Gagosians gigantomanes Genie

24.03.2014
Larry Gagosian auf dem Weg zu einer Auktion (Foto: dpa)
Larry Gagosian auf dem Weg zu einer Auktion (Foto: dpa)

Expansionismus, Übergriffe, die ganze Welt herausfordern, der Drang zur Weltherrschaft: Nein, es geht nicht um Wladimir Putin. Sondern um eine aktuelle Meldung in der "New York Times", wonach Larry Gagosian seine weltweite Besatzung um zwei Galerien erweitert. Eine davon entsteht an der Upper East Side, die andere wird als Pop-Up einen Monat lang in einem ehemaligen Gebäude der Chase Manhattan Bank an der Lower East Side residieren, wo man dann die Werke des gleichermaßen herrschaftsbewussten Kunststars Urs Fischer sehen kann – für kurze Zeit wird der Elefant schwer durch das Einzugsgebiet von zahlreichen kleineren und bescheideneren Galerien trampeln. Ich hoffe nur, dass diese anliegenden Boote auf der Flutwelle schwimmen können und nicht von ihr verschlungen werden.  

Was mir aber an der Meldung eigentlich ins Auge sprang, war gar nicht so sehr die Eröffnung von Gagosians Galerien 14 und 15. Sondern die beiläufige Augenwischerei, mit der er in dem Artikel seine Neueröffnung in der Park Avenue 821 begründete: „Ich habe eigentlich gar nicht nach neuen Räumen gesucht ... Mir fiel nur auf, dass sie zu haben waren. Ihre bescheidene, isolierte Lage an der Park Avenue hat mich sehr gereizt.“ Das also hat ihn besonders gereizt? Na, klar – ach ja, und vielleicht noch die Lage dieses „isolierten“, einsamen Außenpostens auf Höhe der 75. Straße, einen Block vom derzeitigen Sitz des Whitney Museums entfernt, wo ab nächstem Jahr das zeitgenössische Schaufenster des Metropolitan Museum of Art einziehen wird.  ... weiterlesen

Sklaven der Liebe: Am Stand der Kölner Galerie Susanne Zander auf der Independent

12.03.2014
Jerry Saltz am Stand von Susanne Zander
Jerry Saltz am Stand von Susanne Zander

Man sagt, dass alle Lieder Liebeslieder sind. Wenn das stimmt, dann geht es vielleicht in allen Geschichten von Obsessionen immer um Liebe und Verhängnis, in der „Erziehung der Gefühle“ ebenso wie in „Lolita“, im „Sattelclub“ wie in „Moby Dick“. Ich habe gleich drei wunderbare fotografische Obsessionserzählungen am Stand der Susanne Zander Galerie auf der Independent gesehen, einer der drei Kunstmessen, auf denen ich letzte Woche war.

Die Storys fand ich in einer kompakten Vier-Personen-Ausstellung namens „Unbekannter Künstler“, in der ausschließlich Werke von anonymen Machern gezeigt wurden. Während ich mich in die Geschichten ziehen ließ und ihrem unwiderstehlichen Zauber erlag, fiel mir Velvet Undergrounds „Some Kind of Love“ ein: "No kinds of love are better than others – keine Art von Liebe ist besser als eine andere". Unabhängig von den jeweiligen anonymen Schöpfern, egal, welche Motive oder Zwangsvorstellungen sie umtrieben – in der ausgestellten Kunst erkannte man durchweg heftiges Begehren und raffiniert ausgearbeitete Fantasien, sie war von Pathos und innerer Spannung durchdrungen, wirkte manchmal ein wenig mitleiderregend, aber zugleich unglaublich feierlich.    ... weiterlesen

Eine coole Ausstellung sucht verzweifelt einen Fluchtweg aus der großen, langweiligen Whitney Biennale

11.03.2014

Wenn Sie die 2014er Biennale im Whitney wirklich ausschöpfen wollen, dann fangen Sie im vierten Stock an – und bleiben auch im wesentlichen dort. Diesen Teil der Ausstellung – es gibt insgesamt drei, mit jeweils einem eigenen Kurator – hat die Chicagoer Künstlerin und Galeristin Michelle Grabner zusammengestellt. Im Zentrum steht als visueller und materieller Höhepunkt der gesamten Biennale eine Galerie voller farbenprächtiger Gemälde, Skulpturen und handgemachter Objekte, dazu noch Keramiken und Textilien. Der Raum ist spektakulär vollgepackt und brummt vor Leben und Energie. Sterling Rubys riesige, pseudo-prähistorisch verschrammten, aschenbecherartigen Keramikobjekte sind dabei wahrscheinlich meine Lieblingsexponate; kaum weniger toll finde ich allerdings die chaotisch bestickten, beidseitig bemalten Bilder von Dona Nelson, Joel Ottersons schimmernde Perlenvorhänge aus metallenen Ketten mit beigefügten antiken Werkzeugen und die Material-Poesie der Gemeinschaftsarbeit von Amy Sillman und Pam Lins.

Man wird auch hier durchaus öfter enttäuscht, und natürlich gibt es die üblichen Seilschaften aus Freunden und ehemaligen Studenten – das geht überall so, nicht nur bei Grabner – aber wenn Sie ein bisschen durch das Stockwerk flanieren, werden Sie etlichen Künstlern begegnen, die einen zweiten Blick lohnen. Das wird dann aber auch schon  abgesehen von ein paar verstreuten Fundstücken – der letzte visuelle und materielle Kick sein, den sie in dieser optisch verhungerten, ästhetisch zugeknöpften und pedantischen Biennale erleben. 
  ... weiterlesen

ÜBER DEN BLOG
RSS Feed
Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
TAGS
ANZEIGE
KALENDER

ANZEIGE