Automaten, seltsame Götter: Kanye Wests Versuch "real" zu erscheinen

27.11.2013
Das neue Unheimliche: Kanye West und Kim Kardashian (Foto: dpa)
Das neue Unheimliche: Kanye West und Kim Kardashian (Foto: dpa)

Lou Reed hatte Kanye Wests letztes Album „Yeezus“ ganz richtig eingeschätzt. „Keiner kann ihm das Wasser reichen“, schrieb Reed in einer Rezension wenige Wochen vor seinem Tod. „Man lebt nicht mal auf dem selben Planeten ... Kanye West bringt einen ständig aus dem Gleichgewicht.“ Und zwar bis zum Umfallen, wie zum Beispiel letzte Woche, als er das Video für „Bound 2“ vorstellte.

Das Internet reagierte, wie es eben reagiert: mit Hass. Man hat das Video umstandslos als verpeilten Kitsch verlacht. Ich find’s aber gut. Es illustriert nämlich eine Art Bruch in der kollektiven Kultur, in einem Idiom, das man vielleicht „das Neue Unheimliche“ nennen könnte.   ... weiterlesen

Jerry Saltz: Meine letzten Worte zum Frauenproblem am MoMA

21.11.2013
Das MoMA tut sich schwer mit Kunst von Frauen. Hier eine Performance von Tilda Swinton (Foto: dpa)
Das MoMA tut sich schwer mit Kunst von Frauen. Hier eine Performance von Tilda Swinton (Foto: dpa)

In dieser Woche vor neun Jahren hat das MoMA sein nagelneues, glamouröses, 750 Millionen Dollar teures Gebäude eingeweiht. Seit dieser Garten der Moderne wiedereröffnet wurde, habe ich immer wieder darüber gegrummelt, wie wenig weibliche Künstler das Museum in seiner enorm wichtigen, ständigen Gemälde- und Skulpturensammlung im vierten und fünften Stock ausstellt. Im MoMA als dem Mutterschiff der Moderne ist es von besonderer Bedeutung, wie deren Geschichte dargestellt wird. Die Zahlen sind erschreckend.

Zur Gala-Eröffnung 2004 sah man im vierten und fünften Stock 415 Kunstwerke. Davon stammten nicht einmal 20 von Frauen. Weniger als fünf Prozent. 2006 gab es 19, ein Jahr später nur 14.  ... weiterlesen

Kanye West und das Neue Unheimliche

20.11.2013

In dem neuen Kanye-West-Video zu “Bound 2” mit Kim Kardashian gibt es wilde Pferde, die durch Flüssen rennen, zum Himmel aufsteigende Adler, schöne Sonnenuntergänge; es sieht alles aus wie ein Schlafzimmertraum einer Teenagerin, gemischt mit Richard Princes Cowboybildern.

Dann tauchen Kanye und Kim auf; sie fahren ein Motorrad durch Arizona oder durch eine Donnerkuppel oder ein Computerspiel. Er ist gekleidet wie ein schottischer Höhlenmann, sie natürlich oben ohne. Sie vögeln auf dem Motorrad.  ... weiterlesen

Der Gewinn der Auktionshäuser ist der Verlust der Kunstliebhaber

15.11.2013

In dieser Woche wurde mit „Apocalypse Now“ eines der wichtigsten Werke Christopher Wools bei Christie’s für 26 Millionen Dollar versteigert; in der letzten Woche gab es schon ein paar andere, ähnlich hohe Kunstverkäufe. Auktionshäuser wenden sich nicht an sorgfältig sortierte Museen und Sammler, sondern an den Meistbietenden. Sie wollen den Preis für ein Werk zwischen den konkurrierenden Bietern hochtreiben; die Käufer wiederum kaufen ein Werk oft nur, um es zwei Jahre später wieder abzustoßen.

So geht nun einmal Kapitalismus. Und ich bin Kapitalist. Aber die Sammlungen, die hier Stück für Stück unter den Hammer kommen, wurden oft über Generationen, Leben oder Jahrzehnte zusammengetragen. Natürlich ist es Jedermanns gutes Recht, Kunst auf diese Weise zu verkaufen. Aber klar ist: Diese solcherart zerrissenen Sammlungen wird man nie mehr im Zusammenhang sehen. Jeder weitergehende Begriff von „Sammlung“ verflüchtigt sich dabei. Und viele der Werke, die so verkauft werden, gehen der Öffentlichkeit wesentlich verloren.  ... weiterlesen

Wiedersehen mit David Zwirner

13.11.2013

Letzten Samstag. Das erste Mal, dass David Zwirner und ich einander wiedersahen, nachdem mein Essay über Mega-Galerien erschienen ist. Ich hatte gehört, dass er mich dafür kritisiert hatte. Lief hoch zu seiner Galerie in der 19. Straße. Als ich die Straße überquere, kommt ein Typ mit weit aufgerissenen Augen auf mich zu, mit erhobenen Händen, um mich zu wügen; kommt direkt auf mich zu, greift mir an den Hals. Ich greife ihm auch an den Hals. Es ist eine Todesspirale, ein Kampf auf Leben und Tod.  

