Die ersten Berichte von der Biennale klingen toll, aber ...

06.06.2013
Was Saltz auch verpasst hat bislang: Das Boot "Trafaria Praia", das zum portugiesischen Pavillon gehört, vor einer Außenskulptur von Mark Dion (Foto: dpa)
Was Saltz auch verpasst hat bislang: Das Boot "Trafaria Praia", das zum portugiesischen Pavillon gehört, vor einer Außenskulptur von Mark Dion (Foto: dpa)

Sie sollten heute nicht auf mich hören. Ich bin einfach vergrätzt, weil ich letzte Woche wegen meiner sozialen Behinderung die gigantische Sause zur Eröffnung der Biennale in Venedig ausgelassen habe. Stattdessen habe ich hier geackert, den Yankees beim Verlieren zugesehen und mich nebenbei durch hunderte von Bildern gewühlt, auf denen sich gefühlte 50.000 VIPs auf den Füßen standen – sie stürzten sich gemeinsam, auf Gruppenfrühstücken, ausgiebigen Mittagessen und Galadinners, Afterpartys und Absackern ins Gewimmel.

Ich bin wirklich gern unter Leuten und habe an solchen Dingen durchaus auch meinen Spaß. Aber im Grunde bin ich dafür nicht gebaut und werde dabei schnell zapplig. Meine Frau und ich fliegen daher nächste Woche nach London, während der Kunsttreck aus Businessgründen nach Basel weiterzieht. Erst danach machen wir uns nach Venedig auf und schauen uns die Kunst an – wenn alle anderen schon wieder zu Hause sind. Auf diese Weise kann ich mich umsehen, ohne ständig „Quatscht nicht soviel, ich kann mich nicht denken hören“ zu meckern und dabei meine Behinderung zu offenbaren, die natürlich sofort irgendein Lauscher in die Welt tweeten würde. Voila.  ... weiterlesen

Venedig verliert ein wirklich großartiges Kunstwerk – aus einem wirklich dummen Grund.

08.05.2013

Man kennt die Abläufe: Eine Handvoll Politiker und Bürgersleute fühlen sich aus künstlerischer Ignoranz von irgendeinem Kunstwerk im öffentlichen Raum beleidigt und versuchen sogleich, es mit Riesenbohei loszuwerden. Das Muster bleibt sich dabei stets gleich. Es regt sich zwar sonst niemand weiter auf, aber sowohl Kommunal- wie Staatspolitiker versetzt der Gedanke, sich für die Kunst ein bisschen ins Zeug zu legen, so in Panik, dass sie lieber gleich den Schwanz einziehen.

Vor allem natürlich, wenn ein Penis oder eine Vagina im Spiel ist UND die Skulptur zufällig an einem der außergewöhnlichsten Plätze der Christenheit steht. Willkommen zur Farce-Version von „Tod in Venedig“. Jahrzehntelang durfte die Punta della Dogana – ein dreieckiges Zollgebäude aus dem 17. Jahrhundert, das auf einer spitzen Stadtzunge zwischen dem Canal Grande und dem Canale della Giudecca steht – vor sich hinrotten. Schließlich handelte die Stadt Venedig mit dem französischen Luxusgütermagnaten und Fantastillionär Francois Pinault einen Pachtvertrag über 33 Jahre für ein öffentliches Museum aus. Zur Eröffnung 2009 stellte man vor dem Gebäude Charles Rays hypernaturalistischen, schneeweißen, zweimeterfünfzig hohen „Boy with Frog“ auf. Die Skulptur zeigt einen nackten Jungen, der einen großen Froschen an den Hinterbeinen hochhält. Wegen der Größe, der Nacktheit und seines klassisch-realistischen Stils denkt man dabei sofort an David.  ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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