Jerry Saltz über New Yorker Graffiti-Künstler, Banksy und die Furcht vor Al-Dschasira

28.10.2013

Neuer Tag, neuer Banksy. Diesmal tauchte er in der 24. Straße West auf (sein zweiter oder dritter Auftritt in der Nähe der Galerien; mich dünkt, der Meister protestiert arg viel). Das Motiv: ein idiotischer Hund, der an eine Art Hydranten pinkelt. Über dem Hydranten sieht man eine Gedankenblase. Darin steht: „Durch dich werde ich erst komplett.“ Ach ja? Das finden also alle so „großartig“ und „wichtig“ und politisch pointiert? Echt jetzt? Gestern war ich als Experte für einen Fernsehbeitrag zu dem Bild unterwegs, diesmal für Al-Dschasira. Dabei habe ich zwei Erfahrungen gemacht – so richtige, keinen aufgebauschten Blödsinn. 

Wenn ich die Leute sonst für solche Interviews frage: „Hey, würden Sie vielleicht mit mir fürs Fernsehen über dieses Kunstwerk sprechen“, dann sagen eigentlich alle immer ohne zu Zögern ja. Sie stellen sich vor die Kamera; ich zeige auf das Bild, um das es geht, und sie werfen sich in Pose. Dann fragen sie: „Ach so, für welchen Sender ist das denn überhaupt?“ Gestern also: „Für Al-Dschasira.“ Und boah! – Fast alle wurden nervös und haben gezögert. Sie sagten zum Beispiel: „Also, ich weiß nicht recht ...“ oder: „Sind die nicht böse?“ Die meisten haben schließlich abgelehnt. Ich habe daraufhin ziemlich konsterniert auf sie eingeredet: „Aber nein, es ist völlig okay. Ich bin ein jüdischer Kunstkritiker.“ Geholfen hat das nicht das Geringste. Und ich stand da allein, während die Leute mich angeschaut haben, als sei ich die Arab Street in Singapur.  ... weiterlesen

Erleben Sie Jerry Saltz, wie er vor dem neuen Banksy ein spontanes Kunstseminar hält

23.10.2013
Neues Banksy-Graffito in New York (Foto: dpa)
Neues Banksy-Graffito in New York (Foto: dpa)

Wie ich schon letzte Woche geschrieben habe, ist mir Banksy - der Straßenkünstler als börsenträchtige Marke, der virtuose Entertainer – ziemlich egal. Seine schwarz silhouettierten Figuren, die er heimlich auf die Mauern der Stadt malt, wirken auf mich wie formelhafte, etwas bemühte Politcartoons – Anarchie-Light. Medienhype, pseudopunkiger Agitprop, Design, Werbung, amüsanter Boulevard. Dass er seine Identität geheim hält, gibt der ganzen Sache nur einen gewissen zusätzlichen Reiz des Verbotenen; dass eins seiner Werke mehr als eine Million Dollar bei einer Auktion eingebracht hat, verleiht ihm den Status einer Celebrity im Medienzirkus.

Was alles übrigens durchaus unterhaltsam ist. Aber Banksys künstlerisches Denken beruht auf Wiederholung; kennt man eins seiner Bilder, kennt man im Grunde alle. Seine Illustrationen verhalten sich zu Kunst wie „The Amazing Race“ – ein Reality-TV-Format, das die konkurrierenden Kandidaten um die ganze Welt schickt – zum Reisen, oder wie die Promi-Casting-Show „Dancing with the Stars“ zu Ballett.  ... weiterlesen

Über Neo-Manierismus, ein neues und tückisches Kunstklischee

22.10.2013
"Wenn man mit dem Zeug dealt, sollte man die Finger davon lassen“: Keith Richards weiß als Herr der Finsternis, wohin die manieristische Selbstbezüglichkeit führt (Foto: dpa)
"Wenn man mit dem Zeug dealt, sollte man die Finger davon lassen“: Keith Richards weiß als Herr der Finsternis, wohin die manieristische Selbstbezüglichkeit führt (Foto: dpa)

