Scotties Wohnung oder: wie David Reed ein Gemälde in den Hitchcockfilm "Vertigo" schmuggelte

von Jens Hinrichsen
09.04.2015
Bauarbeiten vor einer "Vertigo"-Location in San Francisco
Bauarbeiten vor einer "Vertigo"-Location in San Francisco

Auch in Kalifornien stehen Filmlocations nicht grundsätzlich unter Denkmalschutz. In San Francisco, Schauplatz meines Lieblingsfilms "Vertigo" (1958), sind viele Drehorte trotzdem noch identifizierbar. Was auch daran liegt, dass Alfred Hitchcock diverse städtische Sehenswürdigkeiten in den Fokus rückte: Vom Palast der Ehrenlegion am Lincoln Park über die Mission Dolores bis zum südlichen Ende der Golden Gate Bridge am Fort Point, wo die offenbar schwer neurotische Madeleine (Kim Novak) in die Bucht springt und vom Ex-Polizisten Scottie (James Stewart) herausgefischt wird.

Meine Location-Tour vor zwei Jahren führte mich natürlich auch in die Lombard Street 900, an Scotties Wohnort. Die Eckwohnung war fast 60 Jahre nach dem Dreh noch gut wiederzuerkennen, wurde aber damals radikal umgestaltet. Die Builder Boys waren nett und ließen sich bereitwillig fotografieren. "Vertigo" sagte ihnen nichts. Die Innenräume hätten wir nicht inspizieren dürfen, woran mir aber auch nichts lag, weil die Interieurs ja komplett erfunden und 1957 auf einer Studiobühne in Los Angeles aufgebaut worden waren.  ... weiterlesen

Unbekannte errichten Snowden-Denkmal in New York

07.04.2015
Foto: twitter.com/ANIMALNewYork
Foto: twitter.com/ANIMALNewYork

Die Website "Animal New York" dokumentierte die geheime Aktion der Künstler, die allerdings anonym bleiben wollen. 1,20 Meter hoch und 45 Kilo schwer ist die Büste Snowdens, die die Aktivisten auf das Prison Ship Martyrs’ Monument im Fort Green Park in Brooklyn setzten. Die Säule, die der Snowden-Büste wenige Stunden nicht nur als Sockel diente, sondern auch den Namen des NSA-Whistleblowers trug, ist eigentlich ein Mahnmal des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges.

Sie hätten "dem Mahnmal ein Update verpasst, um jene zu würdigen, die ihre Sicherheit dem Kampf gegen moderne Tyrannen geopfert haben", sagt das Künstlerkollektiv in seinem Statement auf der "Animal New York"-Website. Die Gruppe will den Menschen die Augen dafür öffnen, dass Snowden für etwas gekämpft habe, wofür man ihm Dankbarkeit schuldig sei.

Nach nur wenigen Stunden wurde der graue Snowden-Kopf von New Yorker Polizisten mit einer Plane abgedeckt und schließlich gänzlich entfernt. Die Begründung: Das Aufstellen nicht genehmigter Kunstwerke in öffentlichen Parks sei illegal.

Thank God It’s Good Friday – zu Ostern bringt die Berliner Staatsoper „Parsifal“ neu heraus

von Jens Hinrichsen
03.04.2015
Andreas Schager als Parsifal, Anja Kampe als Kundry im zweiten Akt. Foto: Ruth Walz
Andreas Schager als Parsifal, Anja Kampe als Kundry im zweiten Akt. Foto: Ruth Walz

Richard Wagners letzte Oper „Parsifal“, schreibt der amerikanische Science-Fiction-Autor Philip K. Dick, „gehört zu jenen tiefgründigen Kulturartefakten, die einem das Gefühl vermitteln, etwas gelernt zu haben, etwas Wertvolles oder sogar Unbezahlbares, bis man sich beim näheren Hinsehen plötzlich an den Kopf greift und sagt: ‚Einen Moment, das ergibt keinen Sinn.’“

Offenbar geht das: Ergriffensein und sich zugleich über die eigene Manipulierbarkeit wundern. Daniel Barenboim dirigiert den „Parsifal“ in einer Neuinszenierung der Berliner Staatsoper, der Bassist René Pape singt Gurnemanz, den alten Gralsritter. In der Karfreitagsszene heißt es: „Nun freut sich alle Kreatur auf des Erlösers holder Spur, will sein Gebet ihm weihen. Ihn selbst am Kreuze kann sie nicht erschauen: da blickt sie zum erlösten Menschen auf; der fühlt sich frei von Sündenlast und Grauen, durch Gottes Liebesopfer rein und heil (...)“. Das ist ein ziemlich grauenhafter Text, der allerdings gesungen wird. Pape, von den Klängen der Staatskapelle getragen, verzaubert diese Phrasen auf seinem Atemstrom, macht eine Elegie der Hoffnung daraus. Wenn Wagnermusik so fesselnd gespielt und gesungen wird, wirkt sie doch irgendwie wahrhaftig. Aber warum?  ... weiterlesen

