ja schon, dass ich mir auf Kunstmessen eigentlich keine Kunst ansehe. Geht nicht. Tut mir leid. Auf Messen steht der Händler immer nahe bei seinem Sortiment – und ich brauche Platz, um mir Kunst anzusehen. Wenn ein Händler an seinem Stand auf mich zukommt und mir immer gleich dieses oder jenes Werk erklären will, werde ich kribbelig und leicht panisch. Ich benehme mich schlecht und verdrücke mich schnell. Die halten mich dann für irre. Und unhöflich. Was ich ja vielleicht bin. (Außerdem vermeide ich Messebesuche nach dem Eröffnungstag. Deshalb hält sich meine Erfahrung auch in Grenzen.)   ... weiterlesen

Der Bob Marley der Kunstkritik: Zum Tod von Thomas McEvilley, 1939-2013

05.03.2013

Thomas McEvilly war Kunsthistoriker und Kritiker, Lehrer und Übersetzer, akademisch versiert in Latein, Griechisch, Sanskrit und klassischer Philosophie. Und er war einer der Vorkämpfer für die multikulturelle Perspektive, wie wir sie in der heutigen Kunstwelt kennen. 1984 organisierte das MoMA eine Ausstellung namens "Primitivismus in der Kunst des 20. Jahrhunderts: Die Beziehung von Tribalismus und Moderne". McEvilly knöpfte sich daraufhin in einigen ebenso brillant argumentierenden wie zornigen Briefen an die Zeitschrift "Artforum" das MoMA vor, und dehnte seine Kritik gleich noch auf alle anderen modern ausgerichteten Museen sowie die gesamte existierende kunsthistorische Infrastruktur aus.

Er behauptete – seinerzeit durchaus korrekt –, dass europäische und amerikanische Kunstgeschichte die Kunst und Künstler der dritten Welt nur wie Fußnoten zur westlichen Entwicklung behandelten und dabei die Vorgängigkeit dieser formalen Kulturen ignorierten. Asiatische und afrikanische Kunst galt gegenüber der westlichen Kunst und ihrer Künstler fast durchweg als minderwertig - und diese wiederum positionierte man als jeweils Meisterwerk und Genie gegen die Tribal Art, der so nur die Rolle der ewigen Stichwortgeberin oder Vorläuferin blieb. McEvilly wurde im Kampf gegen den kulturellen Imperialismus sozusagen zum Heerführer befördert, als zum allgemeinen Erstaunen die Kuratoren der Ausstellung im "Artforum" auf seine Vorwürfe reagierten. Für einige Ausgaben der Zeitschrift wurde die interessierte Welt Zeuge heftigster Wortgefechte.  ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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