Jerry Saltz über Wade Guyton in der Galerie Petzel

29.01.2014

Die Frage war, was Wade Guyton wohl tun würde? Das letzte Mal haben wir ihn 2012 mit einer Komplettretrospektive im Whitney Museum gesehen, wo er sich mit seinen Arbeiten auf Microsoft Word, Adobe Photoshop, mit Bitmap-Dateien und Tintenstrahldruck auf Leinwand gewissermaßen nicht-malend in eine Ecke gemalt hatte. Einerseits erweiterte er dabei aufs Erstaunlichste die Grenzen dieser technologischen Mittel und präsentierte zugleich eine ganz eigene, offene Methode der Bildproduktion, die dort anknüpfte, wo Künstler wie Reinhardt, Kelly, Warhol, Robert Morris, Dan Flavin, Christopher Wool und die Appropriations-Szene aufgehört hatten. Dabei ging es Guyton sozusagen um den mathematischen Betrag des malenden Subjekts – es war zugleich anwesend und dann wieder doch nicht, in einem undeutlichen Feld zwischen Malerei und Druck, Computer und Printer, und es hing ganz von der Datenübertragung ab. Zwei der Para-Gemälde aus der Retrospektive haben mir so gut gefallen, dass ich den Künstler Vincent Zambrano mit zwei originalgetreuen Kopien beauftragt habe, nach TIFFs der Vorlagen, die dann mit dem Adobe Illustrator bearbeitet wurden. Sie sind toll geworden.

Ein Manko lag darin, dass Guyton zwar den Pinsel und den Akt des Malens neu erfand – was ja keine geringe Leistung ist – aber in der Bildsprache und der Gestaltung doch auf recht vertraute Strategien der Moderne, des Minimalismus und des Postminimalismus setzte. Streifen, Linien, Punkte, geometrische Anordnungen und andere abstrakte Genremotive – alles kam aus der Classic-Rock-Ära der Malerei. Diese kompositorischen Ticks wirkten eher nostalgisch und bemüht als innovativ, deutlich weniger originell oder abenteuerlich als die außergewöhnliche Art der Herstellung. Ihren Glamourfaktor verdanken die Arbeiten zumindest zum Teil Guytons gutem kunsthistorischen Geschmack.  ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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