Type 42: 9 unheimliche, erotische Polaroids von Hollywoodstars

30.01.2015
Type 42 (Anonymous) "Andra Martin", 1960s-1970s (Courtesy Galerie Susanne Zander/ Delmes & Zander)
Type 42 (Anonymous) "Andra Martin", 1960s-1970s (Courtesy Galerie Susanne Zander/ Delmes & Zander)

Es handelt sich hier um neblig unscharfe, schwarz-weiße Polaroidbilder von Filmstars und Femme Fatales, abfotografiert von kleinen Fernsehern in dunklen Räumen. Die Aufnahmen stammen von einem unbekannten Künstler, den man nach der Serienbezeichnung seines verwendeten Sofortbildmaterials Type 42 genannt hat. Die Bilder entstanden in den 60ern, aber aufgetaucht sind sie erst 2012. Ein Künstler war über die Sammlung gestolpert (Hallelujah!).

Auf den meisten findet man den Namen der Darstellerin notiert, auch mal ihre Maße, manchmal den Filmtitel. Die Handschrift wirkt umständlich und bemüht – die i-Punkte sitzen nicht direkt über dem Buchstaben, sondern sind nach rechts versetzt. Die Fotokünstlerin Cindy Sherman nennt sie in ihrem Beitrag zum Katalog der Ausstellung – sie lief in Berlin unter dem Titel „Fame is the Name of the Game“ kürzlich in Berlin – eine „ausführliche Abhandlung darüber, was es heißt, eine Frau zu sein.“  ... weiterlesen

John Waters ist ein Nationalheiligtum

12.01.2015
John Waters bei seiner Ausstellungseröffnung in der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin (Foto: dpa)
John Waters bei seiner Ausstellungseröffnung in der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin (Foto: dpa)

Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann und wo ich es gelesen habe, aber irgendwo hat der große Künstler, Filmemacher, ja Nationalheiligtum John Waters, einmal gesagt, dass ihn der nicht weniger große, 2003 verstorbene American-Fine-Arts-Galerist Colin de Land "vor dem Fluch des Ruhmes gerettet" habe.

Wenn sich, das meinte Waters wohl damit, eine Berühmtheit wie er als Künstler in die Kunstwelt wagt – James Franco, Jay-Z, Tilda Swinton – dann geht man dort sofort auf Abstand, beschimpft die Kunst und findet allein schon ihre Gegenwart schmutzig und abstoßend. Und es stimmt: Als Waters vor langer Zeit seine Arbeiten in de Lands legendärer Galerie zum ersten Mal gezeigt hat, blieb ihm diese Feuerprobe erspart. Das liegt wiederum nicht nur daran, dass er einer der besten amerikanischen Regisseure ist – Waters arbeitet auch als Künstler ausnehmend originell.  ... weiterlesen

Ikonoklasmus heute: "Charlie Hebdo" und die tödliche Macht der Bilder

09.01.2015
Solidaritätsbekundung in Cannes (Foto: dpa)
Solidaritätsbekundung in Cannes (Foto: dpa)

Wir alle sind entsetzt über die Terroristen, die mit dem Kampfschrei "Wir haben den Propheten Mohammed gerächt! Allahu akbar!" Menschen umbringen, weil sie Bilder des Propheten Mohammed gezeichnet und veröffentlicht haben. Aber nochmal – und ohne das Problem des ideologischen Fanatismus vereinfachen zu wollen oder damit anzufangen, wie arrogant, rotzig oder widerlich die Cartoons waren (in den USA wäre angesichts von regelmäßig erscheinenden rassistischen oder antisemitischen Cartoons die Hölle losgewesen; wobei Gewehre natürlich das Ende aller Differenzierung bedeuten): Diese gezielte und geplante Tat wurde wegen einer Zeichnung verübt.

Wegen Bildern zu morden hat dabei ebenso primitive Wurzeln und einen ebenso komplexen Hintergrund wie jemanden zu ermorden, weil er oder sie an den einen und nicht den anderen tatsächlichen oder fiktionalen Gott glaubt. Alle vier großen monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum, Islam und Zoroastrismus – beruhen auf dem alten Testament. Über das Bildschaffen steht im zweiten Gebot: "Du sollst dir kein Gottesbild machen ... Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott." Das bedeutet zweierlei: Zum einen gestattet Gott Abstraktion und unbehauenen Stein (neolithische Kreise und dergleichen) und verbietet realistische Bilder. "Verflucht sei, wer einen Götzen oder ein gegossenes Bild macht." Zum anderen weiß dieser Gott, dass es da draußen andere Götter gibt – in Griechenland, Rom oder Ägypten, zwischen Tigris und Euphrat, in den Steppen, in Nordafrika, dem subsaharischen Afrika, im Mittelmeerraum, auf dem indischen Subkontinent und im Fernen Osten. Das autoritäre Bildverbot steht auch im Koran.  ... weiterlesen

Das Imperium quasselt zurück: Stefan Simchowitz reagiert auf sein großes Porträt im "New York Times Magazine"

08.01.2015
Stefan Simchowitz (Bild: Getty Images)
Stefan Simchowitz (Bild: Getty Images)

Im ersten großen Artikel über Kunst in diesem Jahr geht es nicht um Kunst, sondern um Sex von Geld mit jungen Künstlern. Gerade hat das "New York Times Magazine" ein ausgewogenes, 5000 Wörter langes Porträt des selbsternannten "Sammlers/Händlers/Beraters" Stefan Simchowitz aus Los Angeles veröffentlicht. Die Überschrift lautet: "Mäzen Satan: Warum hasst die Kunstwelt Stefan Simchowitz?"

