Kann Kritik Künstler von der Arbeit abbringen?

22.07.2014

Während eines Vortrags im letzten Sommer habe ich gehört, wie ein Künstler zu einem Kritiker sagte: „Nach Ihrer Kritik konnte ich zehn Jahre nicht mehr arbeiten.“ Ich war von den Socken. Unmöglich, dachte ich. Aber ich konnte nicht aufhören, darüber nachzugrübeln.  

Mir ist schon klar, dass Kritik weh tun kann, peinlich sein, total ärgerlich, deprimierend, nervig, albern usw. Ich durchsuche täglich die Blogs nach meinem Namen und denke dabei immer: „Oh, Mann, wie mich diese Leute hassen!“ Ich muss mir die übelsten Sachen über mich anhören; online; auf Vernissagen; etc. Cool; kein Problem; das ist im Preis inbegriffen, den man für den Kritikerberuf bezahlt.    ... weiterlesen

Die Anmut des Langstreckenkünstlers: On Kawara, 1933 – 2014

14.07.2014
Ein Date Painting von On Kawara, Installationview Galerie Rüdiger Schöttle, 1979, Courtesy Rüdiger Schöttle, München
Ein Date Painting von On Kawara, Installationview Galerie Rüdiger Schöttle, 1979, Courtesy Rüdiger Schöttle, München

Im Alter von 81 Jahren ist der große Zen-Proto-Konzeptualist On Kawara gestorben. Im Gegensatz zu unseren aktuellen Kunststars, Blitzstartern und Eintagsfliegen floss Kawaras langer künstlerischer Strom still durch die Kunstwelt. Ab dem 4. Januar 1966 produzierte er Tausende, schlicht alphanumerisch datierte Bilder, die er zerstörte, wenn er sie nicht an einem Tag beenden konnte; 1969 begann er mit einer Performance-Reihe, für die er seine Darsteller eine Million Jahre, Jahr für Jahr, aufzählen ließ und erstellte, als Grabstätte dieser Vorträge, ein vielbändiges, getipptes Dokument. Jetzt ist der rätselhafte Geomantiker der unsichtbaren Unendlichkeiten beim letzten Algorithmus angekommen.

Von seiner Kunst ging – auch wenn sie manchmal trocken und intektuell schien – eine ähnlich heilende und beruhigende Kraft aus, wie man sie aus dem Wissen schöpfen kann, dass es da draußen die Bilder von Vermeer gibt. Kawara hat sein Geburtsdatum nie veröffentlicht, und Interviews lehnte er ebenso ab wie er Fotografen aus dem Weg ging. Seinen Freunden schickte er manchmal über Jahre hinweg nur vorgedruckte Postkarten als Lebenszeichen. Darauf stand schlicht zu lesen: „Ich lebe noch“ oder, mit handschriftlich eingefügter Uhrzeit, „Ich bin um.... Uhr aufgestanden“.  ... weiterlesen

Fantastisch, fürchterlich: Jeff Koons' Retrospektive in New York

01.07.2014
Jeff Koons bei der Eröffnung seiner Retrospektive im Whitney Museum (Foto: dpa)
Jeff Koons bei der Eröffnung seiner Retrospektive im Whitney Museum (Foto: dpa)

Man hat es hier mit einer Helixstruktur zu tun: Es ist fantastisch, es ist fürchterlich. „Jeff Koons: A Retrospective“ ist über uns gekommen.

Man kann sich mit der Kunst der letzten dreißig Jahre nicht beschäftigen, ohne über Koons nachzudenken. Und zwar heftig. Ich habe seine Karriere aus nächster Nähe erlebt. Ich konnte beobachten, wie er sich in das Koons-Hologramm verwandelt hat, als das wir ihn heute kennen; wie er in den Galerien spätnachts oder auch während der Ausstellungen seine Skulpturen poliert hat; wie er seine Werke nicht verkaufen konnte; wie er fast pleiteging; wie er die Stücke zu Preisen losgeschlagen hat, die unter den Produktionskosten lagen.  ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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