Fantastisch, fürchterlich: Jeff Koons' Retrospektive in New York

01.07.2014
Jeff Koons bei der Eröffnung seiner Retrospektive im Whitney Museum (Foto: dpa)
Jeff Koons bei der Eröffnung seiner Retrospektive im Whitney Museum (Foto: dpa)

Man hat es hier mit einer Helixstruktur zu tun: Es ist fantastisch, es ist fürchterlich. „Jeff Koons: A Retrospective“ ist über uns gekommen.

Man kann sich mit der Kunst der letzten dreißig Jahre nicht beschäftigen, ohne über Koons nachzudenken. Und zwar heftig. Ich habe seine Karriere aus nächster Nähe erlebt. Ich konnte beobachten, wie er sich in das Koons-Hologramm verwandelt hat, als das wir ihn heute kennen; wie er in den Galerien spätnachts oder auch während der Ausstellungen seine Skulpturen poliert hat; wie er seine Werke nicht verkaufen konnte; wie er fast pleiteging; wie er die Stücke zu Preisen losgeschlagen hat, die unter den Produktionskosten lagen.  ... weiterlesen

Jeff Koons' Album-Cover für Lady Gaga

08.10.2013

Ein neuer Tag, ein neuer Ständer von Jeff Koons, dem Teletubby der Kunstwelt: Cover-„Art“ für Lady Gagas kommendes Album „Artpop“. Gaga sagt, es hndele sich um "eine echte Darstellung meines Geistes durch seinen Geist". Was Sinn ergibt, wenn man feststellt, dass beide ihren Geist zwischen den Beinen tragen.

Das Bild sieht aus wie eine beschissene Version einer Roy-Lichtenstein-Skulptur oder eine Käsekuchen-Aufblaspuppe aus einem alten Pornoschuppen in der 42nd Street oder wie ein misogynes Barbara-Kruger-Poster. Auf dem Bild ist ein realistischer Abguss von Gaga, sitzend, uns ihre Titten anpreisend und mit weit gespreizten Beinen. Einer von Koons‘ glänzenden blauen Bällen liegt zwischen ihren Oberschenkeln. Der Ball ist nicht einer von Koons‘ üblichen Bällen, sondern aus spiegelndem Glas wie die, die seine jüngsten, klassischen Gipsstatuen begleiten. Gaga sitzt auf einem sockelartigen Ding mitten in einem Bild, das einem zerbrochenen Spiegel gleicht, mit Scherben von Botticellis „Geburt der Venus“.

Ich glaube, Gaga gebärt die Welt durch die Vermählung ihrer Vagina mit Jeffs Ball. Oder der Ball ist ihre Vorstellung von Vajazzling. Worum auch immer es in diesem Neo-Cicciolina-Schwachsinn geht, es sieht aus wie eine kümmerliche Arbeit irgendeines abgemeldeten Künstlers.  ... weiterlesen

Tun wir einmal so, als sei Jeff Koons ein Künstler: Über die zwei Riesenshows des Stars in New York

30.05.2013

Tun wir einmal so, als sei Jeff Koons ein Künstler. Kein zufriedener Star im schicken Anzug, den die großen Erstliga-Megasammler und Auktionshäuser als Crystal Meth benutzen. Nehmen wir an, er sei kein selbsternannter, komischer Familienmensch wie Mitt Romney, kein hohler Depp. Stellen wir uns vor, er wäre nicht derart leicht zu erledigen, dass sogar komatösen Kritikern wie John Yau vor seiner Kunst der Gaul durchgeht: Er zerriss Koons’ blumenreiches „Puppy“, um dann zuzugeben, dass er die Skulptur nie gesehen hatte. (Yau hat mich außerdem einmal in einem Text verdroschen, weil ich sie mag.)

Nehmen wir schließlich noch an, dass Koons’ derzeitige beiden Riesenshows – eine auf dem Kampfstern Gagosian auf der 24th Street, die andere in der Filiale von David Zwirners Reich an der West 19th Street – in weniger überfrachteten Zusammenhängen stattfänden und vielleicht sogar die Doppelausstellung von irgendeinem anderen 58-jährigen Künstler anregen könnten. Er wäre dann ein Künstler, der einige der aufs Nervigste paradoxen Skulpturen der letzten 30 Jahre verantwortet, Arbeiten, vor denen man sich peinvoll windet und zugleich ihre Geheimnisse enträtseln will. Dann würde man eine Koons-Ausstellung mit dem Gefühl verlassen, dass tatsächlich noch etwas hinter seiner Kunst steckt. So jedenfalls erging es mir.  ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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