Zombies an den Wänden: Warum sieht derzeit so viel abstrakte Kunst gleich aus?

26.06.2014

Die Richtungswechsel in der Kunst der letzten 150 Jahre ergaben sich fast immer aus spannenden, aber nicht eben mysteriösen Zusammenhängen. Die jeweiligen Kunstbewegungen beruhten auf den Eingebungen einiger Ausnahmekünstler oder besonderer Künstlerkonstellationen, die zunächst eine gewisse Anhängerschaft fanden, zu sogenannten Schulen oder Bewegungen wurden und alles um sie herum beeinflussten, bis sie schließlich mit dem Aufkommen weniger talentierter Epigonen verwässert wurden. Jüngere Künstler begannen sich dagegen aufzulehnen, und die Bewegung verebbte. So ging es dem Impressionismus, dem Postimpressionismus und den Fauvisten, später auch dem abstrakten Expressionismus nach den 50ern. Aber am Anfang standen immer die jeweils originellsten Werke.

Diesmal ist allerdings irgendetwas mit dieser künstlerischen Morphologie furchtbar schiefgelaufen. Ihr Verlauf hat sich umgekehrt. In der aktuellen, extrem weitverzeigten Kunstwelt und ihrem entsprechenden Markt dominieren die Verwässerer. Eine ganze Flut aktueller Kunst wird allein vom Markt getrieben, insbesondere von nicht besonders gebildeten Spekulanten-Sammlern, die ihre reichen Freunde und deren reiche Freunde zum Kauf der immer gleichen Kunst drängen.  ... weiterlesen

Jerry Saltz über Kara Walkers Zucker-Sphinx in New York

06.06.2014
Kara Walker "A Subtlety", 2014 (Foto: Jason Wyche, Courtesy Creative Time
Kara Walker "A Subtlety", 2014 (Foto: Jason Wyche, Courtesy Creative Time

Ungefähr zur Halbzeit meines Besuchs in der heruntergekommenen Domino-Zuckerraffinerie stand ich staunend vor Kara Walkers großartigem, knalligem Monstrum, einer gewaltigen, nackten Sphinx mit Kopftuch und den Zügen einer schwarzen Mammy. Und hatte eine Art Vision. So nämlich wirkt in ihren besten Werken Walkers irrwitzige, komische Kraft. Vor allem von diesem Werk mit dem so elliptischen wie archaischen Titel "A Subtlety" – eine feine Raffinesse – "oder Das wundervolle Sugar Baby, eine Hommage an die unbezahlten und überarbeiteten Kunsthandwerker, die unseren Sinn für Süßes von den Zuckerrohrfeldern bis in die Küchen der Neuen Welt verfeinert haben, zum Abriss der Domino Zuckerraffinerie."

Den Koloss – er erinnert halb an einen von Cecil B. Demille ausgestatteten Festzugswagen und halb an ein Alien – begleitet eine Entourage aus lebensgroßen, entstellten schwarzen Figuren, kleine Jungen, die Bananen oder Körbe mit den Körperteilen anderer Kinder tragen, alles hergestellt aus Sirup und braunem Zucker.  ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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