Stefano Tonchi, Redakteur beim „W Magazine“ fotografiert die Szene.    ... weiterlesen

Jerry Saltz über die wiederkehrenden Dämonen der Geschichte

06.11.2013

Heute Morgen beim CNN, um über die 1500 Arbeiten Moderner Kunst zu sprechen, die in Deutschland gefunden wurden. Um 5.30 Uhr aufgestanden. Autofahrt zum Studio im Time Warner Building. 6 Uhr 30 auf Sendung.  

Fünf Minuten lang.   ... weiterlesen

Chris Burdens mächtige Kunst der großen Ideen darf sich im New Museum breitmachen

05.11.2013

Der Künstler Lawrence Weiner hat einmal gesagt, Kunst solle den Betrachter nicht nur für einen Tag verwirren, sondern „sein Leben komplett über den Haufen werfen“. Das hat Chris Burden bei mir geschafft. Sogar zweimal.

Das erste Mal geschah es am 7. Mai 1974 mit seiner Performance „Velvet Water“. Ich saß fünf Minuten lang mit einer kleinen Schar Leuten vor einem Videomonitor, während Burden in einem Nebenraum immer wieder den Kopf in ein volles Waschbecken tauchte und offenbar versuchte, den Sauerstoff aus dem Wasser zu atmen. Wir sahen verblüfft, nein: wie erstarrt zu, bis er scheinbar in Ohnmacht fiel. Der Monitor wurde schwarz - Vorstellung vorbei.  ... weiterlesen

Jerry Saltz' "Hit"-Liste mit Banksys (sogenannten) künstlerischen Arbeiten: Von abstoßend bis passabel

04.11.2013

Unser einmonatiger Schnarchmarathon ist vorüber. Der britische Selbstpromoter und Batman der Graffiti hat seine Tätigkeit als „Resident-Künstler in New York“, während der er ein Werk pro Tag gefertigt hat, beendet. Verabschieden wir uns also von den Touristen-Flashmobs, die von Bild zu Bild strömen und sich selbst fotografieren; von der leichten Beute für Boulevardblätter und lokale TV-Teams; von Frechheit mit dem Vorschlaghammer, von einer umwerfenden bildnerischen Banalität und wohlfeilen politischen Kommentaren auf unseren New Yorker Wänden. Es spielt keine Rolle, dass die Banksy-Fans auf dem Weg zum jeweils neuen Banksy an mindestens einem Dutzend viel aufregenderer Werke achtlos vorbeigerannt sind – es gibt keinen Graffitikünstler mit einer auch nur halbwegs vergleichbaren PR-Maschine. Man kann fast hören, wie er auf dem Weg zur – je nun - Bank in sich hineinlacht.

Einige Arbeiten sind mittlerweile schon wieder entfernt und die Besitzer rechnen vermutlich in fünf- bis sechsstelligen Beträgen. Schön für sie. Die Werke, die noch geblieben sind, wirken nun wiederum ohne den Glanz der hysterisierten Öffentlichkeit so trivial, genrehaft und langweilig, wie sie es ja tatsächlich auch sind.  ... weiterlesen

Jerry Saltz über radikale Verwundbarkeit

01.11.2013

Ich habe schon gelegentlich über etwas geschrieben und gesprochen, das ich „radikale Verwundbarkeit“ nenne. Zum ersten Mal ist mir der Begriff in einem Essay der Theoretikerin Gayatri Spivak begegnet. Nicht dass ich mir wirklich sicher wäre, was sie damit meint, aber für mich bedeutet der Begriff, in meiner Arbeit so verwundbar zu bleiben wie ein Künstler in seiner Arbeit. Das bedeutet, nicht auf wohlfeile Opfer und Schwächere zu schießen; es bedeutet, nicht einfach das Unvermeidbare gut zu finden; es bedeutet, wenn es nur irgendwie möglich ist, die wirkliche, wahre eigene Meinung zu vertreten – auch wenn ich Sachen denke, die ich gar nicht denken will.

Es bedeutet, sich klar zu machen, wie vielfältig und komplex die Erfahrungen und das Wissen der Leute konstruiert sind. Es bedeutet, dass ich mir die Aufmerksamkeit gegenüber den Dingen bewahre, die mir so tief gehen, dass sie meine Wirklichkit verändern. Gerade hat die  Lektüre von Richard Ellmanns außerordentlicher Oscar-Wilde-Biografie meinen inneren Kompass neu geeicht.  ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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