Museumsbesucher interpretieren IKEA-Prints

von Daniel Völzke
29.03.2015
Foto: YouTube
Foto: YouTube

In den Niederlanden promotet der Möbelhersteller IKEA seine "Art Event Street Art collection 2015" mit einem Video, in dem ein Prankster ein Bild aus dem Sortiment den Besuchern des Museum Arnhems zeigt. Die loben es und halten es für teurer, als es ist. Dann wird ihnen enthüllt, dass es sich um erschwinglichen IKEA-Ramsch handelt, und alle sind entweder beschämt oder lachen drüber:

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Ich, bauchfrei zum Erfolg: Was ein neuer Nabelschau-Journalismus über den Betrieb verrät

von Antje Stahl
27.02.2015
James Franco wurde während der Berlinale Gegenstand des Ich-Journalismus
James Franco wurde während der Berlinale Gegenstand des Ich-Journalismus

Vor ein paar Tagen wurde auf der Seite des Medienkritikers Stefan Niggemeier ein Text auf die vorläufige Shortlist der dämlichsten Artikel des Jahres gesetzt. Es handelt sich dabei um den Erlebnisbericht einer Hospitantin des "Stern", die aus der Ich-Perspektive ihren Besuch einer Berlinale-Party in den Berliner KunstWerken nacherzählte. Sie will dort James Franco, den Gastgeber, kennen lernen und berichtet freimütig über ihre Gefühle, die die Veranstaltung in ihr auslöst. Dafür wurde sie von Boris Rosenkranz, von unzähligen Lesern und zahlreichen anderen Journalisten verrissen.
 
Ich würde dieser Nominierung hiermit gerne widersprechen und ihn vorläufig zum wichtigsten Text des Jahres ernennen. Er ist ein Meisterstück der Nachahmungskunst und ein Offenbarungseid, der mehr über die Verhältnisse des Journalismus- und Kunstbetriebs verrät als Medien- oder gar Kunstkritiken es mitunter leisten könnten.

Fangen wir mit der belächelten Form der Ich-Erzählung an: Sie ist zu einem beliebten und wichtigen Genre des deutschen Feuilletons geworden, das Autorinnen wie Antonia Baum, Redakteurin bei der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", meisterhaft beherrschen. Regelmäßig schreibt sie aus der Ich-Perspektive großartige Rezensionen oder Porträts etwa über ihre Heimat, den Odenwald. Ihr erster Roman "Vollkommen leblos, bestenfalls tot" wurde für den Bachmann-Preis nominiert, die literarische Form spricht aus vielen ihrer journalistischen Texte. Auch Helene Hegemann, ebenfalls Roman-Autorin, schreibt persönlich über Konzert- und Theaterbesuche.

Auch der Partybesuch und die subjektive Berichterstattung über dieselbe ist kein Blog- oder Tagebucheintrag mehr. Vor wenigen Wochen gerade erst wurde der Artikel einer jungen Bloggerin publiziert, die ebenfalls eine Berlinale-Party besucht hatte und darüber in einem überregionalen Medium, der "Welt am Sonntag", schrieb. Ronja Larissa von Rönne wurde für "Nutte oder erfolglose Schauspielerin" gefeiert und in den Zirkel der Autoren aufgenommen. Sie schreibt, sie verhandle gerade mit einem Literaturverlag über ihr erstes Buch. Glückwunsch! Im Gegensatz zu Baum, die als Roman-Autorin im Feuilleton arbeitet, wird eine Bloggerin also durch das Feuilleton zur Roman-Autorin. Sie hat sich in das Establishment, dem sie in ihrem eigenen Text ein Spiegelbild von Prostituierten und actimeltrinkenden Koksern vorhält, buchstäblich und erfolgreich eingeschrieben.

Ein recht ähnliches Beispiel dieser Art der Einschreibung ist die Bloggerin Despina Stokou. Auf der Seite bpigs.com machte sie sich als Künstlerin über Eröffnungen lustig, kritisierte Bewerbungsverfahren und Galerieverträge und wurde damit zu einer wichtigen Stimme in der Kunstszene. Wir haben es mit journalistischen Ich-Erzählungen zu tun, die gerne von Frauen gewählt wird. Hinzu kommen Porträts, mit denen sich Journalistinnen endlich auch auf Augenhöhe mit ihren Interviewpartnern darstellen, etwa Hannah Lühmann, Redakteurin im Feuilleton der Welt, mit einem Selfie von sich und Michel Houellebecq. (Auch ich versuche, Texte über Selbstversuche zu schreiben, als Schüler-Praktikantin bei der Hamburg Redaktion der Bild-Zeitung sollte ich außerdem als Gesicht für eine Geschichte im Botanischen Garten herhalten, als Dank dafür wurde mir leider von meinem Vorgesetzten bei meiner Verabschiedung die Hand auf den Hintern gelegt).  ... weiterlesen

Was würde der Dude dazu sagen: Nackte Künstlerin Moiré überrascht Museumsbesucher

von Daniel Völzke
24.02.2015
Foto: © Peter Palm
Foto: © Peter Palm

Milo Moiré ist wieder da! Am Sonntag lief die Schweizer Künstlerin bei der Finissage der Malerei-Schau "Das nackte Leben" selbst unbekleidet durch das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster, im Arm ein Baby. Sie hatte die Performance nicht mit dem Ausstellungshaus abgesprochen. "Das war nicht in unserem Sinne", hieß es später vom Museum. Nach Nacktauftritten vor der Art Basel und nach Erfindung einer erstaunlichen Maltechnik (Moiré presst farbgefüllte Eier aus ihrer Vagina und lässt sie auf Leinwänden zerspringen) nur ein weiterer Stunt einer publicitysüchtigen Skandalnudel?

