Tun wir einmal so, als sei Jeff Koons ein Künstler: Über die zwei Riesenshows des Stars in New York

30.05.2013

Tun wir einmal so, als sei Jeff Koons ein Künstler. Kein zufriedener Star im schicken Anzug, den die großen Erstliga-Megasammler und Auktionshäuser als Crystal Meth benutzen. Nehmen wir an, er sei kein selbsternannter, komischer Familienmensch wie Mitt Romney, kein hohler Depp. Stellen wir uns vor, er wäre nicht derart leicht zu erledigen, dass sogar komatösen Kritikern wie John Yau vor seiner Kunst der Gaul durchgeht: Er zerriss Koons’ blumenreiches „Puppy“, um dann zuzugeben, dass er die Skulptur nie gesehen hatte. (Yau hat mich außerdem einmal in einem Text verdroschen, weil ich sie mag.)

Nehmen wir schließlich noch an, dass Koons’ derzeitige beiden Riesenshows – eine auf dem Kampfstern Gagosian auf der 24th Street, die andere in der Filiale von David Zwirners Reich an der West 19th Street – in weniger überfrachteten Zusammenhängen stattfänden und vielleicht sogar die Doppelausstellung von irgendeinem anderen 58-jährigen Künstler anregen könnten. Er wäre dann ein Künstler, der einige der aufs Nervigste paradoxen Skulpturen der letzten 30 Jahre verantwortet, Arbeiten, vor denen man sich peinvoll windet und zugleich ihre Geheimnisse enträtseln will. Dann würde man eine Koons-Ausstellung mit dem Gefühl verlassen, dass tatsächlich noch etwas hinter seiner Kunst steckt. So jedenfalls erging es mir.  ... weiterlesen

Venedig verliert ein wirklich großartiges Kunstwerk – aus einem wirklich dummen Grund.

08.05.2013

Man kennt die Abläufe: Eine Handvoll Politiker und Bürgersleute fühlen sich aus künstlerischer Ignoranz von irgendeinem Kunstwerk im öffentlichen Raum beleidigt und versuchen sogleich, es mit Riesenbohei loszuwerden. Das Muster bleibt sich dabei stets gleich. Es regt sich zwar sonst niemand weiter auf, aber sowohl Kommunal- wie Staatspolitiker versetzt der Gedanke, sich für die Kunst ein bisschen ins Zeug zu legen, so in Panik, dass sie lieber gleich den Schwanz einziehen.

Vor allem natürlich, wenn ein Penis oder eine Vagina im Spiel ist UND die Skulptur zufällig an einem der außergewöhnlichsten Plätze der Christenheit steht. Willkommen zur Farce-Version von „Tod in Venedig“. Jahrzehntelang durfte die Punta della Dogana – ein dreieckiges Zollgebäude aus dem 17. Jahrhundert, das auf einer spitzen Stadtzunge zwischen dem Canal Grande und dem Canale della Giudecca steht – vor sich hinrotten. Schließlich handelte die Stadt Venedig mit dem französischen Luxusgütermagnaten und Fantastillionär Francois Pinault einen Pachtvertrag über 33 Jahre für ein öffentliches Museum aus. Zur Eröffnung 2009 stellte man vor dem Gebäude Charles Rays hypernaturalistischen, schneeweißen, zweimeterfünfzig hohen „Boy with Frog“ auf. Die Skulptur zeigt einen nackten Jungen, der einen großen Froschen an den Hinterbeinen hochhält. Wegen der Größe, der Nacktheit und seines klassisch-realistischen Stils denkt man dabei sofort an David.  ... weiterlesen

"Photography and the American Civil War" im Metropolitan Museum of Art

03.05.2013

Die Sklaverei ist für die USA wie eine Art ständige Agonie im Garten Gethsemane – unser Land hält einen Kelch, den es nie weiterreichen kann. In „The Fire Next Time“ schreibt James Baldwin über die „Vergangenheit des Negers aus Stricken, Feuern, Folter, Kastration, Kindsmord, Vergewaltigung ... aus Angst am Tag und in der Nacht, einer Angst, die sich bis tief ins Mark frisst“. Dieser Erfahrung kam das weiße Amerika nie so nahe wie im Jahr 1861, als das Land über Rasse und Geld entzweigerissen wurde.
Die unglaublich bewegende, schockierende Ausstellung “Photography and the American Civil War” im Metropolitan Museum of Art öffnet mit rund 200 Fotos in elf Räumen den Blick auf einen so tiefen Schmerz, ein so eindringliches Bild körperlicher und psychischer Verwüstung, dass man als Betrachter einen stummen Schrei zu hören glaubt.

Man bewegt sich durch diese Räume – durch kohlefarbene Galerien und mit Leinwand bespannte Wänden – stumm, andächtig, erschüttert; in sprachloser Pietät steht man vor dem unbeschreiblichen Elend und dem fast biblischen Leid auf den Bildern. Man muss an D.H. Lawrences Worte denken: „Verflucht! Verflucht! Verflucht! Etwas wispert in den tiefdunklen Bäumen Amerikas: Verflucht!“. Ich kann mich nicht erinnern, jemals, irgendwo, eine vergleichbar ergreifende und pathosschwere Ausstellung gesehen zu haben.  
Der Katalog wirkt kitschig, wie ein oberflächlicher Bildband. Aber im Vorwort erklärt der ausgezeichnete Kurator Jeff L. Rosenheim, dass die Ausstellung „keine Geschichte des Bürgerkriegs erzählt, sondern die Rolle der Kamera in diesem prägenden Moment der amerikanischen Kultur untersucht.“ Das stimmt und stimmt nicht.  ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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