Über Neo-Manierismus, ein neues und tückisches Kunstklischee

22.10.2013
"Wenn man mit dem Zeug dealt, sollte man die Finger davon lassen“: Keith Richards weiß als Herr der Finsternis, wohin die manieristische Selbstbezüglichkeit führt (Foto: dpa)
"Wenn man mit dem Zeug dealt, sollte man die Finger davon lassen“: Keith Richards weiß als Herr der Finsternis, wohin die manieristische Selbstbezüglichkeit führt (Foto: dpa)

Nennen wir es Neo-Manierismus. Jeder kennt das Phänomen: Als scheinbar ständig wachsende Häufung von blutleeren, langweiligen, komplett risikofreien künstlerischen Klischees, die den aktuellen Kunstbetrieb erstickt. Vor ein paar Tagen habe ich anlässlich einer (sehr guten) Ausstellung von Bjarne Melgaard eines dieser Klischees ausgeführt: die Bad-Boy-Installation, die nach Transgression schmeckt, ohne tatsächlich viel zu übertreten. Das hat mich auf eine weitere Unart gebracht. Man begegnet ihr noch öfter, aber sie ist nicht weniger ärgerlich.

Jede Menge Künstler versuchen sich derzeit als Nachwuchs-Postmodernisten. Immer häufiger sieht man Werke, die man vielleicht „schwach-abstrakt“ nennen oder als „Schule der Nachahmer“ identifizieren könnte. Man findet sie überall und sie sehen alle gleich aus. In der Skulptur wirkt sich das als Anarchie Light aus: postminimalistische, höfliche Arrangements aus sperrigem Zeugs wie Stöcken, Dielen, verbogenem Metall, Holzkisten, Stoffen, alten Möbel, Betonkram und Ähnlichem, das in sauberen, weißen Galerieräumen herumsteht, an die Wände gelehnt, auf dem Boden gestapelt, gesteckt, geschichtet oder im Raum verstreut. Meistens gibt es dazu irgendeinen Subtext zu Verschwendung, Nachhaltigkeit, Politik, Urbanismus oder Kunstgeschichte – wobei sich letztere fast immer gradewegs auf "Artforum"-Ausgaben der 60 und 70er bezieht oder aus den Lehrplänen von Hochschulprofessoren stammt, die ihre Studenten so eingeschüchtert haben, dass sie nur noch schäfchenhaft brav, epigonisch und gewöhnlich arbeiten können.    ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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