Das Imperium quasselt zurück: Stefan Simchowitz reagiert auf sein großes Porträt im "New York Times Magazine"

08.01.2015
Stefan Simchowitz (Bild: Getty Images)
Stefan Simchowitz (Bild: Getty Images)

Im ersten großen Artikel über Kunst in diesem Jahr geht es nicht um Kunst, sondern um Sex von Geld mit jungen Künstlern. Gerade hat das "New York Times Magazine" ein ausgewogenes, 5000 Wörter langes Porträt des selbsternannten "Sammlers/Händlers/Beraters" Stefan Simchowitz aus Los Angeles veröffentlicht. Die Überschrift lautet: "Mäzen Satan: Warum hasst die Kunstwelt Stefan Simchowitz?"

Zum Text sieht man ein Foto des massigen, nur mit schwarzen Unterhosen und Socken bekleideten Simchowitz. Er wird umringt von drei untätigen, aber angezogenen Frauen, die sich vor seiner maskulinen Blöße abwenden, während er – anzunehmen: geschäftlich – telefoniert. Die Szene erinnert an jene schmierigen Akademiegemälde des 19. Jahrhunderts, auf denen sich biegsame Damen räkeln und mittendrin regiert irgendein Sultan sein Reich. Das Fotomotiv sei seine Idee gewesen, sagt Simchowitz dazu. Es solle "als zugleich Karikatur und Performance zu einer theologischen Exegese darüber anregen, wie man sich einerseits vor der Kunstwelt auszieht und andererseits die Kunstwelt selbst auseinandernimmt." Je nun. Unmittelbar nachdem der Artikel Online stand, erschien ein lustiger Tweet des Künstlers Richard Prince, der meinte, dass er "Zuhälter, Sackgassen und hübsche Gemälde" gut fände und "diese Kibbuz-Geschichte im Reality-TV-Format" aus der New York Times als Drehbuch für einen Hollywoodfilm eingereicht habe, der entweder "Mäzen Blödmann" oder – als Anspielung auf Simchowitz’ Schiebermethode des billigen Ankaufs und teuren Verkaufs - "Wippe" heißen solle.

Im Porträt erklärt Simchowitz, dass sein Unternehmen Simcor einem Künstler "Feuer" und "Momentum" verschaffe. Er erzählt, dass er "Bevollmächtigte" in jene Galerien schicke, die ihn auf ihrer "Schwarzen Liste" führten, meint, dass er in die "kulturelle Produktion investiert" und behauptet, die 1500 Werke seiner Sammlung hätten einen Wert von ungefähr 30 Millionen Dollar. Er nennt andere Händler und Berater "Parasiten", findet das Werk eines seiner Künstler "schwach" und instruiert daraufhin trotzdem einen Assistenten, "das ganze Studio zu kaufen, und zwar sofort, Signatur hinten drauf, Fotos – das volle Programm."

Nachdem im letzten März eine ähnliche Geschichte erschienen war, hatte ich einige Zitate zusammengestellt und einen skeptischen Kommentar gewagt, worin ich Simchowitz etwas paranoid-alarmistisch "einen Sith-Lord" nannte. Daraufhin zog er auf meiner persönlichen Facebook-Seite über mich und jeden her, der nicht seiner Meinung war, und er beschimpfte ausgezeichnete Händler wie Michele Macarrone und Gavin Brown. (Brown postete am nächsten Tag als Antwort einen abgeschlagenen Pferdekopf.) Die meisten verstanden Simchowitz’ Einlassungen nur als das übliche, aber wahnsinnig laute Kunstberatergerede, aus dem sich vor allem ablesen ließ, wie marktbezogen die Kunstwelt sich derzeit entwickelt. Simchowitz stand als Statussymptom und Statthalter für die tatsächliche und symbolische Rolle, die Geld und Machtgehabe heute in der Kunstwelt – oder, wie er sie nennt, der "Kulturindustrie" – spielen.

Diesmal beehrte er, noch vor dem Erscheinen des Times-Artikels, die Facebook-Seite der Kunstbloggerin Paddy Johnson. Mehr als 5000 Wörter lang ließ er sich über das Porträt aus, beschwerte sich, verteidigte und analysierte es. Zwei Tage später schrieb er nochmal 5000 Wörter auf die Facebook-Seite von Hrag Vartanian, der in seinem großartigen Blog "Hyperallergic" immer wieder Geldleute wie Simchowitz auseinandernimmt. (Beleidigt hatte ihn Vartanian, als er in seinem Blog fragte, ob "jemandem was zu dieser Simchowitz-Sache einfällt".) Und zuguterletzt veröffentlichte er auf seiner eigenen Facebook-Seite noch eine ebenso lange "GEGENDARSTELLUNG", in der er krähte: "Ich habe die Post-Internet-Kunst als Bewegung entdeckt; ich habe Marinettis Manifest und seine Kunsttheorie gelesen; ich bin keine Nachrichtenagentur, nur ein Exhibitionist...". Usw.

Der entscheidende (und für mich deprimierende) Unterschied bestand diesmal aber in den Antworten diverser Künstler auf seine Kommentare. Viele Künstler fühlen sich vom System ausgeschlossen und hoffen auf dessen Erneuerung. Immer mehr Künstler scheinen der zynischen Meinung, dass "die ganze Kunstwelt stinkt - und Simchowitz nicht mehr als der Rest." Viele halten Simchowitz für eine Art aufrechten Rebellen, der die böse und hermetische Welt der Galerien erobert und ihr Geld verteilt. Zahlreiche Künstler klicken "Gefällt mir" bei allem, was Simchowitz sagt. Sie finden ihn gut, weil er "die Ordnung des Systems bedroht... das nun zurückschlägt"; "die komplexe akademische, journalistische und institutionelle Infrastruktur herausfordert, die der Kunstwelt zur Preisabsprache dient"; "das insiderische, korrupte Netzwerk der etablierten Händler aufmischt"; "für einen frischen Wind steht, mit dem ich persönlich gerne zusammenarbeiten würde" (sic!). Der große Berater/ Kurator Kenny Schachter fasste es treffsicher zusammen: "Schieb dein Geld rüber, Simcho, es gehört alles dir."  ... weiterlesen

Neuer Zynismus: Stefan Simchowitz als Inbegriff des Spekulanten-Sammlers

07.04.2014

Im letzten Jahr konnte man zusehen, wie Sammler und Auktionshäuser sich ihren eigenen Kunstmarkt schaffen. Sie lassen dabei im wesentlichen Händler, Galerien und Kritiker außen vor und suchen sich ihre Künstler nach eigenen Maßstäben. Dann kaufen sie deren Werke billig in größeren Mengen ein und speisen sie zu erheblich erhöhten Preisen in ein Netzwerk aus gleichgesinnten Spekulanten-Sammlern ein. So konnte man den Aufstieg von – vor allem männlichen – Künstlern in den frühen 20ern beobachten, die allein durch die Profitrate für Gesprächsstoff sorgten.

Der ärgerliche Trend selbst wurde nur gelegentlich thematisiert – bis das Online-Magazin Artspace ein sehr langes Interview von Andrew Goldstein mit dem seiner eigenen Meinung nach "eminenten Sammler" Stefan Simchowitz veröffentlichte. (Ich bin einer der Leute, die Simchowitz im Gespräch kritisiert, aber das ist mir eigentlich egal.) Der Text versammelt in fünftausend Worten alles, was an dieser neuen Spezies so abstoßend ist. Nennen wir die Strömung Neuer Zynismus ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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