Jerry Saltz' "Hit"-Liste mit Banksys (sogenannten) künstlerischen Arbeiten: Von abstoßend bis passabel

04.11.2013

Unser einmonatiger Schnarchmarathon ist vorüber. Der britische Selbstpromoter und Batman der Graffiti hat seine Tätigkeit als „Resident-Künstler in New York“, während der er ein Werk pro Tag gefertigt hat, beendet. Verabschieden wir uns also von den Touristen-Flashmobs, die von Bild zu Bild strömen und sich selbst fotografieren; von der leichten Beute für Boulevardblätter und lokale TV-Teams; von Frechheit mit dem Vorschlaghammer, von einer umwerfenden bildnerischen Banalität und wohlfeilen politischen Kommentaren auf unseren New Yorker Wänden. Es spielt keine Rolle, dass die Banksy-Fans auf dem Weg zum jeweils neuen Banksy an mindestens einem Dutzend viel aufregenderer Werke achtlos vorbeigerannt sind – es gibt keinen Graffitikünstler mit einer auch nur halbwegs vergleichbaren PR-Maschine. Man kann fast hören, wie er auf dem Weg zur – je nun - Bank in sich hineinlacht.

Einige Arbeiten sind mittlerweile schon wieder entfernt und die Besitzer rechnen vermutlich in fünf- bis sechsstelligen Beträgen. Schön für sie. Die Werke, die noch geblieben sind, wirken nun wiederum ohne den Glanz der hysterisierten Öffentlichkeit so trivial, genrehaft und langweilig, wie sie es ja tatsächlich auch sind.  ... weiterlesen

Jerry Saltz über New Yorker Graffiti-Künstler, Banksy und die Furcht vor Al-Dschasira

28.10.2013

Neuer Tag, neuer Banksy. Diesmal tauchte er in der 24. Straße West auf (sein zweiter oder dritter Auftritt in der Nähe der Galerien; mich dünkt, der Meister protestiert arg viel). Das Motiv: ein idiotischer Hund, der an eine Art Hydranten pinkelt. Über dem Hydranten sieht man eine Gedankenblase. Darin steht: „Durch dich werde ich erst komplett.“ Ach ja? Das finden also alle so „großartig“ und „wichtig“ und politisch pointiert? Echt jetzt? Gestern war ich als Experte für einen Fernsehbeitrag zu dem Bild unterwegs, diesmal für Al-Dschasira. Dabei habe ich zwei Erfahrungen gemacht – so richtige, keinen aufgebauschten Blödsinn. 

Wenn ich die Leute sonst für solche Interviews frage: „Hey, würden Sie vielleicht mit mir fürs Fernsehen über dieses Kunstwerk sprechen“, dann sagen eigentlich alle immer ohne zu Zögern ja. Sie stellen sich vor die Kamera; ich zeige auf das Bild, um das es geht, und sie werfen sich in Pose. Dann fragen sie: „Ach so, für welchen Sender ist das denn überhaupt?“ Gestern also: „Für Al-Dschasira.“ Und boah! – Fast alle wurden nervös und haben gezögert. Sie sagten zum Beispiel: „Also, ich weiß nicht recht ...“ oder: „Sind die nicht böse?“ Die meisten haben schließlich abgelehnt. Ich habe daraufhin ziemlich konsterniert auf sie eingeredet: „Aber nein, es ist völlig okay. Ich bin ein jüdischer Kunstkritiker.“ Geholfen hat das nicht das Geringste. Und ich stand da allein, während die Leute mich angeschaut haben, als sei ich die Arab Street in Singapur.  ... weiterlesen

Erleben Sie Jerry Saltz, wie er vor dem neuen Banksy ein spontanes Kunstseminar hält

23.10.2013
Neues Banksy-Graffito in New York (Foto: dpa)
Neues Banksy-Graffito in New York (Foto: dpa)

Wie ich schon letzte Woche geschrieben habe, ist mir Banksy - der Straßenkünstler als börsenträchtige Marke, der virtuose Entertainer – ziemlich egal. Seine schwarz silhouettierten Figuren, die er heimlich auf die Mauern der Stadt malt, wirken auf mich wie formelhafte, etwas bemühte Politcartoons – Anarchie-Light. Medienhype, pseudopunkiger Agitprop, Design, Werbung, amüsanter Boulevard. Dass er seine Identität geheim hält, gibt der ganzen Sache nur einen gewissen zusätzlichen Reiz des Verbotenen; dass eins seiner Werke mehr als eine Million Dollar bei einer Auktion eingebracht hat, verleiht ihm den Status einer Celebrity im Medienzirkus.

