Tod der Galerieausstellung

04.04.2013

Galerieausstellungen: Licht meines Lebens, Feuer meiner Augen. Ich liebe und verehre sie. Ich gehe auf ungefähr 30 in der Woche, jede einzelne Woche im Jahr. Was ich über zeitgenössische Kunst weiß, verdanke ich zum Großteil der Begegnung mit Künstlern und dem Besuch von Galerien. Von schlechten Ausstellungen lerne ich soviel wie von guten. Die Schönheit der Galerie liegt dabei auch – vor allem für jemanden, der seine meiste Zeit allein schreibend am Computer verbringt – in ihrer Funktion als sozialer Raum, als kollektive seance oder Lagerfeuer, um das sich alle möglichen Leute versammeln. Ich bin ein Quatschmaul, daher spreche ich in Galerien Unbekannte an und platze mit allem heraus, was mir zur gerade gezeigten Kunst einfällt. Wenn sich die Leute davon nicht allzu sehr verstören lassen, erzählen sie mir dann, was sie denken. Woraufhin wiederum ich ganz neue Dinge entdecke. Noch die abgehobensten Galerien sind Orte, an denen man sich mit einem kollektiven Bewusstsein kurzschließen kann. Bei uns in New York gibt es davon mehr als in jeder anderen Stadt, und der Eintritt ist frei.

Durch diese Ballung hunderter Galerien in ein paar Vierteln der Stadt haben wir einen breiten Ausschnitt der Kunstwelt ständig vor der Haustür. Das verändert sich derzeit – und es verändert sich rasant. Die heutige Kunstwelt verteilt sich weitflächig, alles geschieht überall zugleich. Galerien wickeln einen Teil ihrer Geschäfte direkt mit den Sammlern ab, die auf ihre Ausstellungen kommen. Aber dieser Anteil schrumpft. Der Verkauf läuft das ganze Jahr über, auf Kunstmessen, Auktionen, Biennalen und großen Ausstellungen, aber auch online über JPEG-Dateien und sogar Sammler-Apps. Die Ausstellung in einer Galerie ist gleichsam nur noch eine von vielen Speichen im globalen Rad. Von vielen Händlern hört man, dass einige ihrer Sammler nie den Fuß in die physischen Räumlichkeiten setzen. Im Leben der Kunst spielt das Galerietreiben - der geliebte Dreh- und Angelpunkt meines Lebens als Betrachter - nur noch eine eingeschränkte Rolle. Und es kommt mir so vor, als verkümmere dabei auch mein Verständnis von Kunst - und die Selbsterkenntnis, die aus der Beschäftigung mit ihr wächst.   ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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