Nennen wir es Neo-Manierismus. Jeder kennt das Phänomen: Als scheinbar ständig wachsende Häufung von blutleeren, langweiligen, komplett risikofreien künstlerischen Klischees, die den aktuellen Kunstbetrieb erstickt. Vor ein paar Tagen habe ich anlässlich einer (sehr guten) Ausstellung von Bjarne Melgaard eines dieser Klischees ausgeführt: die Bad-Boy-Installation, die nach Transgression schmeckt, ohne tatsächlich viel zu übertreten. Das hat mich auf eine weitere Unart gebracht. Man begegnet ihr noch öfter, aber sie ist nicht weniger ärgerlich.

Jede Menge Künstler versuchen sich derzeit als Nachwuchs-Postmodernisten. Immer häufiger sieht man Werke, die man vielleicht „schwach-abstrakt“ nennen oder als „Schule der Nachahmer“ identifizieren könnte. Man findet sie überall und sie sehen alle gleich aus. In der Skulptur wirkt sich das als Anarchie Light aus: postminimalistische, höfliche Arrangements aus sperrigem Zeugs wie Stöcken, Dielen, verbogenem Metall, Holzkisten, Stoffen, alten Möbel, Betonkram und Ähnlichem, das in sauberen, weißen Galerieräumen herumsteht, an die Wände gelehnt, auf dem Boden gestapelt, gesteckt, geschichtet oder im Raum verstreut. Meistens gibt es dazu irgendeinen Subtext zu Verschwendung, Nachhaltigkeit, Politik, Urbanismus oder Kunstgeschichte – wobei sich letztere fast immer gradewegs auf "Artforum"-Ausgaben der 60 und 70er bezieht oder aus den Lehrplänen von Hochschulprofessoren stammt, die ihre Studenten so eingeschüchtert haben, dass sie nur noch schäfchenhaft brav, epigonisch und gewöhnlich arbeiten können.    ... weiterlesen

Warum ich Banksy jetzt noch mehr hasse!

21.10.2013
Du machst mich erst komplett? Eine Banksy-Arbeit über die Dialektik von Hund und Hydrant(Foto: dpa)
Du machst mich erst komplett? Eine Banksy-Arbeit über die Dialektik von Hund und Hydrant(Foto: dpa)

Seit Banksy mit seinem cleveren Kunstdings in New York aufgetaucht ist, kriege ich hier Interviewanfragen ohne Ende; CBS, MTV, Radio, Zeitungen und was es sonst noch so gibt. Ich habe sie alle mit derselben Begründung abgelehnt: „Banksys Arbeit hat mich eigentlich nie besonders interessiert.“ Seit letzten Donnerstag ist alles anders. Aber so richtig.

Die Stephen-Colbert-Show hat bei mir angerufen.

OMG! OMG! OMG!

Ich war total aus dem Häuschen. Wahrscheinlich habe ich mich wie ein Komplettirrer benommen. Schnaufend bin ich mit nur einem Schuh am Fuß durch die Wohnung gehüpft. Die Person, die mich im Namen der Show anrief, meinte, man wolle mich für einen Einspieler auf die Straße stellen, wo ich ein paar normale Graffiti-Writer „kritisieren“ sollte, die Bilder auf die Studiomauern malen würden. Ich bin mir nicht ganz sicher; ich war am Hyperventilieren. Danach, meine ich mich zu erinnern, wollte Stephen in der Sendung Banksy dazu überreden, seine Wohnung zu bemalen oder sowas. Und dann sollte ich vor dem Mikro auftauchen und ein paar Worte über Banksy sagen.  ... weiterlesen

Banksy ist in New York und er könnte Sie irre reich machen!

