Zum Tod von Walter De Maria, der meine Vergangenheit heraufbeschwört und meine Zukunft bestimmt hat

30.07.2013
Walter De Maria 1968 neben seinem  „Münchner Erdraum“ (Foto: dpa)
Walter De Maria 1968 neben seinem „Münchner Erdraum“ (Foto: dpa)

Ich habe durchaus Respekt vor den romantischen, erhabenen, monumentalen Earth Works des wesentlich von der Dia Art Foundation geförderten, minimalistisch-konzeptuellen Künstlers Walter De Maria, der vergangene Woche im Alter von 77 Jahren starb. Besonders interessiert haben sie mich allerdings nie. Viele seiner weitläufigen Installationen, in denen er glänzende geometrische Figuren und mathematische Konfigurationen in regelmäßigen Rastern und Gruppierungen ebenerdig ausbreitet, finde ich vor allem dekorativ-platonisch und fotofreundlich: die enorm wuchernde "Equal Area Series" im Dia Beacon zum Beispiel, sein "A Computer Which Will Solve Every Problem in the World" (1984), das man 2007 in der Gagosian Galerie sehen konnte, und sogar der "Broken Kilometer", die berühmte Dauerinstallation am West Broadway.

Eins seiner Werke liebe ich jedoch von ganzem Herzen: Den "New York Earth Room". Die von der Dia eingerichtete Dauerinstallation – sie nimmt praktisch den ganzen zweiten Stock eines großen Lofts in der Wooster Street 141 ein – erfüllt mich mit ekstatischer Ruhe. Sie bebt vor surrealer Erhabenheit, einer ungreifbaren Naturgewalt, aristokratischer Architekur und der Genauigkeit der menschlichen Wahrnehmung. Auf beinahe perfekte Weise finden hier Material, Raum, Phänomenologie und schlicht sprachloses Erstaunen zusammen.  ... weiterlesen

Jeffrey Deitchs zum Scheitern verurteilte Amtszeit im MoCA

26.07.2013
Jeffrey Deitch, Foto: © Stefanie Keenan/WireImage
Jeffrey Deitch, Foto: © Stefanie Keenan/WireImage

Die Frage war immer nur „wann“, niemals „ob“. Jetzt also ist „wann“ gekommen. In der Kunstszene von Los Angeles hatte man die Verpflichtung des unorthodoxen Kunsthändlers Jeffrey Deitch als Direktor des riesigen, aber dysfunktionalen Museum of Contemporary Art schon im Voraus abgelehnt. Und auch nachdem er sein Amt angetreten hatte, blieb er stets umstritten. Jetzt hat er es nach gerade mal 48 Monaten niedergelegt. 

Die Verbindung war ohnehin im Fegefeuer geboren – vor allem, weil das MoCA derart darnieder lag, dass der Job völlig aussichtslos schien. 2008 hatte das MoCA durch ständiges Versagen des Ausschusses nahezu seine gesamte Ausstattung von 50 Millionen verschleudert. Zum Ende des Jahres nahm das Museum einen 30-Millionen-Kredit von Eli Broad, seines Zeichens Milliardär und Museums-Darth-Vader, auf. Danach ging alles richtig den Bach runter. Als Deitch 2010 den Posten antrat, hatte das Museum keinen Direktor mehr, es wurde von einem Interimsvertreter geführt und war vollkommen demoralisiert – der Kollaps schien absehbar. Niemand wollte den Job haben, schon gar nicht mit Broad im Ausschuss. Auftritt Deitch.  ... weiterlesen

„Picasso Baby“ Live: Jay-Z batteln

12.07.2013

Die Einladung zum supergeheimen Jay-Z-Event kam aus dem Nichts, drei Tage vor dem Termin. Die Produzentin der Show, Kunstwelt-Darling und Galeristin Jeanne Greenberg Rohatyn, fragte per E-Mail, ob ich Mittwoch um zwölf Zeit hätte. In der Pace Galerie in Chelsea werde der Rap-Künstler, Impresario, Kulturwerker und Kunstsammler Jay-Z seinen neuen Track „Picasso Baby“ vorstellen. Sechs. Volle. Stunden. Wieder und wieder und wieder.

