Wie ich Kunstkritiker wurde

04.12.2013

Vergangene Woche vor 15 Jahren hat es der großartige Fotografiekritiker und Discofan Vince Aletti gewagt, einen Blindgänger wie mich als Chefkunstkritiker der "Village Voice" einzustellen. In diesem kurzen Augenblick hat er mir das Leben gerettet.

Ich war dem Job noch nicht gewachsen. Längst noch nicht. Ich schrieb damals einmal im Monat für das mittlerweile eingestellte "ARTS" Magazine (RIP Richard Martin). Howard Halle hatte mich für eine wöchentliche Kritik in "Time Out" New York verpflichtet. Dazu hatte ich auch noch einen Job als Chauffeur einer reichen Person. Und ich habe an drei Schulen unterrichtet. Einmal pro Woche bin ich von New York nach Providence für zwei Seminare an der RISD geflogen und Abends ging es weiter nach Chicago, wo ich noch eins hatte. Danach flog ich nach Hause zurück, damit ich am nächsten Tag an der Columbia oder SVA unterrichten konnte. Ich war halbtot, ich schrieb und arbeitete wie verrückt – aus Angst, dass ich wieder als Fernfahrer arbeiten müsste ... weiterlesen

Jerry Saltz über radikale Verwundbarkeit

01.11.2013

Ich habe schon gelegentlich über etwas geschrieben und gesprochen, das ich „radikale Verwundbarkeit“ nenne. Zum ersten Mal ist mir der Begriff in einem Essay der Theoretikerin Gayatri Spivak begegnet. Nicht dass ich mir wirklich sicher wäre, was sie damit meint, aber für mich bedeutet der Begriff, in meiner Arbeit so verwundbar zu bleiben wie ein Künstler in seiner Arbeit. Das bedeutet, nicht auf wohlfeile Opfer und Schwächere zu schießen; es bedeutet, nicht einfach das Unvermeidbare gut zu finden; es bedeutet, wenn es nur irgendwie möglich ist, die wirkliche, wahre eigene Meinung zu vertreten – auch wenn ich Sachen denke, die ich gar nicht denken will.

Es bedeutet, sich klar zu machen, wie vielfältig und komplex die Erfahrungen und das Wissen der Leute konstruiert sind. Es bedeutet, dass ich mir die Aufmerksamkeit gegenüber den Dingen bewahre, die mir so tief gehen, dass sie meine Wirklichkit verändern. Gerade hat die  Lektüre von Richard Ellmanns außerordentlicher Oscar-Wilde-Biografie meinen inneren Kompass neu geeicht.  ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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