Holy Shit, so lebendig kann Malerei sein: Chris Ofili setzt New York unter Starkstrom

29.12.2014
Chris Ofili "Night and Day" (Installationsansicht, Courtesy New Museum, New York, Foto: Benoit Pailley)
Chris Ofili "Night and Day" (Installationsansicht, Courtesy New Museum, New York, Foto: Benoit Pailley)

"Wenn dieses Bild zensiert wird, sage ich die Ausstellung ab", zürnte Charles Saatchi am Morgen des 18. September 1999. Wir unterhielten uns gerade während des Aufbaus der "Sensation"-Schau im Brooklyn Museum, wo der englische Megasammler rund 40 junge britische Künstler aus seiner Kollektion präsentieren wollte. Ein paar Tage zuvor hatten die New Yorker "Daily News" mit der Schlagzeile "Brooklyn-Galerie des Schreckens. Eine schauderhafte Ausstellung sorgt für Streit" aufgemacht.

Der "Streit" drehte sich um ein einziges Werk: Chris Ofilis Darstellung einer schwarzen, in Himmelblau gehüllten Frau von 1996. Ihr wellig umrissenes Gesicht scheint aus Licht produzierenden Mikroorganismen zu bestehen, und um sie herum sieht man leuchtende Punkte aus Lackfarbe sowie aus Fotos ausgeschnittene Körperteile. Die rechte Brust ist aus Elefantenkot geformt und mit schwarzen Pins verziert. Das Gemälde steht auf zwei Kugeln aus Dung, auf denen man die mit Nadeln gesteckten Wörter "Virgin" und "Mary" liest. Ohne das Bild gesehen zu haben, befand es der damalige Bürgermeister Rudolph Giuliani für "krank" und schwor, dem Museum Millionen Dollar zu streichen.

Doch jetzt wird der Fluch endlich gebrochen: mit einer atemberaubenden Ofili-Werkschau, die das ganze New Museum in New York füllt. "Night and Day", so ihr Titel, stellt für mich einiges klar: zuallererst, dass Ofili einer der besten englischen Maler der vergangenen 60 Jahre ist. Seine Ideen sind denen von Lucian Freud oder Francis Bacon weit voraus. Bei ihm zeigt sich, wie unerschöpflich die Malerei ist.  ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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