Warum Oscar Murillos Marshmallow-Fabrik einen schlechten Nachgeschmack hinterlässt

19.05.2014

Mit seinen 28 Jahren ist Oscar Murillo ein Liebling des Kunstmarkts. Seine Werke gehen schon mal für für eine halbe Million Dollar weg, aber künstlerisch wirkt er wie ein Student. Seine Kunst sieht aus wie eine geschickte Kombination aus Julian Schnabel, Jean-Michel Basquiat und Joe Bradley, für den er angeblich gearbeitet, dessen Ansatz er jedenfalls stark verinnerlicht hat.

Nicht, dass es ihm an Talent fehlt: Seine beinah monochromen Abstraktionen auf Abdeckplanen oder die funky geometrischen Bilder mit Schriftzügen interessieren mich zwar nicht besonders, aber ich mag seinen angenehmen Sinn für warme Farben, den hübschen Strich und seinen ausgeprägten Ehrgeiz. Davon abgesehen unterscheiden sich seine Werke allerdings nicht im Geringsten von zahllosen anderen abstrakten Sachen, die im Moment und zu ständig steigenden Preisen bei den Spekulanten-Sammlern so beliebt sind.  ... weiterlesen

Es ist zum Augenraufen! Wie man Yayoi Kusamas Ausstellung auch ohne langes Warten sehen kann

19.12.2013
Jerry Saltz in der Yayoi-Kusama-Installation (Foto: Jerry Saltz)
Jerry Saltz in der Yayoi-Kusama-Installation (Foto: Jerry Saltz)

Die Menschen sind immer gern dabei, wenn irgendwo viele Leute dabei sind. Sie stehen auf den merkwürdigen Irrsinn und die Ekstase der Menge. Vor allem, wenn diese Menge aus Unbekannten besteht und sich sofort in eine Subkultur verwandelt, deren wesentlicher Daseinsgrund im Dabeisein liegt. Ein primitiver, tribalistischer Impuls. (Man sehe sich nur den weißesten Flash Mob seit Hockey an: SantaCon, wofür allein in New York 30000 Leute ohne weiteren Anlass als Weihnachtsfiguren verkleidet und trinkend durch die Stadt ziehen.)

Heutzutage liebt man den Menschenauflauf auch in der Kunst. So warteten lange Schlangen vor der technologischen Angeber-Installation „Rain Room“ im MoMA und vor James Turrells belangloser Lightshow mit dem Charme eines Einkaufszentrums im Guggenheim. In letzter Zeit sieht man sie auch vor Galerien. Seit der Eröffnung am 6. November stehen die Leute vor der David Zwirner Galerie am windigen Ende der 19. Straße an und warten auf ihre 45 Sekunden in Yayoi Kusamas "Infinity Mirrored Room — The Souls of Millions of Light Years Away." (Die Ausstellung endet diesen Samstag.)  ... weiterlesen

Wiedersehen mit David Zwirner

13.11.2013

Letzten Samstag. Das erste Mal, dass David Zwirner und ich einander wiedersahen, nachdem mein Essay über Mega-Galerien erschienen ist. Ich hatte gehört, dass er mich dafür kritisiert hatte. Lief hoch zu seiner Galerie in der 19. Straße. Als ich die Straße überquere, kommt ein Typ mit weit aufgerissenen Augen auf mich zu, mit erhobenen Händen, um mich zu wügen; kommt direkt auf mich zu, greift mir an den Hals. Ich greife ihm auch an den Hals. Es ist eine Todesspirale, ein Kampf auf Leben und Tod.  

Stefano Tonchi, Redakteur beim „W Magazine“ fotografiert die Szene.    ... weiterlesen

Das Problem mit den Mega-Galerien

16.10.2013
Vor einem Jahr eröffnet: die neuen Räume von Gagosian in Le Bourget, Paris. Im Bild: Anselm Kiefer "Morgenthau Plan", 2012 (Foto: dpa)
Vor einem Jahr eröffnet: die neuen Räume von Gagosian in Le Bourget, Paris. Im Bild: Anselm Kiefer "Morgenthau Plan", 2012 (Foto: dpa)

Nichts in der Kunstwelt wird derzeit so häufig diskutiert und sorgt so zuverlässig für Betroffenheit wie die vier Kolosse. Gagosian, Hauser & Wirth, David Zwirner und Pace sind wie Elefantenbullen, Galerien, die überall und ständig herumtrampeln und dabei Künstler, Geld und Aufmerksamkeit abräumen. Dank ihrer enormen räumlichen und finanziellen Ressourcen, den weitverzweigten Filialen, der gut geölten Geschäftsmaschine, den großen Belegschaften und einem gut vernetzten Marketing legt sich ihr Schatten schwer über die gesamte Szene. Sie halten viele tausende Quadratmeter in New York allein und noch viel mehr im Rest der Welt.

Jedes einzelne der Unternehmen hat klein angefangen, getrieben von den jeweils komplexen persönlichen Ideen und Exzentrizitäten ihrer Gründer, und sie alle haben sich von dort aus zu mächtigen Unternehmen entwickelt. Alle vier stehen für Erfolg, Berühmtheit, Spektakel, luxuriöse Budgets, Schamlosigkeit, Kommerz und Monomanie. Man könnte sie Conquista-Galerien nennen. Oder Todessterne.  ... weiterlesen

Tun wir einmal so, als sei Jeff Koons ein Künstler: Über die zwei Riesenshows des Stars in New York

30.05.2013

Tun wir einmal so, als sei Jeff Koons ein Künstler. Kein zufriedener Star im schicken Anzug, den die großen Erstliga-Megasammler und Auktionshäuser als Crystal Meth benutzen. Nehmen wir an, er sei kein selbsternannter, komischer Familienmensch wie Mitt Romney, kein hohler Depp. Stellen wir uns vor, er wäre nicht derart leicht zu erledigen, dass sogar komatösen Kritikern wie John Yau vor seiner Kunst der Gaul durchgeht: Er zerriss Koons’ blumenreiches „Puppy“, um dann zuzugeben, dass er die Skulptur nie gesehen hatte. (Yau hat mich außerdem einmal in einem Text verdroschen, weil ich sie mag.)

Nehmen wir schließlich noch an, dass Koons’ derzeitige beiden Riesenshows – eine auf dem Kampfstern Gagosian auf der 24th Street, die andere in der Filiale von David Zwirners Reich an der West 19th Street – in weniger überfrachteten Zusammenhängen stattfänden und vielleicht sogar die Doppelausstellung von irgendeinem anderen 58-jährigen Künstler anregen könnten. Er wäre dann ein Künstler, der einige der aufs Nervigste paradoxen Skulpturen der letzten 30 Jahre verantwortet, Arbeiten, vor denen man sich peinvoll windet und zugleich ihre Geheimnisse enträtseln will. Dann würde man eine Koons-Ausstellung mit dem Gefühl verlassen, dass tatsächlich noch etwas hinter seiner Kunst steckt. So jedenfalls erging es mir.  ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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