Garry Winogrand fotografierte Amerika, als die Dämme brachen

20.08.2014

Der Fotograf Garry Winogrand war nachtsichtig. So erkannte er nicht nur die dunkle Seite seiner eigenen Ära, in seinem Sucher sah er auch schon die ersten Zeichen unserer aktuellen, hoffnungslos polarisierten, zerklüfteten Zeiten aufblitzen – ihre Paranoia, ihren Zorn, ihre blinde Moral.

Winogrand – geboren 1928 – fing mit 20 an zu fotografieren und hat danach die Kamera sein ganzes Leben lang nie mehr weggelegt. Und ich meine: Nie. Er zog wie ein Meteor von Stadt zu Stadt, von Viertel zu Viertel und kehrte dabei immer wieder an bestimmte Orte zurück. Er fotografierte Menschen, die von Sehnsucht, von Resignation, vom Gefühl der Unsichtbarkeit gezeichnet waren. Er sprach von sich selbst als einem „Zigeuner“ und spähte durch den Dunst eines sich verändernden Amerikas, sah zerbrechliche Invaliden, reiche Menschen mit feuchten Augen, Gestalten, die in ihren Rollen gefangen oder in ihrem Hass erstarrt scheinen wie pompeijanische Gipsfiguren. Die Unmittelbarkeit seiner Bilder wirkt fast erschreckend, die Nähe zu seinen Objekten aggressiv.  ... weiterlesen

Platz ist sexy: Offener Brief ans Met Museum

28.05.2014
Hat viel vor: Metropolitan Museum in New York (Foto: dpa)
Hat viel vor: Metropolitan Museum in New York (Foto: dpa)

Liebes Metropolitan Museum of Art,

Meinen Glückwunsch zur Ankündigung, Deinen Lila Acheson Wallace-Flügel für moderne und zeitgenössische Kunst komplett neu zu bauen. Das ist nicht nur ein netter Schuss vor den Bug der anderen New Yorker Museen: Indem Du das ganze Ding, wie es scheint umstandslos, abreißt, gestehst Du ehrlich und gradheraus, dass es die schwächste und schlechtest eingerichtete Sektion Deiner glorreichen Schatzkammer ist. Dies übrigens schon seit ihrer Eröffnung 1987.

Dein Entschluss kommt genau zur richtigen Zeit. Das Whitney wird erstmal vollauf damit beschäftigt sein, sich in seiner neuen Downtown-Heimat einzuleben (wir drücken Dir alle die Daumen, Whitney); das MoMA begeht derzeit Selbstmord durch Architektur (Herr Lowry, reißen Sie diese Ausbaupläne ein!); was im Guggenheim läuft, ist völlig unklar; und das Brooklyn Museum hat zwar ganz wunderbare Räume, aber keine Ahnung, wie man sie sinnvoll mit der tollen Sammlung bestücken soll.  ... weiterlesen

Die Nacht ist die ideale Zeit, um durchs Metropolitan Museum zu schlendern

19.02.2014
Am besten am Abend: Metropolitan Museum of Art (Foto: dpa)
Am besten am Abend: Metropolitan Museum of Art (Foto: dpa)

Meine Frau und ich haben seit langem ein regelmäßiges Freitagabend-Rendezvous im Met. Freitags und samstags hat es bis neun Uhr abends auf und man erlebt um diese Zeit ein ganz anderes Museum. Die Touristen haben sich schon davon gemacht; die Stimmung am Abend wirkt wesentlich beschaulicher und erinnert an die Zeiten, als Museen noch eher geheimnisvolle als betriebsam wimmelnde Orte waren. Man begegnet anderen Stammgästen, grüßt sie lächelnd und fühlt sich ihnen im Wissen um die besondere Situation verbunden.

Zu unserem Ritual gehört auch der Besuch der Cafeteria im Untergeschoss, wo wir uns einen schwarz-weißen Cookie teilen. Manchmal schauen wir auch in der eleganten Balcony Bar in der Empfangshalle vorbei, wo an den Abenden ein Kammerensemble spielt. In die Livemusik mischt sich der Hall von schepperndem Geschirr, und man fühlt sich ein bisschen an die Piazza San Marco in Venedig erinnert.  ... weiterlesen

Die unglaubliche Skulptur des Boxers von Quirinal im Metropolitan Museum of Art

08.07.2013

Ich habe beim schockierenden Ablick des ruhenden „Boxer von Quirinal“ völlig die Fassung verloren. Sehen kann man dieses erstaunliche Meisterwerk des Hellenismus (323-31 v. Chr.) nur noch bis zum 18. Juli in der langen Eingangshalle zum griechischen und römischen Flügel des Metropolitan. Ich stand wie vom Donner gerührt. Mir versagte alle psychische Abwehr, und die Skulptur eroberte sich widerstandslos einen Platz in meinem geistigen Museum. Sie gehört zu den großartigsten Werken der abendländischen Kunst, die ich je gesehen habe. Ein Meisterwerk voll unglaublichem Pathos, voller Tiefe, Menschlichkeit und Fremdheit; es vermischen sich darin wortlose Geheimnisse von Material und Ich. Ich erkenne dunkle, innere Tiefen, etwas Brutales, Brütendes, Schönes, Gewaltiges - eine in sich geschlossene Insel im Werden. Einen knotigen, muskelbepackten und geschundenen Berg, wie ein Minotaurus. Mir war, als hörte ich ein barbarisches Geheul.

