Der großartige, unergründliche Robert Gober im MoMA

19.11.2014
Robert Gober "Untitled", 1994 – 1995 (Foto: D. James Dee, courtesy the artist und Matthew Marks Gallery, © 2014 Robert Gober)
Robert Gober "Untitled", 1994 – 1995 (Foto: D. James Dee, courtesy the artist und Matthew Marks Gallery, © 2014 Robert Gober)

Im Vergleich zu guter Kunst „ist es viel schwerer, über großartige Kunst zu sprechen“, befand der Bildhauer Charles Ray über das phantasmagorische Werk Robert Gobers, dem das MoMA jetzt eine 40 Jahre umspannende Retrospektive namens „The Heart Is Not a Metaphor“ widmet (bis 18. Januar). „Würden Sie mich fragen, worum es in seiner Kunst geht – ich könnte Ihnen keine Antwort geben“, meinte Ray. „Das heißt aber nicht, dass sie nicht zu mir spricht. Ich verstehe ... dass ich sie wieder sehen will. Sie fordert mich auf, in ihrer Nähe zu sein. Sie gründlicher und länger zu betrachten, oder morgen zurückzukommen und sie noch einmal anzuschauen. Sein Werk flüstert: Sei bei mir.“

Die melancholischen Erzählungen in Gobers Arbeiten fesseln und verwirren mich seit 30 Jahren. Man stelle sich vor, Proust präsentiere gerade die Skulptur einer angebissenen Madeleine oder Zeichnungen der drei Fenster, durch die er homosexuelle Begegnungen beobachtete. Der Romancier und Kritiker Kim Lewis, der sich jahrelang eingehend mit Gobers Werk beschäftigt hat, gesteht jetzt in seinem Text für den Katalog: „Ich verstehe Robert Gobers Arbeit nicht.“ Und bemerkt, dass die meisten Kommentatoren eine ähnliche Ratlosigkeit beschreiben. Ich bin einer davon. Und genau deshalb weiß ich, wie gut seine Kunst ist.  ... weiterlesen

Jerry Saltz über die Polke-Schau im MoMA

24.04.2014

Die ausladende, extravagante Ausstellung „Alibis: Sigmar Polke 1963-2010“ ist richtig gut. Wie könnte es auch anders sein, angesichts von mehr als 260 Werken eines großartigen Künstlers. Als Polke 2010 im Alter von 69 Jahren starb, befand John Baldessari, dass „ein weniger bedeutender Künstler eine ganze Karriere auf einer einzigen Polke-Idee aufbauen könnte“. Chrissie Iles, die Kuratorin des Whitney Museums, sagte: „Ich mag Begriffe wie 'Meister' nicht besonders, aber Polke ist einer; das weiß er, und wir wissen es auch.“

Mir scheint er wie eine Art Stein von Rosette für junge Künstler zu sein, ein Künstler, dessen Lust am Material, anarchische Erfindungskraft und halluzingene, an Blake erinnernde Fantasie ihn in eine Reihe mit einflussreichen Nachkriegskünstlern wie Pollock, Johns, Rauschenberg, Warhol und seinen alten Freund (und seine Nemesis) Gerhard Richter stellt. Er hat auf ganz eigenständige, atemberaubend visuelle, hintersinnige Weise Pop, Konzeptkunst, Neo-Dada, Fluxus und Konstruktivismus vermischt, und sie mit philosophischer Tiefe, sozialem Biss und einer bemerkenswerten Kombination von Chaos und Kontrolle ausgestattet.  ... weiterlesen

Jerry Saltz schreibt den MoMA-Treuhändern: Bitte lehnen Sie die fürchterlichen Erweiterungspläne ab!

14.01.2014
Entwurf für das Museum of Modern Art. Ansicht von der 53rd Street (Foto: © 2014 Diller Scofidio + Renfro)
Entwurf für das Museum of Modern Art. Ansicht von der 53rd Street (Foto: © 2014 Diller Scofidio + Renfro)

An die Treuhänder des Museum of Modern Art:

Ich wende mich an Sie wegen des geplanten Umbaus des Museum of Modern Art und des Abbruchs des ehemaligen American Folk Art Museum. In der letzten Woche hat das Architekturbüro Diller Scofidio + Renfro einen Entwurf vorgestellt, wonach das AFAM – ein für Kunstausstellungen gänzlich ungeeigneter Ort, für dessen Abriss ich mich schon früher ausgesprochen habe - durch Räumlichkeiten ersetzt werden soll, die sogar noch weniger sachdienlich wären. Der vorgesehene technokratische Bau würde jede kontemplative Versenkung in die Betrachtung von Kunst unmöglich machen – noch mehr als das bisherige Gebäude, das es ersetzen soll. Die Entwürfe verhöhnen die Kunst, die Künstler und die Idee des Museums. Im Namen der Kunstgemeinde flehe ich Sie, die Treuhänder und Vorstände des MoMA, an, einzuhalten und die Pläne neu zu überdenken.  ... weiterlesen

