Tilda Swinton in einer Kiste und Lebendkunst als das Crystal Meth des MoMA

26.03.2013

Auf das Museum of Modern Art scheinen lebende Kunstwerke im luftigen Atrium mittlerweile wie Crystal Meth zu wirken. Das Museum hängt an der Droge, seit Marina Abramovic - selbsternannte mystische Meisterin im Starren und darin, die Leute mit diesem Blick in die Augen zum Weinen zu bringen - monatelang in der Eingangshalle saß, während das Publikum Schlange stand, um ihr einen Moment gegenüber zu sitzen und sich als Teil eines Kunstwerks zu fühlen. Es war ein abgedrehter, nekromantischer Zirkus. Weiter oben wanderten ihre Fans zwischen nackten Männern und Frauen in Türrahmen ("sein Penis hat meinen Arm gestreift") oder begafften eine Frau, die hoch über ihnen auf einem Fahrradsitz hockte ("autsch"). Es gibt sogar einen Film, der auf den monatelangen Festlichkeiten basiert. Nach derselben Strategie produzierte man noch ein paar Fortsetzungen.

So organisierte die Künstlerin Martha Rosler einen Flohmarkt im Museum. (Wobei die Preise und Gäste eher nach High Society als Vorstadt aussahen.) Für den Zuschauer bestand der "Wert" oder das "Erlebnis" dieses Werks im Kontakt zur ausführenden Künstlerin -  der Künstler als Medium und Magier, live im Museum. Es war ein ziemlicher Hit und äffte dabei noch die traditionelle Kunst nach, indem es die Leute allein durch Roslers Anwesenheit so aufheizte, dass sie allen möglichen Kram zu Fantasiepreisen kauften. Aber so funktioniert eben die althergebrachte Chemie einer sauber verpackten, theatralisierten, theoretisierten, monetarisierten - und nicht zuletzt simplifizierten Kunst.  ... weiterlesen

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Unser Mann in New York: Jerry Saltz ist Chefkritiker des renommierten "New York Magazine" und wurde bislang dreimal für den Pulitzerpreis nominiert. Der "Observer" wählte ihn zu den 100 einflussreichsten New Yorkern. Monopol veröffentlicht seine Texte exklusiv in deutscher Sprache
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