Nicht doch! "Diese unmittelbare Erfahrung des lebendigen Aktes fordert dazu auf, gewohnte Wahrnehmungsformen zu reflektieren", schreibt Moiré in schönstem Bullshit-Bingo-Kunstjargon in einem Statement.

Das hat schon mal gut funktioniert. "Baby und Büppi – Nackts im Museum", titelte der Schweizer "Blick", der schon Wortschöpfungen wie "Kunstus Interruptus" für dermaßen "unmittelbare Erfahrung" gefunden hatte. "Bild" reagierte auf die "ungewohnten Wahrnehmungsformen" mit der kunsthistorisch sicher einmal relevanten Bezeichnung "Nacki-Ei-Künstlerin".

So weit, so dada – aber die wichtigste Frage ist noch offen: Ist "die Vagina-Künstlerin" ("Blick") nicht einfach eine Wiedergängerin der von Julianne Moore gespielten Künstlerin Maude Lebowski aus dem Film "The Big Lebowski"? Die Frisur, der Körper, die Attitüde – die Ähnlichkeit ist frappierend! Als Re-enactment dieser großartigen Filmfigur würde die Moiré-Kunst gleich doppelt und dreifach Sinn ergeben.

"My art has been commended as being strongly vaginal which bothers some men. The word itself makes some men uncomfortable. Vagina”, sagt Maude Lebowski bei der ersten Begegnung mit dem Dude. Der hat darauf nur eine Antwort, und die passt auch gut zu Milo Morés Kunst: "Oh yeah?"
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Viel mehr als "Fifty Shades of Grey" - ein Roman, ein Film, eine Rezension und die Folgen

von Jens Hinrichsen
17.02.2015
Das Klimakterium schlägt zurück: Plakat für für das Buch „Dominanz“
Das Klimakterium schlägt zurück: Plakat für für das Buch „Dominanz“

Sehr geehrte Janine S., lieben Dank für Ihren Facebook-Kommentar zu meiner Besprechung des Films „Fifty Shades of Grey“. Wenn ich einmal zusammenfassen darf: Sie schreiben „aus der Sicht einer Germanistin“, haben die der Verfilmung zugrundeliegenden Bücher gelesen und ärgern sich darüber, dass ich mir die Lektüre der Romantrilogie vor der Sichtung des Films gespart habe.

Sie haben ja so recht! „Und das Geständnis am Anfang disqualifiziert den Journalisten aber auch das Magazin Monopol sogleich!“ Auch das hat gesessen!  ... weiterlesen

Wer im Kino schläft, vertraut dem Film? Die Berlinacht ist nicht zum Schlummern da

von Jens Hinrichsen
13.02.2015
Nachts an einer Berlinale-Spielstätte: Kino International in der Karl-Marx-Allee
Nachts an einer Berlinale-Spielstätte: Kino International in der Karl-Marx-Allee

Ich will mich nicht mit guatemaltekischen Kaffeepflückern vergleichen. Am Vulkanrand, wo der bärenverdächtige Film „Ixcanul“ spielt, müssen die Arbeiter noch viel früher aufstehen als ein Berlinale-Journalist. Der trinkt ihren Hochlandkaffee und jammert noch über neun Tage umsonst Filme gucken.

Ich bin trotzdem müde. Das (Luxus-)Problem sind ja auch nicht die Filme, sondern das Drumherum. Ein Bett im Hyatt, das wäre schön!  ... weiterlesen

Hinter tausend Streifen keine Welt: Alexa Chung panthert für Longchamp durch eine Buren-Intervention

von Daniel Völzke
11.02.2015
Alexa Chung, fotografiert für Longchamp (alle Fotos: Longchamp)
Alexa Chung, fotografiert für Longchamp (alle Fotos: Longchamp)

Was hat sie nur? Das Londoner Model Alexa Chung läuft entschlossen von einer Wand zur nächsten, presst ihre Hände gegen farbige Platten, tippt mit ihren wunderschönen Fingern gegen die quadratischen Flächen, als vermute sie eine geheime Mechanik, durch die sich Türen auftun, ein Ausweg aus dem Kunstwerk. Chung bewegt sich in diesem Spot nämlich in einer Arbeit von Daniel Buren. Der französische Künstler hatte diese Außen-Installation aus verspiegelten Wänden, gestreiften Podesten und abstrakten Farbfeldern im vergangenen Sommer in Marseille eingerichtet. Seit dieser Woche ist der Werbeclip im Rahmen der neuen Sommerkampagne des französischen Modelabels Longchamp zu sehen, das bereits mit der Künsterin Sarah Morris zusammengearbeitet hat.

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