Zum Text sieht man ein Foto des massigen, nur mit schwarzen Unterhosen und Socken bekleideten Simchowitz. Er wird umringt von drei untätigen, aber angezogenen Frauen, die sich vor seiner maskulinen Blöße abwenden, während er – anzunehmen: geschäftlich – telefoniert. Die Szene erinnert an jene schmierigen Akademiegemälde des 19. Jahrhunderts, auf denen sich biegsame Damen räkeln und mittendrin regiert irgendein Sultan sein Reich. Das Fotomotiv sei seine Idee gewesen, sagt Simchowitz dazu. Es solle "als zugleich Karikatur und Performance zu einer theologischen Exegese darüber anregen, wie man sich einerseits vor der Kunstwelt auszieht und andererseits die Kunstwelt selbst auseinandernimmt." Je nun. Unmittelbar nachdem der Artikel Online stand, erschien ein lustiger Tweet des Künstlers Richard Prince, der meinte, dass er "Zuhälter, Sackgassen und hübsche Gemälde" gut fände und "diese Kibbuz-Geschichte im Reality-TV-Format" aus der New York Times als Drehbuch für einen Hollywoodfilm eingereicht habe, der entweder "Mäzen Blödmann" oder – als Anspielung auf Simchowitz’ Schiebermethode des billigen Ankaufs und teuren Verkaufs - "Wippe" heißen solle.

Im Porträt erklärt Simchowitz, dass sein Unternehmen Simcor einem Künstler "Feuer" und "Momentum" verschaffe. Er erzählt, dass er "Bevollmächtigte" in jene Galerien schicke, die ihn auf ihrer "Schwarzen Liste" führten, meint, dass er in die "kulturelle Produktion investiert" und behauptet, die 1500 Werke seiner Sammlung hätten einen Wert von ungefähr 30 Millionen Dollar. Er nennt andere Händler und Berater "Parasiten", findet das Werk eines seiner Künstler "schwach" und instruiert daraufhin trotzdem einen Assistenten, "das ganze Studio zu kaufen, und zwar sofort, Signatur hinten drauf, Fotos – das volle Programm."

Nachdem im letzten März eine ähnliche Geschichte erschienen war, hatte ich einige Zitate zusammengestellt und einen skeptischen Kommentar gewagt, worin ich Simchowitz etwas paranoid-alarmistisch "einen Sith-Lord" nannte. Daraufhin zog er auf meiner persönlichen Facebook-Seite über mich und jeden her, der nicht seiner Meinung war, und er beschimpfte ausgezeichnete Händler wie Michele Macarrone und Gavin Brown. (Brown postete am nächsten Tag als Antwort einen abgeschlagenen Pferdekopf.) Die meisten verstanden Simchowitz’ Einlassungen nur als das übliche, aber wahnsinnig laute Kunstberatergerede, aus dem sich vor allem ablesen ließ, wie marktbezogen die Kunstwelt sich derzeit entwickelt. Simchowitz stand als Statussymptom und Statthalter für die tatsächliche und symbolische Rolle, die Geld und Machtgehabe heute in der Kunstwelt – oder, wie er sie nennt, der "Kulturindustrie" – spielen.

Diesmal beehrte er, noch vor dem Erscheinen des Times-Artikels, die Facebook-Seite der Kunstbloggerin Paddy Johnson. Mehr als 5000 Wörter lang ließ er sich über das Porträt aus, beschwerte sich, verteidigte und analysierte es. Zwei Tage später schrieb er nochmal 5000 Wörter auf die Facebook-Seite von Hrag Vartanian, der in seinem großartigen Blog "Hyperallergic" immer wieder Geldleute wie Simchowitz auseinandernimmt. (Beleidigt hatte ihn Vartanian, als er in seinem Blog fragte, ob "jemandem was zu dieser Simchowitz-Sache einfällt".) Und zuguterletzt veröffentlichte er auf seiner eigenen Facebook-Seite noch eine ebenso lange "GEGENDARSTELLUNG", in der er krähte: "Ich habe die Post-Internet-Kunst als Bewegung entdeckt; ich habe Marinettis Manifest und seine Kunsttheorie gelesen; ich bin keine Nachrichtenagentur, nur ein Exhibitionist...". Usw.

Der entscheidende (und für mich deprimierende) Unterschied bestand diesmal aber in den Antworten diverser Künstler auf seine Kommentare. Viele Künstler fühlen sich vom System ausgeschlossen und hoffen auf dessen Erneuerung. Immer mehr Künstler scheinen der zynischen Meinung, dass "die ganze Kunstwelt stinkt - und Simchowitz nicht mehr als der Rest." Viele halten Simchowitz für eine Art aufrechten Rebellen, der die böse und hermetische Welt der Galerien erobert und ihr Geld verteilt. Zahlreiche Künstler klicken "Gefällt mir" bei allem, was Simchowitz sagt. Sie finden ihn gut, weil er "die Ordnung des Systems bedroht... das nun zurückschlägt"; "die komplexe akademische, journalistische und institutionelle Infrastruktur herausfordert, die der Kunstwelt zur Preisabsprache dient"; "das insiderische, korrupte Netzwerk der etablierten Händler aufmischt"; "für einen frischen Wind steht, mit dem ich persönlich gerne zusammenarbeiten würde" (sic!). Der große Berater/ Kurator Kenny Schachter fasste es treffsicher zusammen: "Schieb dein Geld rüber, Simcho, es gehört alles dir."  ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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