Kunst und Leben
Die Monopol-Redaktion über den ästhetischen Alltag

Kunst-Jargon unter der Glasglocke

von Antje Stahl
23.04.2013
Karin Harrasser & Alexander Martos "Der White Cube ist gefräßig", 2013
Karin Harrasser & Alexander Martos "Der White Cube ist gefräßig", 2013

Der Alptraum (vielleicht auch ein Segen) für jeden Verfasser von Texten über Kunst heißt Kunstbingo. Es ist ein Spiel, das sich ein paar Kunstprofis aus Berlin ausgedacht haben, und geht in etwa so: Einer liest die Pressemitteilung einer Ausstellung vor und lässt das ein oder andere Wort aus, damit die anderen es erraten können.

Mir begegnete das Spiel zum ersten Mal im Winter im Glaskastencafé der Berliner Kunst-Werke. Dort saß ich mit Freunden, und weil das Gespräch nicht so richtig anlaufen wollte, schlugen sie vor, Kunstbingo zu spielen.

Man kann sich vorstellen, was man durchmacht, wenn die Freunde sich vor den eigenen Augen und Ohren so über einen Text lustig machen, fast jedes ausgelassene Wort kennen - man muss sich ja nur mal vorstellen, der eigene Text würde da auf so einem Tisch liegen, mit Wein besudelt und in seine Einzelteile zerlegt werden. Wann habe ich zum letzten Mal etwa die beliebten P-Wörter eingesetzt - Performanz, Projekt, Praxis?

Um Fragen und Selbstzweifel wie diese gar nicht erst aufkommen zu lassen, haben sich andere Kunstprofis jetzt etwas einfallen lassen. Für eine Ausstellung in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst, kurz NGBK, haben sie ein Glossar inflationärer Begriffe herausgegeben, um den Einsatz etwa der beliebten K-Wörter „kommunikativ“, „kreativ“ oder „kritisch“ in Zukunft etwas einzuschränken. Außerdem ein System erfunden, das das ein oder andere Wort einfach mal aus dem Verkehr zieht, es endlich vor dem inflationären Gebrauch schützt.

Unter Glasglocken schlummern bereits die Begriffe „Spekulation“, „Performanz“ und „Perzept“. Andere können von den Besuchern vorgeschlagen werden. Jeder darf ein Wort, das man für eine Weile nicht mehr lesen mag, auf einen Zettel schreiben und in einen Zettelkasten schmeißen – auf dass es von dem Germanisten Joseph Vogl im Gespräch mit den Erfindern Karin Harrasser und Alexander Martos am Tag der Finissage wieder reaktiviert wird.

Auch ich habe mir ein Wort ausgesucht, weil ich finde, dass man es wirklich, wirklich einmal schonen müsste, wenigstens für kurze Zeit, wenigstens für den Frühling: KUNST (hier neun Mal verwendet).

 
 
"Die Irregulären: Ökonomien des Abweichens", NGBK, bis 2. Juni

Tags: Kunst-Jargon, NGBK Berlin

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