Meine ersten Pumps

24.04.2013
Jerry Saltz mag Pumps, sagt es allen weiter
Jerry Saltz mag Pumps, sagt es allen weiter

Bevor ich auch nur ein weiteres Wort schreibe, muss ich zunächst gestehen, dass ich – mehr als sonst – keine Ahnung habe, worüber ich gleich rede. Nach meinem Erlebnis neulich weiß ich nur eines ganz sicher: Ich kann keine hochhackige Frau mehr so ansehen wie bisher. Ohne eine Art von Ehrfurcht.

Vergangene war ich nämlich in Sylvie Fleurys performativer Mitmach-Einzelausstellung im Salon 94. Man kennt Fleury von ihren Exkursen zur Fetischisierung weiblichen Glamours, Luxusobjekten, Make-up, Medieninszenierungen, Mode und Schönheit. Im Zentrum ihrer aktuellen Show – der ersten in New York seit mehr als zehn Jahren – liegt eine große Skulptur aus Carl-Andre-artigen, silbermetallischen Bodenplatten. Daneben stehen ein Stuhl, Lichtstative und einige Paar hochhackige Damenschuhe. Ich guckte streng und wollte schon wieder gehen, als mich zwei weibliche Besucher ansprachen: „Haben Sie etwa Angst? Probieren Sie die mal an und laufen sie über die Skulptur.“ Beschämt habe ich gehorchte – eine Entscheidung, die mein Leben verändert hat. Und meinen Körper auch – glaube ich zumindest.  ... weiterlesen

„Impressionism, Fashion, and Modernity" im Metropolitan Museum New York

19.04.2013

Kein seismischer Schock hat die abendländische Kunst so heftig erschüttert wie der französische Impressionismus. Zwischen 1860 und 1880 schien es, als treibe ein verrückter Bombenleger sein Unwesen in der Pariser Kunstwelt. Die Öffentlichkeit lehnte die Bewegung gnadenlos ab. Auch das Establishment der Künstler und Kritiker stemmte sich vehement gegen die kleine Gruppe sehr junger Künstler. Sowohl die offizielle akademische Kunstwelt Frankreichs wie das breite Publikum spürten offenbar, wie man ihnen vor zornstarren Augen das gesamte Vokabular zerfledderte.

Zum Impressionismus gehören so unterschiedliche Künstler wie Édouard Manet, Claude Monet, Mary Cassatt, Berthe Morisot, Camille Pissarro, Pierre-Auguste Renoir, Edgar Degas, Paul Cézanne, Frédéric Bazille, Gustave Courbet und Paul Gauguin. Zu Lebzeiten mehrheitlich verschmäht, gehören sie heute zu den berühmtesten Künstlern, die jemals gelebt haben. So flächendeckend war ihr Siegeszug, dass der Impressionismus heute sogar ziemlich überrepräsentiert wirkt. Er steht für den Durchschnittsgeschmack, ein Zauberwort, mit dem Museen Publikum ziehen können. Aus heutiger Sicht und nach all den Neuerfindungen der Kunst fällt es schwer, die einstige Aufregung nachzuvollziehen.  ... weiterlesen

Über die MoMA-Pläne, das Folk Art Museum abzureißen: Recht so! Baut lieber einen Raum für Kunst

16.04.2013
Das American Folk Art Museum in New York (Foto: David Shankbone,  Creative Commons)
Das American Folk Art Museum in New York (Foto: David Shankbone, Creative Commons)

Es ist schon traurig. Vor kaum zwölf Jahren hat man das ehemalige American Folk Art Museum, in der 53. Straße, gleich beim MoMA, gebaut. Jetzt lässt es sein neuer Besitzer wieder abreißen: Das MoMA. Traurig stimmt einen dabei weniger, dass der Bau gehen muss; sondern dass er trotz des nahezu einhelligen Jubels der Architekturkritik von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Wer das von Tod Williams und Billie Tsien entworfene Gebäude vor allem als Museum verstand, konnte schon bei der Eröffnung erkennen, dass sich die Innenräume überhaupt nicht für Kunstausstellungen eigneten. Die Galerien wirkten viel zu eng und überall gab es Treppen, die zu manchmal korridorartigen Schläuchen oder unvorteilhaften Nischen für die Kunstwerke führten.

Als das Museum vor zwei Jahren die Rückkehr in die dunklen Lobbyräume vor seinem desaströsen Umzug bekanntgab, habe ich vorgeschlagen, das MoMA solle – obwohl es sich ja beim Bau von Ausstellungsräumen selbst nicht immer überzeugend anstellt - das Gebäude abreißen und ein neues bauen. Vergangene Woche kündigte das Museum jetzt genau dies an, worauf ein Sturm der Entrüstung losbrach. Aufgebrachte Fans des Gebäudes wandten sich an die Kommentarseiten der "New York Times" und prangerten die „bestürzend falsche Entscheidung der Museumsdirektoren“ an.  ... weiterlesen

Tod der Galerieausstellung

04.04.2013

Galerieausstellungen: Licht meines Lebens, Feuer meiner Augen. Ich liebe und verehre sie. Ich gehe auf ungefähr 30 in der Woche, jede einzelne Woche im Jahr. Was ich über zeitgenössische Kunst weiß, verdanke ich zum Großteil der Begegnung mit Künstlern und dem Besuch von Galerien. Von schlechten Ausstellungen lerne ich soviel wie von guten. Die Schönheit der Galerie liegt dabei auch – vor allem für jemanden, der seine meiste Zeit allein schreibend am Computer verbringt – in ihrer Funktion als sozialer Raum, als kollektive seance oder Lagerfeuer, um das sich alle möglichen Leute versammeln. Ich bin ein Quatschmaul, daher spreche ich in Galerien Unbekannte an und platze mit allem heraus, was mir zur gerade gezeigten Kunst einfällt. Wenn sich die Leute davon nicht allzu sehr verstören lassen, erzählen sie mir dann, was sie denken. Woraufhin wiederum ich ganz neue Dinge entdecke. Noch die abgehobensten Galerien sind Orte, an denen man sich mit einem kollektiven Bewusstsein kurzschließen kann. Bei uns in New York gibt es davon mehr als in jeder anderen Stadt, und der Eintritt ist frei.

Durch diese Ballung hunderter Galerien in ein paar Vierteln der Stadt haben wir einen breiten Ausschnitt der Kunstwelt ständig vor der Haustür. Das verändert sich derzeit – und es verändert sich rasant. Die heutige Kunstwelt verteilt sich weitflächig, alles geschieht überall zugleich. Galerien wickeln einen Teil ihrer Geschäfte direkt mit den Sammlern ab, die auf ihre Ausstellungen kommen. Aber dieser Anteil schrumpft. Der Verkauf läuft das ganze Jahr über, auf Kunstmessen, Auktionen, Biennalen und großen Ausstellungen, aber auch online über JPEG-Dateien und sogar Sammler-Apps. Die Ausstellung in einer Galerie ist gleichsam nur noch eine von vielen Speichen im globalen Rad. Von vielen Händlern hört man, dass einige ihrer Sammler nie den Fuß in die physischen Räumlichkeiten setzen. Im Leben der Kunst spielt das Galerietreiben - der geliebte Dreh- und Angelpunkt meines Lebens als Betrachter - nur noch eine eingeschränkte Rolle. Und es kommt mir so vor, als verkümmere dabei auch mein Verständnis von Kunst - und die Selbsterkenntnis, die aus der Beschäftigung mit ihr wächst.   ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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