Ikonoklasmus heute: "Charlie Hebdo" und die tödliche Macht der Bilder

09.01.2015
Solidaritätsbekundung in Cannes (Foto: dpa)
Solidaritätsbekundung in Cannes (Foto: dpa)

Wir alle sind entsetzt über die Terroristen, die mit dem Kampfschrei "Wir haben den Propheten Mohammed gerächt! Allahu akbar!" Menschen umbringen, weil sie Bilder des Propheten Mohammed gezeichnet und veröffentlicht haben. Aber nochmal – und ohne das Problem des ideologischen Fanatismus vereinfachen zu wollen oder damit anzufangen, wie arrogant, rotzig oder widerlich die Cartoons waren (in den USA wäre angesichts von regelmäßig erscheinenden rassistischen oder antisemitischen Cartoons die Hölle losgewesen; wobei Gewehre natürlich das Ende aller Differenzierung bedeuten): Diese gezielte und geplante Tat wurde wegen einer Zeichnung verübt.

Wegen Bildern zu morden hat dabei ebenso primitive Wurzeln und einen ebenso komplexen Hintergrund wie jemanden zu ermorden, weil er oder sie an den einen und nicht den anderen tatsächlichen oder fiktionalen Gott glaubt. Alle vier großen monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum, Islam und Zoroastrismus – beruhen auf dem alten Testament. Über das Bildschaffen steht im zweiten Gebot: "Du sollst dir kein Gottesbild machen ... Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifersüchtiger Gott." Das bedeutet zweierlei: Zum einen gestattet Gott Abstraktion und unbehauenen Stein (neolithische Kreise und dergleichen) und verbietet realistische Bilder. "Verflucht sei, wer einen Götzen oder ein gegossenes Bild macht." Zum anderen weiß dieser Gott, dass es da draußen andere Götter gibt – in Griechenland, Rom oder Ägypten, zwischen Tigris und Euphrat, in den Steppen, in Nordafrika, dem subsaharischen Afrika, im Mittelmeerraum, auf dem indischen Subkontinent und im Fernen Osten. Das autoritäre Bildverbot steht auch im Koran.  ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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