Zerstört vom Wahnsinn: Jerry Saltz über die Erweiterungspläne des MoMA

10.01.2014
Das New Yorker MoMA soll erweitert werden (Foto: eschipul on Flickr, Creative Commons)
Das New Yorker MoMA soll erweitert werden (Foto: eschipul on Flickr, Creative Commons)

Der Begriff „Kunst“ fiel praktisch nie. Vielleicht hatte ich deswegen irgendwann Tränen in den Augen und mir wurde schlecht, als ich drei quälend lange Stunden unter Ausschluss der Öffentlichkeit in einem Hintergrundgespräch zum zweiten radikalen Umbau des MoMA in weniger als zehn Jahren saß. (Die Schlagzeile des Tages lautet, dass das American Folk Art Museum abgerissen wird. Ich fand das Gebäude schon immer für Kunst betrüblich ungeeignet.)

Die namensgebenden Stararchitekten von Diller Scofidio + Renfro und der MoMA-Leiter Glenn Lowry schwadronierten unermüdlich von Zugänglichkeit und Besucherfluss, der institutionellen Bindung an die Stadt, von Anschlussfähigkeit und leichter Lesbarkeit und Orientierung, von chirurgischen Eingriffen, angeblichen Varianten von White Cube und Black Box (fragen Sie nicht), über soziale und performative Räume, Mikrogalerien, von Selbstkritik und „einem neuen, architektonisch bedeutenden Treppenhaus“. Je mehr ich gehört und gesehen habe, desto mieser und trauriger habe ich mich gefühlt. Innerlich bereitete ich schon meine Abschiedsworte ans MoMA vor: „Ich sah das beste Museum meiner Generation zerstört vom Wahnsinn.“  ... weiterlesen

Jerry Saltz: Meine letzten Worte zum Frauenproblem am MoMA

21.11.2013
Das MoMA tut sich schwer mit Kunst von Frauen. Hier eine Performance von Tilda Swinton (Foto: dpa)
Das MoMA tut sich schwer mit Kunst von Frauen. Hier eine Performance von Tilda Swinton (Foto: dpa)

In dieser Woche vor neun Jahren hat das MoMA sein nagelneues, glamouröses, 750 Millionen Dollar teures Gebäude eingeweiht. Seit dieser Garten der Moderne wiedereröffnet wurde, habe ich immer wieder darüber gegrummelt, wie wenig weibliche Künstler das Museum in seiner enorm wichtigen, ständigen Gemälde- und Skulpturensammlung im vierten und fünften Stock ausstellt. Im MoMA als dem Mutterschiff der Moderne ist es von besonderer Bedeutung, wie deren Geschichte dargestellt wird. Die Zahlen sind erschreckend.

Zur Gala-Eröffnung 2004 sah man im vierten und fünften Stock 415 Kunstwerke. Davon stammten nicht einmal 20 von Frauen. Weniger als fünf Prozent. 2006 gab es 19, ein Jahr später nur 14.  ... weiterlesen

Ein paar Gedanken zu unseren Museen, was sie tun, wozu sie gut sind

11.10.2013
Blick in den "Rain Room" von Random International, der Teil der Ausstellung "EXPO 1: New York" war (Foto: dpa)
Blick in den "Rain Room" von Random International, der Teil der Ausstellung "EXPO 1: New York" war (Foto: dpa)

Die konkurrenzlos schlechteste New Yorker Museumsausstellung eines ordentlichen Künstlers in diesem Jahr richtete das Guggenheim für James Turrell aus – eine komische Mischung aus Fake-Lightshow, Las Vegas und einem naturwissenschaftlichen Exploratorium als Shopping-Mall. Wie schlecht sie wirklich war, durfte man natürlich nicht sagen, weil Turrell aus der unberührbaren „legendären Generation“ des Postminimalismus der 60er und 70er stammt; außerdem kommt er aus Los Angeles, und immer wenn New Yorker irgendeine große Nummer aus der Kunstszene LAs kritisieren, regen sich die Schreiber dort fürchterlich auf. (Turrell sollte sich auf nicht-elektronische, rein natürliche Effekte konzentrieren. Seine beste Arbeit kann man im MoMA-Ableger PS1 für zeitgenössische Kunst in Long Island sehen.)