Die Pose: Er ist ein gewaltiger Mann, nackt bis auf die ledernen Boxerbandagen um Handknöchel und Unterarm. Er sitzt auf einem Fels und wendet sich rechts nach hinten um, als errege etwas seine Aufmerksamkeit. Vielleicht ahnt er aber auch, dass man einer solchen fast animalischen Erscheinung nicht in die Augen blicken kann - eine Momentaufnahme, aber zugleich wirkt die Skulptur zeitenthoben und elementar. Verdammt.  ... weiterlesen

"Photography and the American Civil War" im Metropolitan Museum of Art

03.05.2013

Die Sklaverei ist für die USA wie eine Art ständige Agonie im Garten Gethsemane – unser Land hält einen Kelch, den es nie weiterreichen kann. In „The Fire Next Time“ schreibt James Baldwin über die „Vergangenheit des Negers aus Stricken, Feuern, Folter, Kastration, Kindsmord, Vergewaltigung ... aus Angst am Tag und in der Nacht, einer Angst, die sich bis tief ins Mark frisst“. Dieser Erfahrung kam das weiße Amerika nie so nahe wie im Jahr 1861, als das Land über Rasse und Geld entzweigerissen wurde.
Die unglaublich bewegende, schockierende Ausstellung “Photography and the American Civil War” im Metropolitan Museum of Art öffnet mit rund 200 Fotos in elf Räumen den Blick auf einen so tiefen Schmerz, ein so eindringliches Bild körperlicher und psychischer Verwüstung, dass man als Betrachter einen stummen Schrei zu hören glaubt.

Man bewegt sich durch diese Räume – durch kohlefarbene Galerien und mit Leinwand bespannte Wänden – stumm, andächtig, erschüttert; in sprachloser Pietät steht man vor dem unbeschreiblichen Elend und dem fast biblischen Leid auf den Bildern. Man muss an D.H. Lawrences Worte denken: „Verflucht! Verflucht! Verflucht! Etwas wispert in den tiefdunklen Bäumen Amerikas: Verflucht!“. Ich kann mich nicht erinnern, jemals, irgendwo, eine vergleichbar ergreifende und pathosschwere Ausstellung gesehen zu haben.  
Der Katalog wirkt kitschig, wie ein oberflächlicher Bildband. Aber im Vorwort erklärt der ausgezeichnete Kurator Jeff L. Rosenheim, dass die Ausstellung „keine Geschichte des Bürgerkriegs erzählt, sondern die Rolle der Kamera in diesem prägenden Moment der amerikanischen Kultur untersucht.“ Das stimmt und stimmt nicht.  ... weiterlesen

„Impressionism, Fashion, and Modernity" im Metropolitan Museum New York

19.04.2013

Kein seismischer Schock hat die abendländische Kunst so heftig erschüttert wie der französische Impressionismus. Zwischen 1860 und 1880 schien es, als treibe ein verrückter Bombenleger sein Unwesen in der Pariser Kunstwelt. Die Öffentlichkeit lehnte die Bewegung gnadenlos ab. Auch das Establishment der Künstler und Kritiker stemmte sich vehement gegen die kleine Gruppe sehr junger Künstler. Sowohl die offizielle akademische Kunstwelt Frankreichs wie das breite Publikum spürten offenbar, wie man ihnen vor zornstarren Augen das gesamte Vokabular zerfledderte.

Zum Impressionismus gehören so unterschiedliche Künstler wie Édouard Manet, Claude Monet, Mary Cassatt, Berthe Morisot, Camille Pissarro, Pierre-Auguste Renoir, Edgar Degas, Paul Cézanne, Frédéric Bazille, Gustave Courbet und Paul Gauguin. Zu Lebzeiten mehrheitlich verschmäht, gehören sie heute zu den berühmtesten Künstlern, die jemals gelebt haben. So flächendeckend war ihr Siegeszug, dass der Impressionismus heute sogar ziemlich überrepräsentiert wirkt. Er steht für den Durchschnittsgeschmack, ein Zauberwort, mit dem Museen Publikum ziehen können. Aus heutiger Sicht und nach all den Neuerfindungen der Kunst fällt es schwer, die einstige Aufregung nachzuvollziehen.  ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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