Der Bob Marley der Kunstkritik: Zum Tod von Thomas McEvilley, 1939-2013

05.03.2013

Thomas McEvilly war Kunsthistoriker und Kritiker, Lehrer und Übersetzer, akademisch versiert in Latein, Griechisch, Sanskrit und klassischer Philosophie. Und er war einer der Vorkämpfer für die multikulturelle Perspektive, wie wir sie in der heutigen Kunstwelt kennen. 1984 organisierte das MoMA eine Ausstellung namens "Primitivismus in der Kunst des 20. Jahrhunderts: Die Beziehung von Tribalismus und Moderne". McEvilly knöpfte sich daraufhin in einigen ebenso brillant argumentierenden wie zornigen Briefen an die Zeitschrift "Artforum" das MoMA vor, und dehnte seine Kritik gleich noch auf alle anderen modern ausgerichteten Museen sowie die gesamte existierende kunsthistorische Infrastruktur aus.

Er behauptete – seinerzeit durchaus korrekt –, dass europäische und amerikanische Kunstgeschichte die Kunst und Künstler der dritten Welt nur wie Fußnoten zur westlichen Entwicklung behandelten und dabei die Vorgängigkeit dieser formalen Kulturen ignorierten. Asiatische und afrikanische Kunst galt gegenüber der westlichen Kunst und ihrer Künstler fast durchweg als minderwertig - und diese wiederum positionierte man als jeweils Meisterwerk und Genie gegen die Tribal Art, der so nur die Rolle der ewigen Stichwortgeberin oder Vorläuferin blieb. McEvilly wurde im Kampf gegen den kulturellen Imperialismus sozusagen zum Heerführer befördert, als zum allgemeinen Erstaunen die Kuratoren der Ausstellung im "Artforum" auf seine Vorwürfe reagierten. Für einige Ausgaben der Zeitschrift wurde die interessierte Welt Zeuge heftigster Wortgefechte.  ... weiterlesen

Richard Artschwager, 1923 - 2013

12.02.2013

Nur ein Künstler, der so außergewöhnlich scharfsinnig und erstklassig, eigenartig visionär und einfach nur eigenartig ist, wie Richard Artschwager es war, ist in der Lage, den gesamten Verlauf der menschlichen Evolution darzulegen, sie sogar irgendwie sinnvoll und gleichzeitig als umwerfende Erkenntnis erscheinen zu lassen. „Wir sind Tiere“, beginnt er. Ein bisschen wie „Pflanzen – nur schneller“. Wir begannen „mit einem gewissen Maß an Bewegung ohne bestimmtes Ziel“, dann kam „Erinnerung“ hinzu, was eine „Form der virtuellen Bewegung ist“, was laut Artschwager zu „einem ganzen Universum des Konjunktivs“ führt.

Was immer das alles bedeutet – er mutmaßte, dass „das genug war, um Kunst in Gang zu bringen“ und zu „der Geburt des Axioms“ führte, das den Anfang von ... Vernunft ... markiert und den sozialen Raum proklamiert“, was - Ta da! – „der natürliche Lebensraum für Kunst ist“. Wer hätte das geahnt? Wir sind Kunst machende Pflanzen.

Artschwagers Kunst involviert immer die genaue Betrachtung der Oberflächen und hinterfragt das Wesen eines Objekts. Sie will, dass man den Namen des Dings vergisst, das man betrachtet, damit es in der Vorstellung zu etwas wuchern kann, das unerwartete Unendlichkeiten auslöst. Er machte raue, verwirbelte Kohlezeichnungen auf holprigen Brettern, übergroße und seltsam geformte Skulpturen aus Resopal- und Sperrholzplatten. Diese sehen aus wie Möbel, die so wirken, als wenn sie sich in eine unlebendige Lebensform entwickeln könnten. Sie bringen einen aus der Fassung, unterbrechen die Wahrnehmung, stehen der Vernunft im Weg, um tieferes Nachdenken, weitere Betrachtung und unermessliche Dinge auszulösen. Im vergangenen Jahr schrieb ich über Artschwager – nach langer Verwirrung angesichts seiner Kunst hatte er mich für sich gewonnen. Man wird diese Pflanze vermissen. (Übersetzung: Carola Torti)
 

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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