Na klar hatte ich Zeit. Aber obwohl ich sein Fan bin – das „Black Album“ hat mich damals umgehauen — war mir etwas mulmig. Hip-Hop mag nicht gerade mein Beritt sein, aber mit Performancekunst kenne ich mich schon ein wenig aus, und das Jay-Z-Konzept klang betrüblich vertraut. Als lautes Echo konnte man Marina Abramovic hören, die durch ihre spektakuläre Marathon-Performance-Schinderei bekannte Performance-Diva. Auch der isländische Hexenmeister Ragnar Kjartansson fiel mir ein, der vor kurzem nicht zum ersten Mal einen Song – diesmal von The National - als vielstündige Dauerschlaufe abgespielt hatte.  ... weiterlesen

Die unglaubliche Skulptur des Boxers von Quirinal im Metropolitan Museum of Art

08.07.2013

Ich habe beim schockierenden Ablick des ruhenden „Boxer von Quirinal“ völlig die Fassung verloren. Sehen kann man dieses erstaunliche Meisterwerk des Hellenismus (323-31 v. Chr.) nur noch bis zum 18. Juli in der langen Eingangshalle zum griechischen und römischen Flügel des Metropolitan. Ich stand wie vom Donner gerührt. Mir versagte alle psychische Abwehr, und die Skulptur eroberte sich widerstandslos einen Platz in meinem geistigen Museum. Sie gehört zu den großartigsten Werken der abendländischen Kunst, die ich je gesehen habe. Ein Meisterwerk voll unglaublichem Pathos, voller Tiefe, Menschlichkeit und Fremdheit; es vermischen sich darin wortlose Geheimnisse von Material und Ich. Ich erkenne dunkle, innere Tiefen, etwas Brutales, Brütendes, Schönes, Gewaltiges - eine in sich geschlossene Insel im Werden. Einen knotigen, muskelbepackten und geschundenen Berg, wie ein Minotaurus. Mir war, als hörte ich ein barbarisches Geheul.

Die Pose: Er ist ein gewaltiger Mann, nackt bis auf die ledernen Boxerbandagen um Handknöchel und Unterarm. Er sitzt auf einem Fels und wendet sich rechts nach hinten um, als errege etwas seine Aufmerksamkeit. Vielleicht ahnt er aber auch, dass man einer solchen fast animalischen Erscheinung nicht in die Augen blicken kann - eine Momentaufnahme, aber zugleich wirkt die Skulptur zeitenthoben und elementar. Verdammt.  ... weiterlesen

Postkarten aus Venedig (3)

04.07.2013
Alle Fotos: Jerry Saltz
Alle Fotos: Jerry Saltz

Big time: Charles Ray präsentiert hier ein weibliches Modell, durch dessen verzerrten Maßstab sich der Betrachter wie ein Käfer, Baby oder Alien fühlt. Leider ist die Arbeit über zwanzig Jahre alt.

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Postkarten aus Venedig (2)

04.07.2013
Alle Fotos: Jerry Saltz
Alle Fotos: Jerry Saltz

Der Preis für den besten Pavillon ging an Angola für eine traurig adeptenhafte Installation in einem wenig besuchten Palazzo: auf Papier gedruckte Fotos, die aussehen wie von Gabriel Orozco, liegen dort zum Mitnehmen wie die Poster von Felix Gonzalez-Torres. Die Auszeichnung gibt einem das merkwürdige Gefühl, dass „die da oben“ Dritte-Welt-Künstler dafür auszeichnen, dass sie sich selbst zu braven, kleinen Neo-Neo-Postmodernisten kolonialisieren.

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Postkarten aus Venedig (1)

01.07.2013
Jerry Saltz in Venedig (alle Fotos: Jerry Saltz)
Jerry Saltz in Venedig (alle Fotos: Jerry Saltz)

Ich komme zwei Wochen nach der Eröffnung bei der 55. Venedig-Biennale an. Mittlerweile ist die Kunstwelt in Basel und ich kann mir in Ruhe die 88 Nationalpavillons und die 158 Künstler in Massimiliano Gionis “The Encyclopedic Palace” ansehen. Noch nie habe ich vorab so viel Lob einer Biennale-Ausstellung gehört. Schauen wir mal.

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ÜBER DEN BLOG
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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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