17.10.2013
Die Berichte sehen alle ziemlich gleich aus: Fotografen vor einem Banksy-Werk (Foto: dpa)
Die Berichte sehen alle ziemlich gleich aus: Fotografen vor einem Banksy-Werk (Foto: dpa)

Wieder einmal hat ein poppiger Kunstzirkus seine Zelte in der Stadt aufgeschlagen. Der weltberühmte britische Graffiti-Künstler Banksy stellt seine prominente Kunstmarke in New York vor. Banksys Ruhm – es gibt sogar einen erfolgreichen Dokumentarfilm über ihn - beruht auf realistischen Schwarz-Weiß-Darstellungen von Ballons, Ronald McDonald, Micky Maus, Militäreinsätzen, Straßenprotesten und ähnlichem, mit denen er die urbanen Fassaden bemalt.

Während seines Aufenthalts in New York will er nun einen Monat lang jeden Tag an verschiedenen Orten ein solches Kunstwerk platzieren. Die Aktion wird gut promotet. Auf Twitter erfährt man, wo er seine Bilder gemalt hat; daraufhin schwärmen seine Fans aus, um sie als erste zu sehen; sie fotografieren sich mit den Arbeiten und twittern diese wieder in die Welt; und dann strömen nach Flashmob-Art natürlich noch mehr Leute herbei. (Eine interaktive Karte der über die Stadt verteilten Banksy-Werke gibt es hier, mehr Fotos hier.)  ... weiterlesen

Das Problem mit den Mega-Galerien

16.10.2013
Vor einem Jahr eröffnet: die neuen Räume von Gagosian in Le Bourget, Paris. Im Bild: Anselm Kiefer "Morgenthau Plan", 2012 (Foto: dpa)
Vor einem Jahr eröffnet: die neuen Räume von Gagosian in Le Bourget, Paris. Im Bild: Anselm Kiefer "Morgenthau Plan", 2012 (Foto: dpa)

Nichts in der Kunstwelt wird derzeit so häufig diskutiert und sorgt so zuverlässig für Betroffenheit wie die vier Kolosse. Gagosian, Hauser & Wirth, David Zwirner und Pace sind wie Elefantenbullen, Galerien, die überall und ständig herumtrampeln und dabei Künstler, Geld und Aufmerksamkeit abräumen. Dank ihrer enormen räumlichen und finanziellen Ressourcen, den weitverzweigten Filialen, der gut geölten Geschäftsmaschine, den großen Belegschaften und einem gut vernetzten Marketing legt sich ihr Schatten schwer über die gesamte Szene. Sie halten viele tausende Quadratmeter in New York allein und noch viel mehr im Rest der Welt.

Jedes einzelne der Unternehmen hat klein angefangen, getrieben von den jeweils komplexen persönlichen Ideen und Exzentrizitäten ihrer Gründer, und sie alle haben sich von dort aus zu mächtigen Unternehmen entwickelt. Alle vier stehen für Erfolg, Berühmtheit, Spektakel, luxuriöse Budgets, Schamlosigkeit, Kommerz und Monomanie. Man könnte sie Conquista-Galerien nennen. Oder Todessterne.  ... weiterlesen

Bis an der Rand der Selbstverbrennung: Bjarne Melgaard in der Galerie Gavin Brown

15.10.2013

Ein paar schrecklich langweilige, todsichere künstlerische Klischees pressen derzeit das Leben aus dem Kunstbetrieb. Am schlimmsten wirken dabei die Bad-Boy-Installationen, Werke, die das Klischee des bösen Buben bedienen. Klischees schaden der Kunst immer, aber dieses ärgert mich besonders, weil es so maßlos und überfrachtet daherkommt: Es geht dabei um eine modische Vorliebe für rappelvoll gepackte, anarchische Installationen, in denen es um Sex, Drogen, Selbstzweifel, Selbstzerstörung, Motive seelischer Finsternis und andere weiße, männliche Nabelschau geht.