Was alles übrigens durchaus unterhaltsam ist. Aber Banksys künstlerisches Denken beruht auf Wiederholung; kennt man eins seiner Bilder, kennt man im Grunde alle. Seine Illustrationen verhalten sich zu Kunst wie „The Amazing Race“ – ein Reality-TV-Format, das die konkurrierenden Kandidaten um die ganze Welt schickt – zum Reisen, oder wie die Promi-Casting-Show „Dancing with the Stars“ zu Ballett.  ... weiterlesen

Warum ich Banksy jetzt noch mehr hasse!

21.10.2013
Du machst mich erst komplett? Eine Banksy-Arbeit über die Dialektik von Hund und Hydrant(Foto: dpa)
Du machst mich erst komplett? Eine Banksy-Arbeit über die Dialektik von Hund und Hydrant(Foto: dpa)

Seit Banksy mit seinem cleveren Kunstdings in New York aufgetaucht ist, kriege ich hier Interviewanfragen ohne Ende; CBS, MTV, Radio, Zeitungen und was es sonst noch so gibt. Ich habe sie alle mit derselben Begründung abgelehnt: „Banksys Arbeit hat mich eigentlich nie besonders interessiert.“ Seit letzten Donnerstag ist alles anders. Aber so richtig.

Die Stephen-Colbert-Show hat bei mir angerufen.

OMG! OMG! OMG!

Ich war total aus dem Häuschen. Wahrscheinlich habe ich mich wie ein Komplettirrer benommen. Schnaufend bin ich mit nur einem Schuh am Fuß durch die Wohnung gehüpft. Die Person, die mich im Namen der Show anrief, meinte, man wolle mich für einen Einspieler auf die Straße stellen, wo ich ein paar normale Graffiti-Writer „kritisieren“ sollte, die Bilder auf die Studiomauern malen würden. Ich bin mir nicht ganz sicher; ich war am Hyperventilieren. Danach, meine ich mich zu erinnern, wollte Stephen in der Sendung Banksy dazu überreden, seine Wohnung zu bemalen oder sowas. Und dann sollte ich vor dem Mikro auftauchen und ein paar Worte über Banksy sagen.  ... weiterlesen

Banksy ist in New York und er könnte Sie irre reich machen!

17.10.2013
Die Berichte sehen alle ziemlich gleich aus: Fotografen vor einem Banksy-Werk (Foto: dpa)
Die Berichte sehen alle ziemlich gleich aus: Fotografen vor einem Banksy-Werk (Foto: dpa)

Wieder einmal hat ein poppiger Kunstzirkus seine Zelte in der Stadt aufgeschlagen. Der weltberühmte britische Graffiti-Künstler Banksy stellt seine prominente Kunstmarke in New York vor. Banksys Ruhm – es gibt sogar einen erfolgreichen Dokumentarfilm über ihn - beruht auf realistischen Schwarz-Weiß-Darstellungen von Ballons, Ronald McDonald, Micky Maus, Militäreinsätzen, Straßenprotesten und ähnlichem, mit denen er die urbanen Fassaden bemalt.

Während seines Aufenthalts in New York will er nun einen Monat lang jeden Tag an verschiedenen Orten ein solches Kunstwerk platzieren. Die Aktion wird gut promotet. Auf Twitter erfährt man, wo er seine Bilder gemalt hat; daraufhin schwärmen seine Fans aus, um sie als erste zu sehen; sie fotografieren sich mit den Arbeiten und twittern diese wieder in die Welt; und dann strömen nach Flashmob-Art natürlich noch mehr Leute herbei. (Eine interaktive Karte der über die Stadt verteilten Banksy-Werke gibt es hier, mehr Fotos hier.)  ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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