Das schlechteste Einzelwerk des Jahres in einem New Yorker Museum wiederum war für mich „The Rain Room“ im MoMA. Ganz im Ernst: Es hat einfach nichts mit Kunst zu tun; man kommt sich vielmehr vor, wie auf einem Bummel über einen High-Tech-Rummel. Andererseits: Cool. Von mir aus. Das Museum muss ja seine Rechnungen bezahlen. Die Leuten standen Schlange wie verrückt. Und so viel schlimmer als Tim Burtons MoMA-Ausstellung vor ein paar Jahren fand ich sie auch wieder nicht.  ... weiterlesen

Über die MoMA-Pläne, das Folk Art Museum abzureißen: Recht so! Baut lieber einen Raum für Kunst

16.04.2013
Das American Folk Art Museum in New York (Foto: David Shankbone,  Creative Commons)
Das American Folk Art Museum in New York (Foto: David Shankbone, Creative Commons)

Es ist schon traurig. Vor kaum zwölf Jahren hat man das ehemalige American Folk Art Museum, in der 53. Straße, gleich beim MoMA, gebaut. Jetzt lässt es sein neuer Besitzer wieder abreißen: Das MoMA. Traurig stimmt einen dabei weniger, dass der Bau gehen muss; sondern dass er trotz des nahezu einhelligen Jubels der Architekturkritik von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Wer das von Tod Williams und Billie Tsien entworfene Gebäude vor allem als Museum verstand, konnte schon bei der Eröffnung erkennen, dass sich die Innenräume überhaupt nicht für Kunstausstellungen eigneten. Die Galerien wirkten viel zu eng und überall gab es Treppen, die zu manchmal korridorartigen Schläuchen oder unvorteilhaften Nischen für die Kunstwerke führten.

Als das Museum vor zwei Jahren die Rückkehr in die dunklen Lobbyräume vor seinem desaströsen Umzug bekanntgab, habe ich vorgeschlagen, das MoMA solle – obwohl es sich ja beim Bau von Ausstellungsräumen selbst nicht immer überzeugend anstellt - das Gebäude abreißen und ein neues bauen. Vergangene Woche kündigte das Museum jetzt genau dies an, worauf ein Sturm der Entrüstung losbrach. Aufgebrachte Fans des Gebäudes wandten sich an die Kommentarseiten der "New York Times" und prangerten die „bestürzend falsche Entscheidung der Museumsdirektoren“ an.  ... weiterlesen

Tilda Swinton in einer Kiste und Lebendkunst als das Crystal Meth des MoMA

26.03.2013

Auf das Museum of Modern Art scheinen lebende Kunstwerke im luftigen Atrium mittlerweile wie Crystal Meth zu wirken. Das Museum hängt an der Droge, seit Marina Abramovic - selbsternannte mystische Meisterin im Starren und darin, die Leute mit diesem Blick in die Augen zum Weinen zu bringen - monatelang in der Eingangshalle saß, während das Publikum Schlange stand, um ihr einen Moment gegenüber zu sitzen und sich als Teil eines Kunstwerks zu fühlen. Es war ein abgedrehter, nekromantischer Zirkus. Weiter oben wanderten ihre Fans zwischen nackten Männern und Frauen in Türrahmen ("sein Penis hat meinen Arm gestreift") oder begafften eine Frau, die hoch über ihnen auf einem Fahrradsitz hockte ("autsch"). Es gibt sogar einen Film, der auf den monatelangen Festlichkeiten basiert. Nach derselben Strategie produzierte man noch ein paar Fortsetzungen.

So organisierte die Künstlerin Martha Rosler einen Flohmarkt im Museum. (Wobei die Preise und Gäste eher nach High Society als Vorstadt aussahen.) Für den Zuschauer bestand der "Wert" oder das "Erlebnis" dieses Werks im Kontakt zur ausführenden Künstlerin -  der Künstler als Medium und Magier, live im Museum. Es war ein ziemlicher Hit und äffte dabei noch die traditionelle Kunst nach, indem es die Leute allein durch Roslers Anwesenheit so aufheizte, dass sie allen möglichen Kram zu Fantasiepreisen kauften. Aber so funktioniert eben die althergebrachte Chemie einer sauber verpackten, theatralisierten, theoretisierten, monetarisierten - und nicht zuletzt simplifizierten Kunst.  ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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