Im Kreuzfeuer von links und rechts, weil ich über ein Bild von George Zimmerman diskutiert habe

23.12.2013
George Zimmermans Bild (Screenshot von Ebay)
George Zimmermans Bild (Screenshot von Ebay)

Vor ein paar Tagen hat mich CNN gefragt, ob ich in ihrer Morgensendung „New Day“ mit dem Co-Moderator Chris Cuomo über das oben abgebildete Gemälde der amerikanischen Flagge sprechen könnte. Es stammt von George Zimmerman, den man vor kurzem von der Anklage des Mordes an Trayvon Martin freigesprochen hatte. Sein Bild – eine unbeholfene, plakatartige Darstellung der amerikanischen Flagge in Blau, über der man ein Zitat aus unserem Treuegelöbnis zur Nation liest – wurde auf Ebay versteigert (und wurde für 100.099,99 Dollar versteigert). Es wirkte wie eine Schändung von Trayvon Martins Andenken.

Ich habe also noch in der gleichen Nacht gegen halb elf auf Twitter und Facebook gepostet, dass ich am nächsten Morgen auf CNN über das Bild sprechen würde. Wie viele andere Amerikaner bin ich nicht mit dem Urteil einverstanden und auch nicht mit der sturen und trotzigen Auslegung des Gesetzes, das dem Urteil zugrunde liegt. Ich habe daher in meinen Posts angekündigt, dass ich unter einigen anderen Dingen auch darüber sprechen wollte, „dass man Mördern nicht die Gelegenheit geben sollte, von ihrer Tat zu profitieren.“  ... weiterlesen

Morgens im Büro

21.12.2013

Zur frühen Morgenstunde, vor der Arbeit, in meinem geliebten „New York Magazine“-Büro (Canal & Varick St.). Mein Schreibtisch, der gewissermaßen an der Brooklyn-Queens-Express-Linie des NYM-Büros liegt, ist immer uber-busy, Leute gehen dauernd vorbei. Ich, meine Halbglatze, Solitair, Pornoseiten - alles immer für alle sichtbar. Ich liebe das.

Das ist mein Schreibtisch:

Geschmückt mit meinem gefälschtem Hirst-Spot-Painting; ein "Luke Wilson"-Bild vom großartigen Kunsthändler Shane Campbell aus Chicago; mein Van Gogh von Mario Ambrosius aus dem Jahr 1989; ein kleines Meisterwerk von Michael Jackson gemalt von einem brillianten geistig behinderten Maler, dessen Kunst ich sammle. (Jeder, der perfekte, kleine Fakes herstellen kann – her damit!)

Hier der Rest des Büros:

Ich arbeite meistens allein zu Hause (mit Roberta), aber habe herausgefunden, dass ich durch den Tapetenwechsel richtig aufdrehe. Ideen fliegen die ganze Zeit durchs Büro.

Eine tolle Erfahrung, die Ehre zu haben, hier dabei zu sein. Und … es gibt hier JEDE MENGE Finger Food und Süßigkeiten umsonst. Allerdings keine Cashew-Kerne.

Schönes Wochenende, Kids!

 

Es ist zum Augenraufen! Wie man Yayoi Kusamas Ausstellung auch ohne langes Warten sehen kann

19.12.2013
Jerry Saltz in der Yayoi-Kusama-Installation (Foto: Jerry Saltz)
Jerry Saltz in der Yayoi-Kusama-Installation (Foto: Jerry Saltz)

Die Menschen sind immer gern dabei, wenn irgendwo viele Leute dabei sind. Sie stehen auf den merkwürdigen Irrsinn und die Ekstase der Menge. Vor allem, wenn diese Menge aus Unbekannten besteht und sich sofort in eine Subkultur verwandelt, deren wesentlicher Daseinsgrund im Dabeisein liegt. Ein primitiver, tribalistischer Impuls. (Man sehe sich nur den weißesten Flash Mob seit Hockey an: SantaCon, wofür allein in New York 30000 Leute ohne weiteren Anlass als Weihnachtsfiguren verkleidet und trinkend durch die Stadt ziehen.)