In Chelsea findet man auf Schritt und Tritt irgendeine riesige Galerie, die mit Schrott, Bühnenbildern, großen Objekten, Vitrinen oder surrealistischen, sündteuren Plastiken von Menschen mit Penissen überquellen. (Es gibt übrigens noch ein paar andere aktuell nervtötende Boulevardtrends: formalistisch-minimalistische Installationen aus säuberlich gestapelten Latten und Kisten, überladene Collagen aus Werbung und Pornografie sowie zaghaft abstrakte Malerei mit Spraymotiven, die mit kunsthistorischen Zitaten gespickt werden.) Das meiste davon zerstreut einen für den Moment und setzt auf den Kick eines staunenden: „Jesses, was mag das gekostet haben? Wie haben sie den ganzen Kram nur hier reingekriegt?“  ... weiterlesen

Ein paar Gedanken zu unseren Museen, was sie tun, wozu sie gut sind

11.10.2013
Blick in den "Rain Room" von Random International, der Teil der Ausstellung "EXPO 1: New York" war (Foto: dpa)
Blick in den "Rain Room" von Random International, der Teil der Ausstellung "EXPO 1: New York" war (Foto: dpa)

Die konkurrenzlos schlechteste New Yorker Museumsausstellung eines ordentlichen Künstlers in diesem Jahr richtete das Guggenheim für James Turrell aus – eine komische Mischung aus Fake-Lightshow, Las Vegas und einem naturwissenschaftlichen Exploratorium als Shopping-Mall. Wie schlecht sie wirklich war, durfte man natürlich nicht sagen, weil Turrell aus der unberührbaren „legendären Generation“ des Postminimalismus der 60er und 70er stammt; außerdem kommt er aus Los Angeles, und immer wenn New Yorker irgendeine große Nummer aus der Kunstszene LAs kritisieren, regen sich die Schreiber dort fürchterlich auf. (Turrell sollte sich auf nicht-elektronische, rein natürliche Effekte konzentrieren. Seine beste Arbeit kann man im MoMA-Ableger PS1 für zeitgenössische Kunst in Long Island sehen.)

Das schlechteste Einzelwerk des Jahres in einem New Yorker Museum wiederum war für mich „The Rain Room“ im MoMA. Ganz im Ernst: Es hat einfach nichts mit Kunst zu tun; man kommt sich vielmehr vor, wie auf einem Bummel über einen High-Tech-Rummel. Andererseits: Cool. Von mir aus. Das Museum muss ja seine Rechnungen bezahlen. Die Leuten standen Schlange wie verrückt. Und so viel schlimmer als Tim Burtons MoMA-Ausstellung vor ein paar Jahren fand ich sie auch wieder nicht.  ... weiterlesen

Jeff Koons' Album-Cover für Lady Gaga

08.10.2013

Ein neuer Tag, ein neuer Ständer von Jeff Koons, dem Teletubby der Kunstwelt: Cover-„Art“ für Lady Gagas kommendes Album „Artpop“. Gaga sagt, es hndele sich um "eine echte Darstellung meines Geistes durch seinen Geist". Was Sinn ergibt, wenn man feststellt, dass beide ihren Geist zwischen den Beinen tragen.

Das Bild sieht aus wie eine beschissene Version einer Roy-Lichtenstein-Skulptur oder eine Käsekuchen-Aufblaspuppe aus einem alten Pornoschuppen in der 42nd Street oder wie ein misogynes Barbara-Kruger-Poster. Auf dem Bild ist ein realistischer Abguss von Gaga, sitzend, uns ihre Titten anpreisend und mit weit gespreizten Beinen. Einer von Koons‘ glänzenden blauen Bällen liegt zwischen ihren Oberschenkeln. Der Ball ist nicht einer von Koons‘ üblichen Bällen, sondern aus spiegelndem Glas wie die, die seine jüngsten, klassischen Gipsstatuen begleiten. Gaga sitzt auf einem sockelartigen Ding mitten in einem Bild, das einem zerbrochenen Spiegel gleicht, mit Scherben von Botticellis „Geburt der Venus“.

Ich glaube, Gaga gebärt die Welt durch die Vermählung ihrer Vagina mit Jeffs Ball. Oder der Ball ist ihre Vorstellung von Vajazzling. Worum auch immer es in diesem Neo-Cicciolina-Schwachsinn geht, es sieht aus wie eine kümmerliche Arbeit irgendeines abgemeldeten Künstlers.  ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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