Heutzutage liebt man den Menschenauflauf auch in der Kunst. So warteten lange Schlangen vor der technologischen Angeber-Installation „Rain Room“ im MoMA und vor James Turrells belangloser Lightshow mit dem Charme eines Einkaufszentrums im Guggenheim. In letzter Zeit sieht man sie auch vor Galerien. Seit der Eröffnung am 6. November stehen die Leute vor der David Zwirner Galerie am windigen Ende der 19. Straße an und warten auf ihre 45 Sekunden in Yayoi Kusamas "Infinity Mirrored Room — The Souls of Millions of Light Years Away." (Die Ausstellung endet diesen Samstag.)  ... weiterlesen

New York schnauzt dich an: Christopher Wool im Guggenheim Museum

16.12.2013

Im Katalog zur eindrucksvollen Retrospektive Christopher Wools im Guggenheim schreibt Richard Prince über die "kreiselnden Lackstrudel, seine Übergänge aus Tropfen, Spritzern, Pfützen und Zufallsmustern", mit denen Wool "einem alten Hund ein paar neue Tricks beigebracht" habe. Sein "alter Hund" ist die Malerei; die neuen Tricks sind die Methoden, mit denen Wool in seinen verschmierten, selbstbewussten Bildern, innerhalb der engen formalen Grenzen, die er sich selbst gesteckt hat und in seinen widersprüchlichen, polyzentrischen Räumen eine Art alchemistischen Teilchenbeschleuniger erfunden hat.

Wool verbindet mit seinen gemalten Blockbuchstaben, die sich zu Wörtern und Sätzen fügen; mit den abstrakten, grafischen Felder voller Verwischungen; mit seinen kastigen, geometrischen Figuren ganz außergewöhnlich den Gestus der Moderne des mittleren 20. Jahrhunderts – der heute altmodisch, ja fast verboten wirkt – mit der cooleren Kunst aus der Ära der mechanischen Reproduktion. In seinen Gemälden treffen sich gleichsam Warhols Desaster, Blumen und Rorschach-Bilder mit Pollock und de Kooning – und zwar in einem schwarzen, schleimigen Glibber. Die Resultate haben den 58-Jährigen zu einem der einflussreichsten amerikanischen Maler der mittleren Generation gemacht.    ... weiterlesen

Die zehn besten New Yorker Ausstellungen des Jahres

11.12.2013
  Thomas Hirschhorns "Gramsci Monument" in der Bronx (Foto: dpa)
Thomas Hirschhorns "Gramsci Monument" in der Bronx (Foto: dpa)

1. "Come Together: Surviving Sandy, Year 1" Kuratiert von Phong Bui

Ich will nichts von dem kleingeistigen Blödsinn hören, wonach New York nur noch als Markt interessant sei und seine Stellung als Schnittstelle künstlerischer Kreativität verloren habe. Jeder Zentimeter dieser Ausstellung, die der "Brooklyn Rail"-Verleger Phong Bui auf die Beine gestellt hat – 627 Werke von fast 250 ortsansässigen Künstlern in einem spektakulären Setting – straft diese idiotischen Ideen Lügen. Sie zeigt mit einigen großen Namen und überwiegend weniger bekannten New Yorker Künstlern, dass die Stadt heute so lebendig und brillant wie eh und je ist. Vielleicht sogar noch mehr, seit sich die Künstler großzügig über alle Bezirke verstreuen, wo sie bescheiden, aber stilvoll leben. Darauf beruht schließlich jede große lokale Szene. Ihr Nörgler, traut Euch in die freie Wildbahn oder bleibt zuhause und doof!  ... weiterlesen

Wie ich Kunstkritiker wurde

04.12.2013

Vergangene Woche vor 15 Jahren hat es der großartige Fotografiekritiker und Discofan Vince Aletti gewagt, einen Blindgänger wie mich als Chefkunstkritiker der "Village Voice" einzustellen. In diesem kurzen Augenblick hat er mir das Leben gerettet.

Ich war dem Job noch nicht gewachsen. Längst noch nicht. Ich schrieb damals einmal im Monat für das mittlerweile eingestellte "ARTS" Magazine (RIP Richard Martin). Howard Halle hatte mich für eine wöchentliche Kritik in "Time Out" New York verpflichtet. Dazu hatte ich auch noch einen Job als Chauffeur einer reichen Person. Und ich habe an drei Schulen unterrichtet. Einmal pro Woche bin ich von New York nach Providence für zwei Seminare an der RISD geflogen und Abends ging es weiter nach Chicago, wo ich noch eins hatte. Danach flog ich nach Hause zurück, damit ich am nächsten Tag an der Columbia oder SVA unterrichten konnte. Ich war halbtot, ich schrieb und arbeitete wie verrückt – aus Angst, dass ich wieder als Fernfahrer arbeiten müsste ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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